Rezension über:

Norbert Müller / Helma Kaden / Gerlinde Grahn u.a. (Bearb.): Das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Eine Dokumentation (= Materialien aus dem Bundesarchiv; Heft 16), Koblenz: Bundesarchiv 2007, 620 S., ISBN 978-3-86509-767-5, EUR 24,00
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Rezension von:
Timm C. Richter
Münster
Empfohlene Zitierweise:
Timm C. Richter: Rezension von: Norbert Müller / Helma Kaden / Gerlinde Grahn u.a. (Bearb.): Das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Eine Dokumentation, Koblenz: Bundesarchiv 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 5 [15.05.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/05/15792.html


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Norbert Müller / Helma Kaden / Gerlinde Grahn u.a. (Bearb.): Das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Eine Dokumentation

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Es zählt zu den Besonderheiten von Nachrichtendiensten, dass sie von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben sind und dies auch von Amts wegen fördern müssen, wofür schon der Terminus "Geheimdienst" steht. Dies galt auch für den deutschen Auslandsnachrichtendienst der Jahre 1921 bis 1944, die Abwehr. Die Geschichte dieser Organisation ist zudem untrennbar mit ihrem langjährigen Leiter Admiral Wilhelm Canaris verbunden, der 1944 seines Amtes enthoben und noch kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. Während zu seiner Person schon einige, meist populärwissenschaftliche Abhandlungen existieren, steht eine wissenschaftliche Darstellung der Abwehr noch aus, was insbesondere der Quellenlage geschuldet ist.

Diese zu verbessern, aber auch um einer "Legendenbildung keinen weiteren Vorschub [zu] leisten" (37), ist das Ziel einer vom Bundesarchiv veröffentlichten Dokumentation. Die Edition soll, so der bereits im September 2006 verstorbene Hauptherausgeber Norbert Müller, einen "dokumentarischen Einblick in wesentliche Bereiche und Tätigkeiten" (39) des Dienstes geben. Die Veröffentlichung basiert auf einer Sammlung der staatlichen Archivverwaltung im Ministerium des Inneren der DDR, die 1994 vom Bundesarchiv und vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt übernommen und durch weitere Dokumente aus anderen Archiven, vor allem des Auswärtigen Amts, ergänzt wurde. Ausländische Archive hingegen wurden nicht herangezogen. Etwa 90 Prozent der Dokumente werden hier zum ersten Mal veröffentlicht, einige wenige sind aber bereits bekannt, etwa aus dem Nachlass von Helmuth Groscurth (Nr. 50).

Dem Dokumententeil vorangestellt ist eine von Brün Meyer, Tilmann Koops und Norbert Müller verfasste Einleitung, in der ein Überblick über die Geschichte der Abwehr von ihren Wurzeln im kaiserlichen Geheimdienst, der Aufbauarbeit in der Weimarer Republik, besonders während Ära Schleicher, der Etablierung im Zuge der Aufrüstung bis zum Niedergang und der Auflösung gegeben wird. Störend sind hier lediglich die Brüche, die auf die unterschiedlichen "Handschriften" der Verfasser zurückzuführen sind.

Es folgen 285 Dokumente, die den Zeitraum von März 1928 bis Juli 1951, also über den Zeitpunkt der offiziellen Auflösung der Abwehr am 1. Juli 1944 hinaus, abdecken. Der zeitliche Schwerpunkt liegt aber eindeutig in den Jahren 1941 bis 1943, während lediglich drei Dokumente vor 1933 datiert sind. Die meisten Vorgänge betreffen die Sowjetunion, die deutsch besetzten Gebiete sowie antibolschewistische und nationalistische Gruppen. Der Schwerpunkt der Arbeit der Abwehr lag dennoch woanders, was durch die Auswahl der Dokumente auch gut illustriert wird. Zum einen sollten in befreundeten oder neutralen Staaten sogenannte Kriegsorganisationen (KO) aufgebaut werden. Diese, zumeist den deutschen Botschaften und Gesandtschaften angeschlossenen Abwehrstellen, waren vor allem gegen die Westalliierten gerichtet. Zum anderen sollten an der Peripherie von Marokko bis Afghanistan Aufstandsbewegungen initiiert werden. Beides schlug fehl. Die deutschen Bemühungen etwa um eine Aufstandsbewegung im arabischen Raum scheiterten an den Eifersüchteleien der dortigen Führer (Nr. 160). Die Deutsch-Arabische Lehrabteilung endete somit reichlich unspektakulär (Nr. 194).

Die Arbeit der KO in den neutralen Ländern wurde proportional zum Kriegsverlauf immer schwieriger bis unmöglich (z.B. Nr. 211). Überhaupt ist eine Reihe von Fehlschlägen aufgeführt, besonders in Bezug auf Aktionen gegen Großbritannien oder die USA (z.B. Nr. 171). Verheerender für das Ansehen der Abwehr war aber der Irrglaube, dass die alliierte Hauptlandung an der belgischen Küste zu erwarten sei, welcher noch am 8. Juni 1944 aufgrund von aufgefangenen Funksprüchen vertreten wurde (Nr. 250). Das Ende der Abwehr war aber bereits durch einen Führerbefehl vom 12. Februar 1944 (Nr. 230) besiegelt, stand also nicht ursächlich in Zusammenhang mit dem Versagen bei der Vorhersage der Invasion oder dem 20. Juli. Es war vielmehr ein schleichender, für den NS-Staat typischer Prozess von inneren Reibungen und Erosionen. Das Ausgangsproblem der Abwehr war das Fehlen einer "Exekutive"; man war also zunächst auf die Zusammenarbeit mit der Kripo und später der Gestapo angewiesen (45). Die hierbei vorprogrammierten Spannungen konnten auch nicht durch die Grundsätze für die Zusammenarbeit zwischen Gestapo und Abwehr, den sogenannten 10 Geboten (Nr. 21), ausgeräumt werden. In den internen Abnutzungskämpfen mit der SS und dem Auswärtigen Amt war die Abwehr ein schwacher Akteur, von dem letztlich nur die im aktiven Truppenbereich tätigen Teile übrig blieben.

Die Dokumentation bietet aber noch mehr Einblicke. So wird etwa die auffällig gute Zusammenarbeit mit dem italienischen Nachrichtendienst (z.B. Nr. 19) sowie die frühe und intensive Zusammenarbeit mit ukrainischen Nationalisten (z.B. Nr. 40, 43) bestätigt. Einiger Platz wird dem "Lehrregiment Brandenburg z.b.V. 800" eingeräumt. Der Leser erfährt interessante Einzelheiten über seine Aufstellung (Nr. 83), über ein spektakuläres, aber erfolgloses Kommandounternehmen in Tschetschenien (Nr. 177) sowie darüber, dass im "Fall Achse" die "Kennzeichnung unzuverlässiger Elemente und jüdischer Händler" eine "dringliche Aufgabe" dieser Einheit gewesen sei (Nr. 204). Spannend lesen sich auch die V-Mann Berichte, die aber kaum noch auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden können. Hierunter fällt auch ein Bericht, nach dem der Vatikan alles tun werde, "um den Kriegsausbruch [gegen die Sowjetunion] zu beschleunigen und Hitler dazu sogar unter Zusage moralischer Hilfestellung zu ermuntern" (Nr.111).

Den Dokumenten folgen Anlagen, die vor allem organisatorische und personelle Details bieten (Stellenbesetzungen). Abgerundet wird die Edition durch eine Konkordanz, ein Quellenverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis, eine sehr knappe Auswahlbibliografie, einen Personenindex, in dem sich keine über die Dokumente hinausgehenden Informationen finden lassen, und einem Ortsindex.

Das selbst gesteckte Ziel, "dokumentarischen Einblick in wesentliche Bereiche und Tätigkeiten" (39) der Abwehr zu gewähren, wird durch die Dokumentation erreicht. Das bedeutet aber auch, dass der Leser mit sehr vielen Fragebögen, Merkblättern und dienstlichen Anordnungen konfrontiert wird, die zum Dienst gehörten. Die chronologische Anordnung der Dokumente ist zwar nachvollziehbar, aber nicht immer hilfreich, da einzelne Vorgänge neben- und durcheinander geraten. Es wäre zu überlegen gewesen, ob nicht eine Unterteilung nach thematischen Kriterien besser gewesen wäre. Auch ein Sachindex wird schmerzlich vermisst. Überhaupt wären bei einzelnen Vorgängen mehr Erläuterungen wünschenswert gewesen, da der Ausgang vieler Aktionen so im Dunklen bleibt. Auch der Kontext erschließt sich dem Leser nicht immer, sodass es teilweise schwerfällt, die Relevanz der Dokumente zu erkennen. Es liegt natürlich in der Natur von Quellensammlungen, dass sie Steinbrüchen gleichen, in denen die Interessierten Material abtragen können. Vor diesem Hintergrund und weil bis jetzt weder eine umfangreiche Quellenedition zur Abwehr, geschweige denn eine wissenschaftliche Darstellung vorliegen, handelt es sich um eine wichtige Veröffentlichung. Es bleibt zu hoffen, dass sich besonders in den ausländischen Archiven noch weitere Puzzlestücke finden lassen. Neue Erkenntnisse etwa zum Fall Jerzy Sosnowski oder zur Operation "Double Cross" - eine der größten Niederlagen, die je ein Nachrichtendienst erlitt - finden sich in dieser Dokumentation nicht. Auch einen deutschen James Bond sucht man vergebens; kein Wunder, Ian Fleming arbeitete für die Konkurrenz.

Timm C. Richter