Rezension über:

Inger Schuberth: Lützen. På spaning efter ett minne, Stockholm: Bokförlaget Atlantis 2007, 303 S., ISBN 978-91-7353-196-2, SKR 185,00
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Rezension von:
Otfried Czaika
Stockholm
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Otfried Czaika: Rezension von: Inger Schuberth: Lützen. På spaning efter ett minne, Stockholm: Bokförlaget Atlantis 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/13402.html


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Inger Schuberth: Lützen

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Die deutsch-schwedische Historikerin Inger Schuberth präsentiert mit ihrer populärwissenschaftlichen Studie Lützen - Auf der Suche nach einer Erinnerung eine Arbeit, die zumindest für den wissenschaftlichen Diskurs in Schweden von immenser Bedeutung ist. Studien, die sich der Funktion von Geschichte für das kollektive Gedächtnis Schwedens und Europas widmen oder paradigmatisch einen Erinnerungsort (lieu de mémoire) unter dem Aspekt der longue durée untersuchen, sind in der oft extrem ereignisgeschichtlich orientierten schwedischen Geschichtswissenschaft bisher höchst selten zu finden. Hinzu kommt, dass eine seit den 1960er Jahren von der politisch Linken beeinflusste Historiographie die Tendenz dazu hatte, die schwedische Großmachtzeit im Allgemeinen und die Person Gustav Adolfs im Besonderen als Manifestationen überholter imperialistisch geprägter nationaler und konfessioneller Auswüchse zu werten. Noch die im Jahr 2007 - übrigens im selben Verlag wie Schuberths Buch - erschienene Gustav Adolf Biographie von Sverker Oredsson vermittelt ein solches mit deutlichen Wertungen belastetes und letztendlich anachronistisches Bild des schwedischen Königs.

Der Spannweite von Schuberths Darstellung erstreckt sich folglich von der Schlacht bei Lützen über das historische Erinnern an den protestantischen Helden im 18., 19. und 20. Jahrhundert bis hin zu dem weitgehenden Desinteresse am Löwen aus Mitternacht im Schweden zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Der schwedische König Karl XII. und eine Reihe schwedischer und deutscher Persönlichkeiten besuchten im Laufe des 18. Jahrhunderts den Platz, an welchem Gustav Adolf 1632 gefallen war. Es war aber erst die Nationalromantik, die in Deutschland wie in Schweden das kollektive Gedächtnis auf den Erinnerungsort Lützen ausrichten sollte. Seit der Wende zum 18. Jahrhundert wurde der Einsatz des Schwedenkönigs im Dreißigjährigen Krieg sukzessive vom nationalen Diskurs überformt: Ernst Moritz Arndt, Friedrich Hölderlin und viele andere feierten Gustav Adolf als einen Nationalhelden, vergleichbar mit Hermann dem Cheruskerfürsten oder Martin Luther. Zur 200-Jahrfeier sammelten sich Studenten aus dem nahegelegenen Leipzig in Lützen um des Schwedenkönigs zu gedenken. Auch in Schweden wurde im selben Jahr das Gustav-Adolf-Jubiläum als nationales Ereignis begangen; Historiker, Theologen und Dichter wie Erik Gustaf Geijer, Johan Olof Wallin und Esaias Tegner verherrlichten zu diesem Anlass den Schwedenkönig. Fünf Jahre später wurde in Lützen das von Karl-Friedrich Schinkel entworfene Gustav-Adolf-Monument eingeweiht, das durch Spenden finanziert worden war. Obwohl das Monument durch Initiativen in Deutschland finanziert und gebaut worden war, wurde der so elaborierte Erinnerungsort auch zunehmend von schwedischen Gästen besucht.

Während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert wuchs von schwedischer Seite das Interesse an dem Erinnerungsort Lützen. Im Jahre 1907 wurde auf schwedische Initiative und mit schwedischem Geld eine Kapelle in der Nähe von Schinkels Monument errichtet, 1932 kam ein rotes schwedisches Holzhaus hinzu. Lützen war somit zu einem paradigmatischen Hauptort sowohl für das kulturelle Gedächtnis Deutschlands als auch Schwedens geworden.

Das mit Lützen verbundene kollektive Erinnern überdauerte die politischen Regimewechsel, Kaiserreich, 'Drittes Reich' und das DDR-Regime, war aber selbstverständlich nicht von politischen Instrumentalisierungen frei. Die Pläne Adolf Hitlers, in Lützen einen nationalen Aufmarschplatz zu bauen und somit den Erinnerungsort für sich zu vereinnahmen, waren teilweise aus einem Unbehagen an der starken schwedischen und damit nicht genügend regimekonformen Prägung Lützens gezollt, wurden aber nie realisiert. Die DDR ließ Lützen als Ort des schwedischen kulturellen Gedächtnisses weitgehend unangetastet, um gute diplomatische Beziehungen zu Schweden aufrecht zu erhalten.

Inger Schuberths Buch besticht nicht nur durch einen ungemeinen Detailreichtum zur Geschichte des Erinnerungsortes Lützen, sondern auch durch die Kontextualisierung desselben. Durchgängig referiert sie auf historische und geistesgeschichtliche Entwicklungen, um somit die Hintergründe zu beleuchten. Damit schreibt sie gleichzeitig auch - verwoben mit der Geschichte eines deutsch-schwedischen Erinnerungsortes - deutsche und schwedische Geschichte und eine Geschichte der deutsch-schwedischen Beziehungen auf hohem Niveau. Daraus ergeben sich wiederum zahlreiche interessante Teilergebnisse, die hier nicht im Einzelnen dargestellt werden können. Von besonderem Interesse ist allerdings, dass sie auch die Interaktionen von kirchlichem und politischem Gedenken thematisiert, und nachweisen kann, dass diese nur begrenzt miteinander harmonierten. Der schwedische Erzbischof Erling Eidem instrumentalisierte in den 1930er Jahren zum Beispiel den Schwedenkönig Gustav Adolf bei seinem Besuch in Lützen zu einer deutlichen Kritik an die völkische Ideologie. Die kirchlichen Verbindungen von Schweden in die DDR, insbesondere nach Lützen, wurden unter anderem dazu genutzt, Kaffee, Bibeln in die DDR zu schmuggeln oder auch Regimekritiker aus dem Lande zu bringen.

Inger Schuberth gelingt es höchst objektiv die Geschichte des Gustav Adolf-Gedenkens in Lützen nachzuzeichnen; ihrem Resümee, dass Lützen auch heute noch - wenn auch weitestgehend losgelöst von konfessionellen oder politischen Instrumentalisierungen - einen prominenten Platz im kulturellen Gedächtnis Europas einnimmt, ist völlig zuzustimmen.

Dass der Verlag es allerdings nicht vermochte dieses rundum gelungene Werk mit einem Register über Orte und Personen auszustatten, trübt etwas den sonst so positiven Eindruck dieses auch durch die reiche Bebilderung exzeptionellen Werkes.


Anmerkungen:

[1] Sverker Oredsson: Gustav II Adolf, Atlantis, Stockholm 2007.

[2] Vgl. dazu meine Rezension von Oredssons Gustav-Adolf-Biographie sowie Oredssons Gegendarstellung auf die Rezension und meine Antwort auf diese in der Historisk Tidskrift: Otfried Czaika: Recension über: Oredsson, Sverker: Gustav II Adolf, in: Historisk tidskrift (Stockholm), 2008 (128):3, s. 568-569; Sverker Oredsson: Genmäle på Otfried Czaikas recension av Gustav II Adolf, in: Historisk tidskrift (Stockholm)., 2009 (129):1, s. 73-74; Otfried Czaika: Replik på Sverker Oredsson, Historisk tidskrift (Stockholm)., 2009 (129):1, s. 75-76.

Otfried Czaika