Rezension über:

Dietrich Klein / Birte Platow (Hgg.): Wahrnehmung des Islam. Zwischen Reformation und Aufklärung, München: Wilhelm Fink 2008, 185 S., ISBN 978-3-7705-4681-7, EUR 19,90
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Rezension von:
Görge K. Hasselhoff
Internationales Kolleg für Geistesgeschichtliche Forschung (IKGF) "Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa", Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Görge K. Hasselhoff: Rezension von: Dietrich Klein / Birte Platow (Hgg.): Wahrnehmung des Islam. Zwischen Reformation und Aufklärung, München: Wilhelm Fink 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/15323.html


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Dietrich Klein / Birte Platow (Hgg.): Wahrnehmung des Islam

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Der vorliegende Sammelband ist Produkt des Projekts "Geist begeistert" des Hauses der Wissenschaft (Bremen) [1], das im Jahr der Geisteswissenschaften 2007 an der Universität Augsburg durchgeführt wurde, und sammelt Vorträge, die in der (Evangelischen) Stadt-Akademie Augsburg vorgetragen wurden. Das Resultat begeistert nicht uneingeschränkt.

Auf ein kurzes einleitendes Vorwort der Herausgeber (7f) wird der Band mit einem Beitrag von Thomas Kaufmann eröffnet, der "Aspekte der Wahrnehmung der 'türkischen Religion' bei christlichen Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts" darstellt (9-25). Es handelt sich dabei gewissermaßen um eine Zusammenfassung seiner ausführlichen Studie "Türckenbüchlein". [2] Kaufmann geht dabei zwei Fragen nach, zum einen, wie der Islam aus Sicht christlicher Interpreten wahrgenommen wurde, und zum anderen, welche Implikationen die wachsende Zahl an Publikationen über den Islam nach 1453 für die Formation des Christentums in Mitteleuropa hatte.

Martin Mulsow stellt in seinem lesenswerten Beitrag "Islam und Sozianismus. Eine Parallelwahrnehmung der Frühen Neuzeit" (27-39) dar, dass die schon zeitgenössisch geäußerte Beobachtung der Nähe der die Trinitätslehre ablehnenden Bewegung des Sozianismus zum Islam zwar nicht grundlos, gleichwohl aber nicht sachgemäß war. Dagegen steht aus der Binnenperspektive der Sozinianer eine klare Abgrenzung vom Islam; wegen der generellen (und im Übrigen auch reichsrechtlich sanktionierten, so gegen 28!) Ablehnung des Antitrinitarismus wurden zahlreiche zutreffende sozinianische Urteile über die Entstehung des Islam jedoch nicht tradiert.

In seinem aufschlussreichen Artikel untersucht Dietrich Klein den "Muslimische[n] Antitrinitarismus im lutherischen Barock" (41-60), indem er die Edition der "Epistola theologica" des Achmad ibn Abdallah durch Zacharias Grapius (1671-1713) nachzeichnet und in dessen Lehrtätigkeit einordnet. [3]

In unterschiedlicher Intensität wendet sich Bernd Roling vier barocken Hebraisten und Islamwissenschaftlern zu: "Humphrey Prideaux, Eric Fahlenius, Adrian Reland, Jacob Ehrharth und die Ehre des Propheten: Koranpolemik im Barock" (61-76), mit denen eine Wende innerhalb der "Islamwissenschaft" weg von der Betrachtung des Islam als jüdisch-christliche Sekte hin zur Wahrnehmung als eigenständige Religion verbunden ist.

Weit ausholend gestaltet sich der Beitrag "'Mohammed, der Erzbetrüger'. Negative Darstellungen des Propheten in den religionskritischen Produktionen des Libertinismus und der Radikalaufklärung" von Martin Schmeisser (77-108), der von mittelalterlicher Polemik gegen Mohammed einen Bogen über den "Traité des trois imposteurs" (letztes Viertel des 17. Jahrhunderts) bis hin zu Alberto Radicati (1698-1737) schlägt.

Recht unterhaltsam geschrieben ist der Beitrag von Hermann E. Stockinger, "Die Apostasie des Pascha-Grafen Alexander von Bonneval (1675-1747) und europäische Stimmen zum 'Fall' Bonneval" (109-137). Jener war ein ebenso umtriebiger wie problematischer Zeitgenosse, der schließlich zum Islam konvertierte und als Berater zu hohen Ehren im Osmanischen Reich gelangte, dessen Biografie jedoch zu zahlreichen Spekulationen und legendarischen Fälschungen Anlass bot.

Am Rande des durch den Buchtitel markierten Untersuchungsraumes steht der Beitrag von B. Harum Küçük, "Zwischen islamischer intellektueller Erneuerung und Verwestlichung. Kosmopolitische Gelehrsamkeit im Istanbul des frühen 18. Jahrhunderts" (139-158), der als Kontrastfolie für innereuropäische Entwicklungen zu dienen scheint.

Auf eine erratische Doppelleerseite (159f) folgt ein Plädoyer für den Konstruktivismus von Birte Platow ("Konstruktive Aneignung - ein anthropologisches Kontinuum in interreligiösen Wahrnehmungsprozessen?", 161-175), das möglicherweise als zusammenfassendes Schlusswort gedacht ist, wie es folgendes Zitat andeutet: "Die vorangegangenen Beiträge legen es jedoch nahe, sich speziell mit den Hypothesen des Konstruktivismus zu beschäftigen, denn wie ein roter Faden zieht sich das Muster der idioformen Übertragung des Eigenen (Christlichen) auf das Fremde (den Islam) - und damit das, was auch die Kernthese des Konstruktivismus ausmacht - durch die Begegnung von Christen und Muslimen in Geschichte (und Gegenwart)" (162).

Abgeschlossen wird der Band mit einem Vortrag von Godwin Lämmermann ("Das Andere im Spiegel des Ich", 177-185), der eine Interpretation von zwei Passagen aus Werken von Kurt Tucholski und Bertold Brecht (hier wird anscheinend ein recht spätes Ende der "Aufklärung" vertreten!) mit dem Ziel bietet, die konstruktivistische Subjektivität der Urteilsbildung zu verdeutlichen.

Gewiss lassen sich in einzelnen Beiträgen des Sammelbandes hilfreiche Erkenntnisse über die Wahrnehmung des Islam in der Frühen Neuzeit erheben. Zugleich wird jedoch ein grundsätzliches Problem deutlich: Gerade im Blick auf die von mehreren Autoren thematisierten älteren Vorurteile gegen Mohammed und den Islam wäre es sinnvoll gewesen, nicht erst mit dem Spätmittelalter die Betrachtung anzusetzen, sondern bereits bei dem Aufkommen des Islam und den frühen Auseinandersetzungen mit ihm ab dem 8. Jahrhundert. Das wäre meines Erachtens weiterführender gewesen als eine fragwürdige Darstellung und Verteidigung konstruktivistischer Ansätze.

Eine deutliche Entwertung erfährt der Sammelband durch die defizitäre Arbeit der Herausgeber: Weder wird eine einheitliche Orthografie gewählt noch werden Minimalstandards beispielsweise in der Anordnung der Fußnoten (mal vor, mal hinter dem Satzzeichen) oder in der Anführung der Literatur eingehalten: In dem einen Beitrag werden Vornamen abgekürzt nachgestellt, in anderen werden diese ausgeschrieben vorangestellt; mal werden Verlagsorte mit Verlag, mal ohne Verlag angegeben; im letzten Beitrag gar bleiben Kurztitel im so belassenen Vortragstext stehen, aber eine Auflösung in einem Literaturverzeichnis ist nicht vorhanden, usw. Ein Register fehlt ebenso wie eine Einleitung, die in den Problemgegenstand einführt.

Ob der - noch dazu im Vorwort falsch bezeichnete [4] - Geldgeber mit diesem Ergebnis seiner Förderung des Jahres der Geisteswissenschaften glücklich ist, sei dahingestellt.


Anmerkungen:

[1] Zu den geförderten Projekten vgl. http://www.hausderwissenschaft.de/Hochschulwettbewerb.shtml (zuletzt 23. März 2010).

[2] Thomas Kaufmann: "Türckenbüchlein". Zur christlichen Wahrnehmung "türkischer Religion" in Spätmittelalter und Reformation, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008 (= Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, 97).

[3] An diesem Beitrag lässt sich zugleich paradigmatisch ein Problem des Buches aufzeigen: Die Methodik, koranische Texte als Beleg für christliche Wahrheiten einzusetzen (vgl. 47), wurde allem Anschein nach im 13. Jahrhundert in die akademische Wissenschaft und Polemik eingeführt; ein Hinweis z.B. auf Ramon Martί und die wissenschaftliche Debatte analoger Missionsstrategien im Gefolge der Arbeiten von Robert Chazan und Jerremy Cohen fehlt gänzlich.

[4] Auch der Veranstaltungsort ist falsch angegeben.

Görge K. Hasselhoff