Rezension über:

Helge Bei der Wieden (Hg.): Elisabeth von der Pfalz, Äbtissin von Herford, 1618-1680. Eine Biographie in Einzeldarstellungen (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen; 245), Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2008, 207 S., 1 Farb-, 11 s/w-Abb., ISBN 978-3-7752-6045-9, EUR 25,00
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Rezension von:
Ute Küppers-Braun
Essen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Ute Küppers-Braun: Rezension von: Helge Bei der Wieden (Hg.): Elisabeth von der Pfalz, Äbtissin von Herford, 1618-1680. Eine Biographie in Einzeldarstellungen, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 5 [15.05.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/05/16186.html


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Helge Bei der Wieden (Hg.): Elisabeth von der Pfalz, Äbtissin von Herford, 1618-1680

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Elisabeth von der Pfalz, die älteste Tochter des 'Winterkönigs' Friedrich V. ist wohl die einzige frühneuzeitliche Fürstäbtissin eines freiweltlichen Damenstifts im Alten Reich, die auch im europäischen Ausland Beachtung gefunden hat. Wegen ihrer Kontakte zu Descartes, Leibniz und anderen Philosophen und Theologen machten in den letzten Jahren angelsächsische, meist feministisch orientierte Philosophinnen (Mary Ellen Waithe, Andrea Nye, Lisa Shapiro) [1] wiederholt auf sie aufmerksam. Schon Zeitgenossen, wie z. B. der Orientalist Johann Heinrich Hottinger, Johann Gerhard Meuschen, Christoph Christian Haendel und Christian Franz Paullini, wussten um Elisabeths Gelehrsamkeit. [2] Gleichwohl - das Wissen um diese Frau blieb punktuell und lückenhaft, so dass eine neue Biographie durchaus wünschenswert erscheint.

Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis eines Symposions, das im März 2007 in Herford stattfand. Nach zwei einleitenden Beiträgen zu den "Reichsabteien im Verfassungssystem des Alten Reiches" von Eike Wolgast und einem summarischen Überblick zum biographischen Forschungsstand ("Elisabeth in ihrer Zeit" von Helge bei der Wieden) folgen acht Aufsätze, welche die Beziehungen Elisabeths zu Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen, den Spiritualisten (Dietrich Blaufuß) und den Quäkern (Lore Blanke), zu verwandten Adelshäusern, den hannoverschen und Wolfenbütteler Welfen (Dieter Brosius bzw. Maria Munding), sowie zur Stadt Herford (Nicolas Rügge) behandeln. Sie geben den aktuellen Stand der Forschung wieder, die sich in der Vergangenheit großenteils eher für die jeweiligen Bezugspersonen als für Elisabeth selbst interessierte. Eine kritische Bestandsaufnahme der erhaltenen Porträts von Elisabeth bietet Alheidis von Rohr. Sonja Langkafel zeigt, wie sehr "Elisabeth im Gedenken der Herforder" bei Bedarf immer wieder für städtische Belange instrumentalisiert wurde.

Der Beitrag von Gerd van den Heuvel greift den zentralen Aspekt auf, durch den Elisabeth als "gelehrte Frau" berühmt wurde: "Elisabeth und die Philosophen". Beleuchtet werden ihre Beziehungen zu Descartes, Franciscus Mercurius van Helmont, Nicolas Malebranche und zu Gottfried Wilhelm Leibniz, mit denen sie in brieflichem oder direktem Kontakt stand. Van den Heuvel wendet sich überzeugend gegen die neueren feministischen Arbeiten, die Elisabeth zur beinahe gleichrangigen Philosophin mit den Genannten machen wollten. Seine These ist, dass Elisabeth Descartes weniger als Philosophen denn als "Therapeuten" brauchte, um "ihrer labilen Psyche Halt zu geben" (67). Er verweist in diesem Kontext auf ihre "zwischen Theologie, philosophischem Rationalismus, Neuplatonismus, Mystizismus und protestantischem Sektierertum mäandernde intellektuelle Biographie" (60) - was zu damaliger Zeit allerdings eher die Regel als die Ausnahme war - und auf die meist kaum zur Kenntnis genommene Tatsache, dass es neben ihrer Korrespondenz - ganz anders als bei ihrer Jugendfreundin Anna Maria von Schurmann - keinen einzigen eigenen philosophischen Text von ihr gibt. Van den Heuvel sieht Elisabeths Verdienste deswegen weniger "in ihrer intellektuellen Affinität zu bestimmten Philosophen" (75) als vielmehr in ihrem Bemühen, "Freiräume mit einem Klima der Toleranz zu schaffen, die nicht vom politischen Kalkül bestimmt waren" (75). Allerdings muss wohl auch diese Aussage kritisch hinterfragt werden. Denn gerade die Zeit, in der sie als Fürstäbtissin von Herford in dieser Hinsicht gestalterisch hätte tätig werden können, ist quellenmäßig kaum zu fassen, da die Regierungs- und Gerichtsakten nicht erhalten sind (55). Mangels fehlender Quellen - Elisabeth hatte ihre Korrespondenz vernichten lassen (8) - müssen leider viele Fragen offen bleiben.

Vielleicht ist im Verlust dieser Quellen einer der Gründe zu sehen, dass ein wesentlicher Aspekt der Biographie fehlt: Elisabeth und das Stift Herford. Man vermisst in dem vorliegenden Band sowohl einen Beitrag zu Elisabeths Tätigkeit als Regentin ihres kleinen Fürstentums bzw. als Vorsteherin ihres Kapitels als auch zur Einordnung der Gesamtinstitution in den Verfassungsorganismus des Alten Reiches. Wer eine solche Verortung von dem ersten Beitrag "Die Reichsabteien im Verfassungssystem des Alten Reiches" erwartet, wird enttäuscht. Wolgast referiert im Wesentlichen seine bekannten Ergebnisse im Hinblick auf die mittelalterliche und reformationszeitliche Reichskirche mit dem Schwerpunkt auf den von Männern besetzten Reichsklöstern, -abteien und Domkapiteln. Herford und die gerade in der Frühen Neuzeit zum Vergleich heranzuziehenden höchst interessanten anderen hochadeligen freiweltlichen Damenstifte (Essen, Gandersheim, Quedlinburg) bleiben bei Wolgast marginal, zumal er hier - wenn überhaupt Bezug genommen wird - nur Überblickswerke zugrunde legt; Thorn/NL, Vreden, Buchau, St. Ursula in Köln und Elten, das zeitweise vor Elisabeths Amtszeit in Personalunion mit Herford regiert wurde, werden gar nicht erwähnt.

Auch ein Vergleich mit der fast zeitgleich in Quedlinburg als Pröpstin und Äbtissin amtierenden Anna Sophia von Hessen-Darmstadt (geb. 1638, gest. 1685), die als gelehrte Frau ebenfalls mit Anna Maria von Schurmann in Verbindung stand und sogar selbst eine in zwei Auflagen gedruckte Andachtsschrift sowie mehrere Kirchenlieder verfasste, hätte reizvoll sein können.

Insgesamt hinterlässt der Band einen zwiespältigen Eindruck. Es ist sein Verdienst, die bisher recht verstreut vorliegenden Informationen über Elisabeth von der Pfalz gebündelt und damit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht und in manchen Bereichen ergänzt und vertieft zu haben. Auf dieser Grundlage können intensivere Forschungen aufbauen, die die hier gesammelten 'Mosaiksteine' in Zukunft hoffentlich zu einem einheitlichen Gesamtbild ihrer Biographie zusammenfügen werden.


Anmerkungen:

[1] Zuletzt: Princess Elisabeth of Bohemia and René Descartes. The Correspondence between Princess Elisabeth of Bohemia and René Descartes. Edited and translated by Lisa Shapiro. The University of Chicago Press. Chicago & London 2007.

[2] Vgl. Elisabeth Gössmann (Hg.): Eva Gottes Meisterwerk (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung, Bd. 2). 2. überarbeitete u. erweiterte Auflage München 2000, 160, 191, 225, 316-319; dies.: Kennt der Geist kein Geschlecht? (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung, Bd. 6). München 1994, 281-284.

Ute Küppers-Braun