Rezension über:

Luciano Canfora: Eine kurze Geschichte der Demokratie. Von Athen bis zur Europäischen Union. Aus dem Italienischen von Rita Seuß, Köln: PapyRossa 2006, 404 S., ISBN 978-3-89438-350-3, EUR 24,90
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Rezension von:
Wolfgang Orth
Historisches Seminar, Bergische Universität, Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Orth: Rezension von: Luciano Canfora: Eine kurze Geschichte der Demokratie. Von Athen bis zur Europäischen Union. Aus dem Italienischen von Rita Seuß, Köln: PapyRossa 2006, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/11109.html


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Luciano Canfora: Eine kurze Geschichte der Demokratie

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Luciano Canfora, Professor für Klassische Philologie an der Universität Bari, bekannt geworden durch eine große Zahl von Büchern und Aufsätzen, für die scharfsinnige Analyse ebenso kennzeichnend ist wie das Bestreben, der altertumswissenschaftlichen Forschung innovative Anstöße zu vermitteln, hat zeit seines Lebens ein starkes Interesse an politischen Fragen bewiesen. Das hier anzuzeigende Buch belegt dies in beeindruckender Weise.

Der deutsche Titel ist allerdings ein wenig irreführend, eine "Geschichte" der Demokratie hätte anders aussehen müssen (die italienische Formulierung "Storia di un'ideologia" ist gewiss zutreffender) und "kurz" ist die an Nebenwegen reiche Darstellung ganz sicher nicht. Beschrieben wird auf nahezu 400 Seiten ein Desaster: Demokratie ist in der bisherigen Geschichte nie wirklich realisiert worden - jedenfalls nicht im Sinne der "fortschrittlichen Demokratie", wie sie Canfora vorschwebt. Was allerdings damit genau gemeint ist, wird nicht recht klar. Als Regierungsform, als Verfassungstyp sei Demokratie nicht aufzufassen, andeutungsweise wird von einer politisch und wirtschaftlich komplexen Gesellschaft gesprochen oder auch von einer Umsetzung konkreter antifaschistischer Überzeugungen in Verfassungsnormen. Mit Zustimmung wird Norberto Bobbio zitiert, der im "Egalitarismus" das "Wesen der Demokratie" sah. Die besitzlosen Klassen müssten dabei durch Erringung stets neuer Rechte ihre Interessen durchsetzen können.

Für das Scheitern der Demokratie führt der Autor bei einem Gang durch die Geschichte eine ganze Reihe recht verschiedenartiger Gründe an. Da sind zum einen innere Tendenzen, vor allem eine irritierende Nähe der Demokratie zu Tyrannis, Cäsarismus, Bonapartismus und Faschismus; oder auch eine unheilvolle Allianz zwischen Proletariern und Kapitalisten in der Verfolgung imperialistischer Außenpolitik (Athen im 5. Jahrhundert v. Chr.; Erster Weltkrieg). Und da gab es zum anderen Attacken von außen: Durch Beschränkungen des Wahlrechts in den 200 Jahren seit der Französischen Revolution ("allgemeines" Wahlrecht als Betrug, Abschaffung des Verhältniswahlrechts, Sperrklauseln, Wahlmanipulation, Wahlfälschung) sei es immer mehr gelungen, die Behauptung, dass sich Volkswille artikulieren könne, zur Illusion werden zu lassen. Nachdem im 20. Jahrhundert die so genannten "liberalen Demokratien" am Ende den Sieg über Faschismus und Kommunismus davongetragen hätten, habe sich eine Oligarchie der kapitalstarken Kräfte aus Ober- und Mittelschicht durchgesetzt, die ihre "Freiheit" immer rücksichtsloser ausübe, was in Zukunft noch schreckliche Folgen haben werde. Die gewählten Organe, längst zur politischen Kaste mutiert, seien selbst nur noch schmückendes Beiwerk der Macht dieser Minderheit; Wahlen seien zum Spielzeug verkommen, grundlegende Entscheidungen würden anderswo getroffen. Das allgemeine Wahlrecht sei schon jetzt faktisch nahezu aufgehoben. Trotz dieser Entwicklungen habe es "das westliche Lager" verstanden, den Begriff "Demokratie" ganz allein für sich in Anspruch zu nehmen, während man gleichzeitig im Kampf gegen den Kommunismus zu allem bereit gewesen sei, auch zum Einsatz illegaler staatlicher Apparate.

An Stellen wie diesen wird der Parteistandpunkt des Autors offenkundig; Feuilleton-Lesern wird erinnerlich sein, dass es in dieser Hinsicht vor einigen Jahren, im Vorfeld der deutschen Veröffentlichung dieses Buches, eine recht heftige Debatte gab: Die Weigerung des Beck'schen Verlags, das Werk Canforas zu publizieren, Gutachten angesehener Historiker, die grobe Fehler und Verzerrungen nachweisen konnten, die verschiedenen Repliken Canforas - all das kann hier im Einzelnen nicht nachgezeichnet werden. Nachdem sich mittlerweile der Rauch der Fehde einigermaßen verzogen hat, kann die Angelegenheit jetzt aus einer gewissen Distanz betrachtet werden.

Wenn Bücher kontroverse Diskussion hervorrufen, so ist das generell zunächst einmal alles andere als ein Unglück. Im Übrigen braucht eine politisch wache Öffentlichkeit immer wieder auch Meinungsäußerungen, die sich nicht um Forderungen einer "political correctness" kümmern. So mag man sich der Lektüre des Buches durchaus mit interessiertem Wohlwollen zuwenden, gleichwohl wird man dann eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen können.

Der Text ist insgesamt nicht wirklich gelungen; so sehr man geneigt ist, die Detailkenntnis des Autors, wenn es um Themen wie Geschichte einzelner Länder im 19. und 20. Jahrhundert geht (vor allem Frankreich, Deutschland, Italien, Russland), zu bewundern, so ist der Erkenntnisgewinn doch für den, der sich durch ein Dickicht vager und gelegentlich widersprüchlicher Meinungsperspektiven hindurcharbeitet, eher gering; reichlich unklar bleibt, um nur ein Beispiel zu nennen, die Schilderung der Pariser Commune 1871, der enorme Folgewirkungen beigemessen werden.

Fachkollegen aus der Altertumswissenschaft sind gewiss nicht die Adressaten, an die der Autor bei seinem Buch in erster Linie gedacht hat. Als Althistoriker kann der Rezensent feststellen, dass das antike Griechenland Canforas Ausgangspunkt bildet und dass auch bei der Behandlung von politischer Geschichte der Neuzeit immer wieder einmal Bezüge zur Welt der Antike hergestellt werden.

Dass wir Athens Demokratie gelegentlich als Wurzel der modernen Demokratie bezeichnen, hält der Verfasser für effekthascherisch, ja falsch; Unterschiede würden dadurch verschleiert. Betont wird der "gewalthaltige" Charakter des antiken "Demokratie"-Begriffs: "kratos" wird als Übermacht verstanden; dass Ausübung von Macht auf Gewalt gestützt sei, leite sich schon vom Wort her ab. Es fragt sich, ob eine solche pointierende Verallgemeinerung hilfreich ist. Freiheit stehe in der Realität im Gegensatz zur Demokratie (wie das auch schon Perikles bei Thukydides zum Ausdruck bringe); daneben sei dann allerdings eine ideologische Vorstellung von weitreichender Nachwirkung (zu der der Verfasser viele interessante Einzelheiten aufbieten kann) entwickelt worden, die Griechenland mit Freiheit und Demokratie gleichsetzte.

Mit Recht hebt Canfora die Korrespondenz zwischen Wehrfähigkeit und Bürgeridentität in den griechischen Poleis hervor. Die Gemeinschaft bewaffneter Männer befindet sich im Besitz der politischen Rechte und damit kann nur eine Minderheit als "frei und gleich" angesehen werden, nur sie übt Herrschaft aus. Verständlich wird es, dass antike Autoren zwischen dem politischen System Athens und dem Spartas keinen grundsätzlichen Unterschied sehen konnten (wobei sich unter den Nichtprivilegierten die spartanischen Heloten sogar noch in einer besseren Lage befanden als die athenischen Bergwerkssklaven). Athenische Demokratie könne nicht als "Herrschaft des Volkes" angesehen werden, vielmehr sei hier die Führungsrolle durch eine Gruppe von Wohlhabenden übernommen worden, die das System akzeptierten. Diese Besitzenden hätten dann auch "jederzeit einen Teil der Armen auf ihre Seite ziehen" können, um in der Volksversammlung die Mehrheit zu gewinnen. Ein Hauptelement der Stabilisierung in diesem Bündnis zwischen den Besitzlosen und den Herren hätten die Leiturgien gebildet; wenn die Reichen sich große soziale Lasten aufpacken ließen, durften sie reich bleiben. Freilich seien die Klassenverhältnisse in antiken Städten nie konfliktlos und stabil gewesen.

Das Bild, das Canfora von der athenischen Demokratie entwirft, kann nicht gerade als schulbuchkonform angesehen werden. Ohne Zweifel werden hier wichtige Sachverhalte und Vorstellungen angesprochen; die gewählten Formulierungen sind freilich nicht frei von Einseitigkeiten und Überspitzungen. Und man fragt sich, warum der antiken Demokratie - anders als die antiken Autoren es taten - die Eigenschaft einer Verfassungsform abgesprochen wird.

Die Alte Geschichte hat ein erhebliches Potential, das sie in die moderne Diskussion über Gesellschaft und Verfassung mit einbringen kann. Es hat in der Altertumswissenschaft immer wieder einmal einzelne Gelehrte gegeben, die von Leidenschaft für politische Fragen beseelt waren und die auf Grund breiter Kenntnisse weit über die Grenzen ihrer Spezialdisziplin hinauszublicken vermochten. Canfora gehört in diese Reihe. Man bedauert, dass es ihm bei all seinen beeindruckenden Detailkenntnissen nicht gelungen ist, einen rundherum überzeugenden Beitrag zu der in Frage stehenden bedeutenden Thematik vorzulegen: sachlich weniger anstößig, darstellungsmäßig attraktiver und zielgerichteter.

Wolfgang Orth