Rezension über:

Danuta Kneipp: Im Abseits. Berufliche Diskriminierung und politische Dissidenz in der Honecker-DDR, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, 208 S., ISBN 978-3-412-20351-1, EUR 35,90
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Rezension von:
Roger Engelmann
Abteilung Bildung und Forschung, BStU, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Roger Engelmann: Rezension von: Danuta Kneipp: Im Abseits. Berufliche Diskriminierung und politische Dissidenz in der Honecker-DDR, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/16349.html


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Danuta Kneipp: Im Abseits

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Berufliche Diskriminierung spielte in der DDR bei der Bekämpfung politisch abweichenden Verhaltens eine zentrale Rolle. Bereits der Zugang zu den meisten Ausbildungsgängen, die Voraussetzung für höher qualifizierte Tätigkeiten waren, war von politisch konformem oder zumindest unauffälligem Verhalten abhängig. Berufliche Sanktionen gegen Erwerbstätige, die sich oppositionell oder widerständig betätigten, spielten in der Repressionspraxis der SED in allen Phasen der DDR-Geschichte eine Rolle.

Eine besondere Bedeutung erlangten Maßnahmen der beruflichen Ausgrenzung in der Ära Honecker, als die DDR aus Gründen der außenpolitischen Reputation zunehmend offene Repressionsformen, vor allem strafrechtlicher Art, zu vermeiden suchte. Bei der politisch motivierten beruflichen Diskriminierung handelte sich um eine weitgehend verdeckte staatliche Praxis, die keinerlei Rechtsgrundlage hatte, vielmehr oftmals das geltende Arbeitsrecht missachtete oder beugte. Eine Vielzahl von Akteuren - in Kaderabteilungen, Ämtern für Arbeit und Gerichten - war an diesem außerlegalen Handeln beteiligt. Zumeist führte die Staatssicherheit im Hintergrund Regie.

Die vorliegende Studie von Danuta Kneipp, die 2008 an der Humboldt-Universität zu Berlin als Dissertation angenommen wurde, widmet sich diesem wichtigen Thema, das bisher noch nicht systematisch erforscht wurde. Sie stützt sich dabei auf lebensgeschichtliche Interviews mit 25 Personen, die in den 1970er und 1980er Jahren auf unterschiedliche Weise mit dem SED-Staat in Konflikt gerieten (die Autorin verwendet den Begriff "Dissidenten"). Darüber hinaus wertet sie Archivalien aus, überwiegend Stasi-Unterlagen.

Die Arbeit zerfällt in drei Großkapitel. Im ersten werden die berufssoziologischen Implikationen sowie die normativen und praktisch-politischen Aspekte der Ausgrenzung dargelegt. Im zweiten Kapitel stellt Kneipp sechs "Stellvertreterfälle" ausführlich vor: drei "führende Oppositionelle" (Martina Krone, Ludwig Mehlhorn und Gerd Poppe) und drei "nicht-organisierte politische Gegner". Da die Autorin auf die Erarbeitung einer Falltypologie verzichtet, ist nicht ganz klar, welchen Stellenwert diese Fälle haben. Das dritte Großkapitel behandelt - überwiegend anhand der Interviews - die Wahrnehmung der Ausgrenzung durch die Betroffenen sowie die aufgrund der Ausgrenzung entstandenen berufsbiografischen Problemlagen und alternativen Handlungsräume.

Es wird deutlich, dass der SED-Staat durch seine Praxis der beruflichen Ausgrenzung von Personen, die sich politisch abweichend verhielten, diese zwar manchmal demoralisierte, deren Einflussmöglichkeiten begrenzte und Abschreckungsszenarien schuf, aber gleichzeitig seine eigenen Möglichkeiten, auf die Diskriminierten weiterhin Einfluss zu nehmen, dramatisch beschränkte. Das war insbesondere der Fall, wenn sie in Positionen gedrängt wurden, in denen sie "nichts mehr zu verlieren" hatten oder sich beruflich unter die Obhut der Kirche begaben. Nicht selten wurden die Betroffenen durch die berufliche Diskriminierung erst zu wirklichen Regimegegnern.

Die Machthaber und insbesondere die Staatssicherheit waren sich dieses Mechanismus' durchaus bewusst (was die Autorin allerdings weitgehend übersieht). In den 1980er Jahren wurde das Ausgrenzungsinstrumentarium daher zurückhaltender gehandhabt, um einer etwaigen "Rückgewinnung" nicht von vornherein jegliche Grundlage zu entziehen. Trotzdem konnte der SED-Staat das Dilemma seiner eigenen Ausgrenzungspraxis nicht auflösen. Die Ausgegrenzten waren den Sozialisationsmechanismen, die Konformität im Sinne des Regimes erzeugten, weitgehend entzogen. Ihre Desintegration setzte Kapazitäten frei, die alternativen Handlungszusammenhängen zugutekamen und so die "strukturelle Professionalisierung politischer Gegnerschaft" (177) ermöglichten.

Die Arbeit von Danuta Kneipp vermittelt grundlegende Erkenntnisse und ist eine wichtige erste Annäherung an das Thema. Sie stützt sich dabei ausgiebig auf unterschiedliche sozialwissenschaftliche Theorieansätze und die entsprechende Terminologie, was jedoch mitunter nicht mit Klarheit und Stringenz der Analyse einhergeht und die Lektüre des Textes immer wieder zu einem mühsamen Unterfangen macht. Eine bessere historiografische Kontextualisierung des Themas hätte weitere Erkenntnisebenen aufgeschlossen und Entwicklungslinien freigelegt, die nur implizit hier und da aufscheinen. Symptomatisch ist, dass Danuta Kneipp die normative Seite der Ausgrenzungspraxis anhand von Anweisungen zur Diskriminierung der Ausreisewilligen beschreibt, aber nicht problematisiert, dass die "Dissidenten" ihres Samples anders agierten und auch mit einem unterschiedlichen taktischen Kalkül der Staatsmacht zu rechnen hatten. Auch bleibt vollkommen unterbelichtet, dass die Ära Honecker verschiedene Phasen aufweist, die sich im Hinblick auf Bedingungen, Konstellationen und Strategien der Akteure zum Teil erheblich unterscheiden.

Roger Engelmann