Rezension über:

Walter Goffart: Barbarians, Maps, and Historiography. Studies on the Early Medieval West (= Variorum Collected Studies Series; Bd. 916), Aldershot: Ashgate 2009, X + 331 S., ISBN 978-0-7546-5984-6, GBP 70,00
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Rezension von:
Mischa Meier
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Mischa Meier: Rezension von: Walter Goffart: Barbarians, Maps, and Historiography. Studies on the Early Medieval West, Aldershot: Ashgate 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/16136.html


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Walter Goffart: Barbarians, Maps, and Historiography

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Mit Walter Goffart hat einer der prominentesten Historiker für die Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter nunmehr einen Teil seiner Aufsätze in der angesehenen Reihe "Variorum Collected Studies" erneut publiziert. Die im hier anzuzeigenden Band versammelten Arbeiten bewegen sich hauptsächlich in den Bereichen der Wissenschaftsgeschichte (mit einem Schwerpunkt auf Fragen der Kartographie) und der spätantik-frühmittelalterlichen Historiographie. Neben dem Register, das eine Erschließung der Studien erleichtert (327-331), sowie einer Reihe von "Addenda", in denen Goffart seine Aufsätze noch einmal im Licht der aktuellen Forschung reflektiert (313-319), bietet eine Rubrik "Additional Articles" (321-325) weitere Untersuchungen des Verfassers zu den angeschnittenen Themenkomplexen. Die formale Ausstattung des Bandes kann damit als vorbildlich bezeichnet werden.

Goffart ist bekannt für seine mitunter provokanten Thesen und seine Streitbarkeit im wissenschaftlichen Disput. Es dürfte daher sicherlich programmatisch zu verstehen sein, dass der Band ausgerechnet mit einem Frontalangriff auf die 'Wiener Schule' - namentlich auf Herwig Wolfram - einsetzt ("Two Notes on Germanic Antiquity Today", 1-22). Der zentrale Vorwurf lautet dabei, dass die dezidierte Abgrenzung deutschsprachiger Historiker von Germanenideologie, Führerkult (dessen Nachwirkung Goffart in den Diskussionen um ein 'germanisches Heerkönigtum' erkennen möchte) und dem naiven Postulat einer 'germanischen' Kontinuität von der Antike über das skandinavische Mittelalter bis in die Neuzeit nur ein oberflächliches Bekenntnis angesichts der Diskreditierung entsprechender Topoi durch die Forschung seit 1945 sei. Es handele sich bei diesen Denkmustern nämlich nicht nur um ein Phänomen, das im Kontext der NS-Ideologie zu verorten sei, sondern vielmehr um spezifische Ausprägungen von Thesen, die in Deutschland schon vorher diskutiert worden und daher tief verwurzelt gewesen seien; Goffart macht dies u.a. an der Nachwirkung der Neuen Verfassungsgeschichte in der Mediävistik fest, deren Spuren u.a. in der von der 'Wiener Schule' repräsentierten Ethnogeneseforschung aufzufinden seien.

An Goffarts Argumentation erstaunt vor allem das hohe Maß an Naivität im Umgang mit der eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Tradition, das er Wolfram und anderen unterstellt. Gerade in den letzten Jahren hat sich die deutschsprachige Mediävistik intensiv mit der Geschichte ihrer wissenschaftlichen Kategorien auseinandergesetzt und dabei eine Reihe von Arbeiten vorgelegt, in denen entsprechende Fragen reflektiert werden. [1] Auch die 'Wiener Schule' hat sich an diesen Diskussionen beteiligt und verfügt durchaus über die nötige Distanz zum eigenen wissenschaftlichen Tun. [2] Die Tatsache, dass Goffart diese Bemühungen nur am Rande zur Kenntnis nimmt und seinen Kollegen stattdessen vorwirft, sich weiterhin auf den ausgetretenen Pfaden einer seit den 1920er/1930 Jahren etablierten Tradition zu bewegen, zeugt ihrerseits von einer gewissen Oberflächlichkeit der Wahrnehmung. Der damit einhergehende harsche Tonfall wird auch nicht durch den Hinweis auf die gleichwohl "amicable contacts" des Verfassers zu Walter Pohl und Herwig Wolfram in den Addenda (314) gerechtfertigt.

Freilich rührt Goffart auch an einem wunden Punkt in den Arbeiten Herwig Wolframs: Dessen faktische Gleichsetzung von Jordanes' Getica mit einer Origo Gothica (vor allem im Gotenbuch) [3] erscheint in der Tat nicht unproblematisch, da sie den literarischen Charakter und den spezifischen Entstehungskontext der Getica nicht hinreichend berücksichtigt. Jordanes' Schrift könnte eine Origo Gothica enthalten, repräsentiert diese aber nicht; auch dies sieht Goffart freilich skeptisch und verweist auf den literarischen Charakter des Werks. Dass die Getica indes trotzdem - mit aller gebotenen Vorsicht - als wichtige Quelle zur gotischen Geschichte angesehen werden können, hat Walter Pohl meines Erachtens überzeugend gezeigt. [4]

Eine skeptische Zurückhaltung gegenüber einer rein historischen Auswertung spätantiker und frühmittelalterlicher Geschichtsschreibung (im weitesten Sinne), die sich aus der Betonung des literarischen und kontextgebundenen Charakters der jeweiligen Werke ergibt, zieht sich als Roter Faden durch Goffarts Arbeiten - auch durch die Monographien. So gelingt es ihm, in einer subtilen Untersuchung zu Eugippius' Vita Severini ("Does the Vita S. Severini Have an Underside?", 89-94) plausibel zu machen, dass gerade die für moderne Historiker attraktive Ausstattung des Werks mit scheinbar historischen Detailinformationen argwöhnisch machen sollte: "Eugippius's entire package, full of convincing details, is more suggestive of excellent fiction than imperial fact" (92). Tatsächlich gehe es dem Autor weder darum, eine adäquate Beschreibung historischer Ereignisse zu geben, noch habe er einen traditionellen hagiographischen Text verfassen wollen; stattdessen habe er seinem Publikum nahelegen wollen, dass eine Koexistenz von Römern und Barbaren nicht möglich sei, es sei um eine "rejection [...] of proximity with thieving barbarians" gegangen (94). Dieses Ergebnis freilich könne man nur dann erzielen, wenn man die Vita Severini als das ernst nehme, was sie sei: "an enchanting piece of literature" (94).

Mit dem Fehlen eines kriegerisch-kämpferischen Heroismus im Werk Gregors von Tours beschäftigt sich eine weitere Studie ("Conspicuously Absent: Martial Heroism in the Histories of Gregory of Tours and its Likes", 95-120). Goffart vertritt die These, dass Heroismus in der Völkerwanderungszeit nicht existiert habe, und nutzt dies als Argument, um sich gegen Vermutungen zu wenden, wonach die Taten einzelner Akteure in dieser Phase in Heldenliedern verherrlicht und tradiert worden seien (96): "The argument, in sum, is that contemporaries sang the exploits of the Migration Age, and that the tales of its heroes were projected directly to the medieval future" (97). Gegen diese Haltung führt er das Fehlen diesbezüglicher Hinweise bei Gregor von Tours an, der ihm als "main spokesman for the absence of heroism" gilt (99). Anstatt von Heldentaten berichte der Historiker eher von "military incompetence and debacles" (103). Goffart sieht darin eine Signatur der ganzen Epoche (die er - unter Ausklammerung der slawischen Wanderungen - recht eng auf das 5. und 6. Jahrhundert begrenzt, vgl. 98f.). Erst in karolingischer Zeit treffe man wieder auf heroische Erzählungen (108). Goffart erklärt das Fehlen von 'Heroismus' in der Kernzeit der so genannten Völkerwanderung mit einem besonderen Einfluss der Kirche (110). Zweifel sowohl am Befund als auch an der Erklärung sind meines Erachtens angebracht. So wäre zunächst die Frage zu stellen, wie ein für die Spätantike bzw. das Frühmittelalter gültiges Konzept von 'Heroismus' eigentlich aussehen müsste; galten für Zeitgenossen ähnliche Werte und Normen wie für uns oder müsste 'Heroismus' nicht eher als eine Größe betrachtet werden, die ihrerseits historischem Wandel unterliegt? Selbst wenn man aber ein geläufigen modernen Vorstellungen entsprechendes Konzept anwenden wollte, würde man recht bald feststellen, dass Gregor mit seinem Verzicht auf heroische Episoden wohl kaum repräsentativ für den gesamten von Goffart betrachteten Zeitraum ist - verwiesen sei etwa auf andere Autoren des 6. Jahrhunderts, wie z.B. Coripp oder auch Prokop. Im Falle Gregors liegt möglicherweise eine besondere, ganz individuelle Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex vor; sie könnte sich in der besonderen Rolle spiegeln, die generell Gewalt in seinem Geschichtswerk einnimmt. Ob schließlich der Einfluss der Kirche einen Verzicht auf 'Heroismus' bei den Autoren des 5./6. Jahrhunderts erwirkt haben kann, erscheint mir zweifelhaft angesichts der Tatsache, dass dieser dann bei karolingischen Autoren wieder präsent sein soll. Was aber soll sich damals mit Blick auf die Kirche geändert haben? Die Existenz von Heldenliedern im 5. Jahrhundert ist im Übrigen keineswegs so unplausibel, wie Goffart suggeriert, vgl. etwa die Anspielungen bei Sidonius Apollinaris (carm. 12,1-11) und Priskos (fr. 13,74-76 p. 286 Blockley).

Drei Studien - die letzte vor allem eine Rechtfertigung gegenüber der Kritik an Goffarts Beda-Interpretation in der Monographie "Narrators of Barbarian History" - sind Bedas Historia ecclesiastica gewidmet und zeigen überzeugend auf, dass der Verfasser keineswegs abgeschieden vom politischen Alltag eine von aktuellen Bezügen weitgehend losgelöste Kirchengeschichte verfasst hat, sondern aktiv in die Auseinandersetzungen seiner Zeit verwickelt war und dies auch in seinem Werk niedergelegt hat - auch dies freilich nur dann erkennbar, wenn man die Historia ecclesiastica als literarische Schöpfung ernst nimmt ("Bede's vera lex historiae Explained", 121-126; "The Historia Ecclesiastica: Bede's Agenda and Ours", 127-143; "Bede's History in a Harsher Climate", 145-168). Ganz ähnlich werden auch für die Gesta Episcoporum Mettensium des Paulus Diaconus der historische Kontext und damit die literarische Intention subtil festgemacht ("Paul the Deacon's 'Gesta Episcoporum Mettensium' and the Early Design of Charlemagne's Succession", 169-203), während feinsinnige Analysen und Kontextualisierungen einzelner Passagen des Beowulf Goffart zu einer Spätdatierung des Epos (2. Viertel des 10. Jahrhunderts) veranlassen ("Hetware and Hugas: Datable Anachronisms in Beowulf", 245-262; "The Name 'Merovingian' and the Dating of Beowulf", 263-271).

Nicht alle Beiträge des anregenden Sammelbandes - insbesondere Goffarts wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten zu Problemen der Darstellung der Völkerwanderung auf Karten - konnten an dieser Stelle gewürdigt werden. Alles in allem gibt die Aufsatzsammlung einen lebhaften Einblick in das wissenschaftliche Oeuvre eines ebenso originellen wie streitbaren Historikers; auch wenn man nicht alle Thesen vorbehaltlos teilen mag, so bleibt die Bedeutung seiner Forschungen insbesondere für die so genannte Völkerwanderungszeit unbestritten.


Anmerkungen:

[1] Verwiesen sei nur auf H.-H. Kortüm: "Wissenschaft im Doppelpass"? Carl Schmitt, Otto Brunner und die Konstruktion der Fehde, in: HZ 282 (2006), 585-617.

[2] Walter Pohl hat dies vor einigen Jahren noch einmal ausführlich dargelegt, vgl. W. Pohl: Ethnicity, Theory, and Tradition: A Response, in: A. Gillet (ed.): On Barbarian Identity. Critical Approaches to Ethnicity in the Early Middle Ages, Turnhout 2002, 221-239.

[3] H. Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie, 5. Aufl. München 2009.

[4] Pohl: Ethnicity (wie Anm. 2), bes. 228ff.

Mischa Meier