Rezension über:

Robin Curtis / Gertrud Koch (Hgg.): Einfühlung. Zu Geschichte und Gegenwart eines ästhetischen Konzepts, München: Wilhelm Fink 2009, 279 S., ISBN 978-3-7705-4588-9, EUR 34,90
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Rezension von:
Hubertus Kohle
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Hubertus Kohle: Rezension von: Robin Curtis / Gertrud Koch (Hgg.): Einfühlung. Zu Geschichte und Gegenwart eines ästhetischen Konzepts, München: Wilhelm Fink 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/16352.html


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Robin Curtis / Gertrud Koch (Hgg.): Einfühlung

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Die Einfühlungsästhetik, Teil einer psychologischen Theorie, die im projizierenden "Anteil des Betrachters" ein wichtiges, ja das eigentliche Movens künstlerischer Aussagekraft entdeckt, hat ihre Hochzeit im späten 19. Jahrhundert. Theodor Lipps, Robert Vischer, Johannes Volkelt und andere haben ihre psychologische Arbeit weitgehend dem Nachweis gewidmet, dass der Mensch auf den unterschiedlichsten Ebenen die eigene Verfasstheit auf die Objektwelt überträgt und Wahrnehmung der Wirklichkeit somit grundsätzlich als Vermenschlichung zu deuten ist, die jeglicher Objektivität Grenzen setzt. In der Kunstgeschichte hat Heinrich Wölfflin diese Auffassung mit seiner Dissertation "Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur" (1886) fruchtbar gemacht. In der Folge wurde das Paradigma der Einfühlung zu einem universellen, dabei aber auch trivialisierten Schlüssel für unzählige, eher zweifelhafte Kunstdeutungen, worauf im vorliegenden Band Joseph Imorde hinweist. In der Wissenschaft ist nicht zuletzt aus diesem Grund die Einfühlung lange Zeit ein wenig in der Versenkung verschwunden, wozu auch die harte Kritik der Phänomenologie beigetragen hat.

Der hier zu besprechende Sammelband aber ist selber Beleg dafür, dass der Begriff und das dahinterstehende Konzept momentan eine Renaissance erleben. Das dürfte mit der in den Kulturwissenschaften zuletzt verstärkt zur Kenntnis genommenen neuronal gestützten psychologischen Forschung zusammenhängen. Stichwort Spiegelneuronen. Im Übrigen aber wird man das Phänomen im Anschluss an die Behauptung von Juliet Koss auch als Reaktion auf den "rigorosen Intellektualismus des poststrukturalistischen Diskurses" (107) zurückführen und darauf hoffen dürfen, dass auf abgehobene Zerebralität wieder etwas bodenständigere Vitalität folgt. Koss selber spricht in dem Beitrag zwar von den "Grenzen der Einfühlung" (um die es auch in dem Beitrag von Frederic J. Schwartz geht) , wenn sie aber als Beleg dafür Wilhelm Worringer mit seiner berühmten Polarität von "Abstraktion und Einfühlung" anführt, so darf man hier auf das Buch von Jutta Müller-Tamm hinweisen, die schlüssig nachgewiesen hat, dass Worringers Abstraktions-Kategorie mit der der Einfühlung nicht gleichgeordnet, sondern von dieser abgeleitet ist. [1]

Dass die beiden Herausgeber des Bandes Filmwissenschaftlerinnen bzw. Filmemacherinnen sind, zeigt an, dass die "Einfühlung" inzwischen gerade auch im Hinblick auf Bewegtbilder entdeckt wird. Dafür stehen hier vor allem die Beiträge von Scott Curtis, Giuliana Bruno, Ed Tan, Christine N. Brinckmann und Antonia Lant. "[...] dass alles, was in der Einfühlungsästhetik virtuell und latent bleibt - Bewegung im Bild und im Zuschauer - in der Filmerfahrung inwendig und buchstäblich wird" (Curtis, 96), zeigt die Nähe von Theorie und Film an: Für den Einfühlungsästhetiker ist die körperliche Bewegtheit des Rezipienten zentral, in ihr schlägt sich ästhetischer Genuss auf geradezu physiologische Weise nieder. Im Film ist diese Bewegtheit schon auf der Ebene des künstlerischen Angebotes konkretisiert. Wer sich die körperlichen Reaktionen des Filmzuschauers vor Augen hält, die in ihrer Intensität über diejenigen weit hinausgehen, welche vor unbewegten Bildern zu erwarten sind, kann ermessen, wie bedeutungsvoll die Ansätze der Psychologen des späten 19. Jahrhunderts für die Filmwissenschaft sind. A propos: Ist es Zufall, dass das die Zeit ist, in der der Film erfunden wird?

Neben den filmwissenschaftlichen Beiträgen bleiben die allgemeiner kunsthistorisch und wissenschaftsgeschichtlich akzentuierten Aufsätze zu erwähnen. In ihrem Beitrag zur "Beseelung der Architektur. Empathie und archiktektonischer Raum" unterstreicht Kirsten Wagner zu Recht, dass Schmarsows Raum-Architekturgeschichte gleichfalls auf den Grundlagen der Einfühlungsästhetik ruht, obwohl er sich von Lipps und vor allem Wölfflin entschieden absetzt. Daneben weist ein Beitrag von Zeynep Celik Alexander auf den engen Zusammenhang von Einfühlungstheorie und Jugendstilkunst hin.

Insgesamt ein interessanter Sammelband auf der Höhe der Zeit. Zu fragen bleibt, ob man englisch verfasste Beiträge heutzutage tatsächlich noch ins Deutsche übersetzen sollte. Gelesen werden sie dann definitiv seltener, und besser werden sie auch nicht, worauf manche sprachliche Unbeholfenheit auch im vorliegenden Fall hinweisen mag.


Anmerkung:

[1] Jutta Müller-Tamm: Abstraktion als Einfühlung. Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne, Freiburg im Breisgau 2005. Vgl. meine Rezension: http://www.sehepunkte.de/2007/06/9857.html

Hubertus Kohle