Rezension über:

Helga Scheible (Hg.): Willibald Pirckheimers Briefwechsel Bd. VII, München: C.H.Beck 2009, XXIX + 631 S., ISBN 978-3-406-57780-2, EUR 168,00
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Rezension von:
Georg Strack
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Georg Strack: Rezension von: Helga Scheible (Hg.): Willibald Pirckheimers Briefwechsel Bd. VII, München: C.H.Beck 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/03/16013.html


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Helga Scheible (Hg.): Willibald Pirckheimers Briefwechsel Bd. VII

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Mit Band sieben von 'Willibald Pirckheimers Briefwechsel' kommt ein bereits Ende des 19. Jahrhunderts in die Wege geleitetes Editionsprojekt zu seinem Ende, das die Korrespondenz eines der bedeutendsten deutschen Humanisten des ausgehenden 15. und frühen 16. Jahrhunderts erschließt. [1] Die als "Korrespondenz-Ausgabe" angelegte Edition besteht nur zu einem Bruchteil aus Briefen aus Pirckheimers Feder. Den Großteil machen Schreiben an diesen aus, sodass sich ein breites intellektuelles Korrespondenznetz an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit entfaltet. Wie in den früheren Bänden wurde neben den fast ausschließlich lateinischen literarischen Briefen auch die meist auf Frühneuhochdeutsch verfasste familiäre und amtliche Korrespondenz aufgenommen. Das Textkorpus stellt damit nicht nur für philologische, sondern durchaus auch historische Fragestellungen im engeren Sinne wichtige Quellen zur Verfügung. Ein wenig bedauerlich ist die Entscheidung, diesem letzten Band des Briefwechsels keine wirkliche Einführung voranzustellen, oder wenigstens auf die entsprechenden Einleitungen der früheren Bände zu verweisen. So sei hier kurz festgehalten, dass sich Erläuterungen zur Textgrundlage vor allem in Band eins finden, der 1940 von dem Nürnberger Archivar und Bibliothekar Emil Reicke, der über viele Jahre auf die Mitarbeit des Berliner Humanismusforschers Arnold Reimann zählen konnte, herausgegeben wurde. Aus Reickes Ausführungen wird deutlich, dass dem Briefwechsel - neben verstreuten Überlieferungsträgern und dem höchst fehlerhaften Druck Melchior Goldasts - hauptsächlich der Bestand "Pirckheimer-Papiere" in der Nürnberger Stadtbibliothek zugrunde liegt. Hier fanden sich, wie in Band fünf (XVII) vermerkt, noch 1996 circa 150 von Reicke nicht beachtete Stücke.

Das Unternehmen kam über lange Jahre nur schleppend voran, wobei die Konzeption in den 1970er Jahren grundlegend modifiziert wurde, wie dem von Dieter Wuttke herausgegebenen Band drei zu entnehmen ist. Hier finden sich auch die Editionsrichtlinien für die seither erschienenen Stücke, die in Band vier nur in geringem Maße ergänzt wurden. Die Edition folgt den Prinzipien einer "bewahrenden Textbehandlung", was eine Zurückhaltung hinsichtlich Korrekturen und Normalisierungen bedeutet, sodass orthografische Eigenheiten der Briefschreiber stets erkennbar bleiben. Zudem werden sämtliche Texte vollständig abgedruckt und nirgends lediglich auf andere Editionen verwiesen, was der Benutzung sicherlich entgegenkommen dürfte. Die seit Ende der 1990er Jahre zügig voranschreitende Publikation ist schließlich das Verdienst der Heidelberger Philologin Helga Scheible, die seit Band vier auch die Herausgeberschaft übernommen hat. Sie erarbeitete die jedem Regest vorangestellte Inhaltsangabe in ebenso vorbildlicher Weise wie den sich anschließenden Text- und Sachkommentar, der Personen erschließt sowie historische Ereignisse und gelehrte Anspielungen. Ein Blick in den Variantenapparat macht den Gewinn, den dieser zuverlässige Text gegenüber den oft schwer verständlichen und verstreuten Drucken bietet, rasch deutlich. Als hilfreich erweist sich zudem das jeweils im Anhang zu findende Verzeichnis der Korrespondenten, das Verzeichnis der für die Edition herangezogenen Pirckheimer-Papiere sowie das Sach-, Orts- und Namenregister am Ende des Bandes.

In dem kurzen Vorwort (XIX-XXII) zu Band sieben erläutert Helga Scheible zudem den Anteil deutscher und lateinischer Texte, nennt die wichtigsten Korrespondenten und geht auch auf die wiederkehrenden Themen ein, die Willibald Pirckheimer und seine Briefpartner in den Jahren 1528 bis 1530 beschäftigten. Dazu gehörte zunächst die Auseinandersetzung mit der Reformation, der Pirckheimer ablehnend gegenüberstand. Gerade die Kontroverse mit Johannes Oekolampadius in Basel um Fragen der Eucharistie klingt noch in mehreren Schreiben an (unter anderem Nr. 1149, 8-10; Nr. 1225, 200-207). Mit einem seiner wichtigsten Briefpartner, dem katholischen Theologen und Luthergegner Johannes Cochlaeus, von dem allein 15 lateinische Briefe stammen, tauschte sich Pirckheimer allerdings hauptsächlich über juristische Angelegenheiten aus. Weiterhin spielten wissenschaftliche Themen eine wichtige Rolle: Pirckheimer förderte den Druck der Digesten durch Gregor Haloander (Nr. 1158, 33-36) und damit die Verbreitung des römischen Rechts, dessen Studium seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zur Familientradition gehörte. Er selbst arbeitete weiter an einer griechischen Ausgabe der Geografie des Ptolemaeus, um deren baldiges Erscheinen etwa der bayerische Historiograf Johannes Aventinus brieflich bat (Nr. 1333, 442ff.). Mit Erasmus von Rotterdam korrespondierte Pirckheimer wegen der Übersetzung der Reden des griechischen Kirchenvaters Gregor von Nazianz, die soweit gedieh, dass Erasmus sie nach Pirckheimers Tod mit einem Nachruf auf diesen herausgeben konnte (Nachruf, 445-449). Neben den gelehrten und religiösen Themen tauschte man sich auch über wertvolle Geschenke und Krankheiten aus: Pirckheimer selbst war bisweilen durch Gicht, Erasmus durch Zahnschmerzen am Schreiben gehindert (Nr. 1242, 241ff.). Überhaupt steht nicht selten die Linderung und Behandlung von Leiden durch mehr oder weniger geheimnisvolle Rezepturen im Vordergrund (Nr. 1156, 24ff.). Seelisch litt Pirckheimer vor allem am Tod seines Freundes Albrecht Dürer, der ihm kurz zuvor noch seine Proportionslehre gewidmet hatte (Nr. 1157, 25-29). Die berühmte Elegie auf Dürers Tod kommt folglich mit gutem Grund nochmals zum Abdruck (30ff.). Die große thematische und stilistische Bandbreite dieses nunmehr vollständig vorliegenden Briefwechsels kann damit freilich nur angedeutet werden. Ein Aufsatz der Herausgeberin Helga Scheible zu Pirckheimers Verhältnis zum Klosterwesen, sowie eine begriffsgeschichtliche Studie zum humanistischen Freundschaftsbegriff haben in jüngster Zeit das Potenzial dieses Quellenkorpus für philologisch-kulturgeschichtliche Fragestellungen gezeigt. [2] Aus historischer Perspektive wäre eine umfassende Biografie Willibald Pirckheimers ein Desiderat, für die nun eine wichtige Grundlage vorliegt.


Anmerkungen:

[1] Emil Reicke (Bearb.): Willibald Pirckheimers Briefwechsel, Bd. 1, München 1940; Bd. 2, München 1956; Dieter Wuttke (Hg.) / Helga Scheible (Bearb.): Willibald Pirckheimers Briefwechsel, Bd. 3, München 1989; Helga Scheible (Bearb.): Willibald Pirckheimers Briefwechsel, Bd. 4-6, München 1997, 2001, 2004.

[2] Helga Scheible: Willibald Pirckheimers Persönlichkeit im Spiegel seines Briefwechsels am Beispiel seines Verhältnisses zum Klosterwesen, in: Pirckheimer Jahrbuch 21 (2006), 73-88; und J. Klaus Kipf: Humanistische Freundschaft im Brief. Zur Bedeutung von "amicus", "amicitia" und verwandter Begriffe in Briefcorpora deutscher Humanisten, in: Verwandtschaft, Freundschaft, Klientel. Soziale Lebens- und Kommunikationsformen im Mittelalter, hg. von Gerhard Krieger, Berlin 2009, 491-509, besonders 505ff.

Georg Strack