Rezension über:

Thorsten Fögen (Hg.): Tränen und Weinen in der griechisch-römischen Antike (= Zeitschrift für Semiotik; Bd. 28 Heft 2-4), Tübingen: Stauffenburg Verlag 2006, 355 S., ISBN 978-3-86057-884-1, EUR 52,50
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Rezension von:
Jan Timmer
Historisches Seminar, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Jan Timmer: Rezension von: Thorsten Fögen (Hg.): Tränen und Weinen in der griechisch-römischen Antike, Tübingen: Stauffenburg Verlag 2006, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/15724.html


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Thorsten Fögen (Hg.): Tränen und Weinen in der griechisch-römischen Antike

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Gefühle besitzen Geschichte. Was den Menschen ängstigt oder freut, was ihn in Wut oder Trauer versetzt, wessen er sich schämt oder worauf er stolz ist, verändert sich im Lauf der Zeit. Aber nicht allein die Gefühle selbst sind in historischer Perspektive und kulturellem Kontext variabel, auch die Ausdrucksformen variieren. Die Zeichen, also Gesten und Rituale, mit denen Gefühle dem Anderen vermittelt werden, ändern sich ebenso wie die Sprache, mit welcher dies geschieht. Und schließlich ist stets offen, inwieweit Gefühlen Ausdruck verliehen wird oder ihre Kontrolle die gesellschaftliche Norm darstellt.

Das vorliegende Sonderheft der Zeitschrift für Semiotik ist Tränen und Weinen in der griechisch-römischen Antike gewidmet. In sechs Beiträgen soll "ein erster Schritt zu einem Überblick über die Funktion und Bedeutung von Tränen und Weinen als Form emotionalen Ausdrucks" (158) gegeben werden. Dabei reicht die untersuchte Zeitspanne von den homerischen Epen und dem archaischen Griechenland bis in die römische Kaiserzeit. Gefragt wird dabei vor allem nach Anlass, kommunikativen Regeln, schicht- und geschlechtsspezifischen Differenzen des Weinens und dem Verhältnis von Gefühlsausdruck und Gefühlskontrolle in den untersuchten Gesellschaften.

In seinem Vorwort legt Thorsten Fögen die Leitfragen des Heftes dar und ordnet das Thema kurz in den Forschungszusammenhang ein (157-177). Als Anhang sind dem Vorwort eine Auswahl der Sentenzen des Publius Syrus beigegeben, die sich auf das Weinen beziehen, sowie eine nützliche Auswahlbibliographie mit Arbeiten, die bis 2005 zum Themenkomplex erschienen sind.

Den Anfang des historischen Durchgangs macht Sabine Föllinger mit einer Untersuchung zu "Tränen und Weinen in der Dichtung des archaischen Griechenlands" (179-195). Die Verfasserin zeigt, wie das Weinen in den homerischen Epen Ausdruck unterschiedlichster Emotionen sein kann: Trauer, Wut, Verzweiflung, Sehnsucht, Angst oder auch Rachsucht können von Tränen begleitet werden. Föllinger geht es besonders um die Frage nach der Geschlechtsspezifik des Weinens. Während sie für die homerischen Epen keine feste Verbindung von Weinen und weiblichem Geschlecht erkennt, sieht sie eine solche für die archaische Dichtung, vertreten durch Archilochos, vorliegen. Diese Differenz erklärt sie statt mit einer Entwicklung hin zu fester Kopplung von Geschlecht und Kommunikationsform mit den gattungsgeschichtlichen Unterschieden der Epen und der archaischen Lyrik. Das Weinen in den Epen sei deshalb nicht anrüchig gewesen, da es als Teil einer mythischen Vergangenheit und damit gleichsam einer "anderen Welt" (191) verstanden worden sei.

Dem Unterschied in der Bewertung des Weinens bei Platon und Aristoteles ist die Studie von Roland Baumgarten "Gefährliche Tränen? Platonische Provokationen und aristotelische Antworten" (197-213) gewidmet. Lehnte Platon die Aufführung homerischer Epen ab, da dessen Helden ihre Emotionen nicht kontrollierten und damit die Gefahr bestehe, dass über Theater und Epenrezitation als Medien der Sozialisation diese fehlende Gefühlskontrolle durch den Zuschauer nachgeahmt werde, so war er - wie der Verfasser zeigt - kein grundsätzlicher Gegner einer auf emotionale Wirkung zielenden Dichtung. Gefordert wurde allerdings, dass diese emotionale Wirkung der Erkenntnis eigener Schwächen dienen solle. Aristoteles hingegen habe keine neuen Formen der Tragödie gefordert, da er der Emotionalisierung des Betrachters innerhalb des Theaters reinigende Kräfte zugesprochen habe.

Wie schon S. Föllinger konzentriert sich auch Darja Sterbenc Erker in ihrem Beitrag "Die Bedeutung weiblicher Tränen in antiken römischen Ritualen" (215-238) auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede des Weinens. Sie fragt dabei speziell nach den Kontexten, in denen weibliche Tränen positiv bzw. negativ konnotiert wurden. Gezeigt werden soll, wie die Bewertung der Tränen vom Verhältnis der Ausdrucksform zu "den Idealen des Zusammenlebens in der Civitas" (215) abhängig war. Dabei werden Tränen in unterschiedlichen Kontexten wie Begräbnissen, dem Aufruf zur Rache, bei Supplikationen und schließlich Erzählungen aus der mythischen Frühgeschichte der Stadt Rom untersucht. Überzeugend macht die Autorin die geschlechtsspezifische Zuschreibung von Gefühlskontrolle als "männlich" bzw. Ungezügeltheit als "weiblich" deutlich. Weniger überzeugend sind hingegen ihre Ausführungen zur Rolle weiblicher Tränen bei der Forderung nach Rache: Das liegt sicher auch daran, dass die ausgewählten Beispiele, Quellen zu Fulvias Forderung nach Vergeltung für den getöteten Clodius und Agrippinas Verhalten nach dem Tod des Germanicus, sich nur schwerlich dazu eignen, weibliche Rollenmuster zu rekonstruieren. Ebenso wenig plausibel erscheint die Erklärung des Bestattungsaufwands im 12-Tafel-Gesetz mit dem Wunsch, die Eintracht der civitas gegen Forderungen nach Rache durch Frauen im Kontext von Trauerklagen zu schützen (225).

Den "Tränen in der römischen Liebeselegie" geht der Herausgeber Thorsten Fögen in seinem Beitrag nach (239-269). Hierzu untersucht er zunächst Passagen aus den Liebeselegien des Properz und des Ovid, in denen Frauen und Männer weinen, nach Anlass, Begleiterscheinungen und geschlechtsspezifischen Unterschieden (242-254). In der vor allem auf die Funktion von Tränen als Mittel der Erzählung zielenden Studie zeigt Fögen u.a., wie durch den Einsatz übertriebenen Weinens die Ernsthaftigkeit der beschriebenen Situation gemildert bzw. ins Gegenteil verkehrt werden kann. Durch einen Abgleich der Ergebnisse mit Beispielen der erotischen Briefliteratur - Alkiphron und Aristainetos - wird die Bedeutung von Tränen als Bestandteil elegischer Stoffe anschließend verdeutlicht.

Im letzten Beitrag des Zeitschriftenschwerpunktes beschäftigt sich H. Krasser mit "Statius und die Tränen des Kaisers (Silvae 2.5). Weinen als Form amphitheatralischer Kommunikation" (271-292). Krasser beginnt seine Ausführungen mit einer Darstellung der Funktion des Amphitheaters als Ort symbolischer Kommunikation von Kaiser und plebs. Dabei wird im Wesentlichen im Anschluss an Egon Flaig die Dar- und gleichzeitige Herstellung von Konsens als zentrale Funktion der Spiele gesehen. Unter Rückgriff auf andere Gelegenheiten, bei denen Tränen in Zusammenhang mit der Darstellung kaiserlicher Tugenden - nicht zuletzt der clementia - Erwähnung finden, werden zunächst die Tränen des Statthalters in den Legenden um die hl. Thekla als Mittel der Konsensherstellung zwischen dem Ausrichter der Spiele und dem Publikum gedeutet. Vor diesem Hintergrund interpretiert Krasser Statius silvae 2,5, das Epikedion auf einen in der Arena getöteten dressierten Löwen. Der Verfasser deutet plausibel den gezähmten Löwen, der seine Kräfte nicht einsetzt, sondern kontrolliert, als Bild für den clementia übenden Kaiser. Wenn aber das dressierte Raubtier mit dem sich kontrollierenden Kaiser identifiziert werden konnte, so war der Tod des Löwen, der im Zuge eines Unfalls von einem schwächeren Beutetier getötet wurde, als Gegenstand eines Gedichtes eine Herausforderung. Die gemeinsame Trauer von Kaiser, Senat und Volk bei Statius sieht Krasser in der Folge als "Akt der Neukonstitution eines vorübergehend gefährdeten oder verloren gegangenen Konsenses zwischen den beteiligten Akteure" (287).

Die Ausführungen zu Tränen in der Antike werden durch zwei weitere Beiträge der Zeitschrift ergänzt, auf die zumindest verwiesen werden soll. Arvid Kappas gibt unter dem Titel "Geheimnisvolle Tränen. Das Phänomen des Weinens aus der Sicht der Neurosemiotik" (293-307) einen kurzen Überblick der empirischen Emotionsforschung und stellt ein Prozessmodell des Weinens im Anschluss an J.J.M. Vingerhoets vor. Dieser tut anschließend selbiges - "Ein Modell menschlichen Weinens: Situationseinschätzung, Weinprogramme, interindividuelle Effekte" (309-343) - und betont hierbei neben geschlechtsspezifischen Unterschieden auch solche, die mit dem Alter des Individuums verknüpft sind. Daneben plädiert er dafür, Anlässe, Kontexte und Konsequenzen des Weinens verstärkt in die Analyse einzubeziehen.

Der vorliegende Sonderband der Zeitschrift für Semiotik ist eine willkommene Bereicherung für alle, die an der Geschichte der Emotionen und ihrer Ausdrucksformen interessiert sind. Er bietet einen Durchgang durch die Darstellung des Weinens in der Antike, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der Darstellung und literarischen Funktion des Weinens. Der Band kann die Grundlage weiterer Forschungen bilden.

Jan Timmer