Rezension über:

Hans-Günther Bigalke: Geschnitzte Bilder und Figuren an Fachwerkhäusern. In Deutschland 1450 - 1700, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, 464 S., zahlr. farb.- und s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06820-9, EUR 78,00
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Rezension von:
Ulrich Pfarr
Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Pfarr: Rezension von: Hans-Günther Bigalke: Geschnitzte Bilder und Figuren an Fachwerkhäusern. In Deutschland 1450 - 1700, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/03/15667.html


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Hans-Günther Bigalke: Geschnitzte Bilder und Figuren an Fachwerkhäusern

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Zwar ist die Geschichte des Fachwerkbaus in Deutschland Gegenstand reger Forschungen, Hans-Günther Bigalke reklamiert jedoch zu Recht, dass die inhaltliche Deutung der figürlichen Verzierungen bislang zu kurz kam. Anliegen seines Buches ist die grundsätzliche Ausweitung der christlichen Ikonografie auf Reliefbilder, Figuren und teilweise auch Ornamente an Fachwerkhäusern. Eine kunsthistorische Untersuchung, wie sie der Titel vermuten ließe, ist nicht angestrebt, doch beschränkt sich das Material nicht auf explizit religiöse Motive, sondern umfasst weitgehend auch Darstellungen, die auf humanistisches Bildungsgut, Alltagsleben oder magische Funktionen bezogen werden. Soweit er in ihnen keine verborgenen christlichen Botschaften vermutet, betrachtet der Autor diese profanen Bilder als "zeitbedingte Begleitmotive" (9), womit er eine zeitlos gültige Essenz der christlichen Motive impliziert. Von daher verwundert kaum, dass auch mehrere nach 1945 komplett rekonstruierte Häuser und sogar im 20. Jahrhundert neu geschaffene Figuren (119, 170, 350) einbezogen werden.

Im Vorwort ordnet Bigalke die Entwicklung geschnitzter Bildprogramme seit dem späten 15. Jahrhundert in den Kontext des wachsenden bürgerlichen Repräsentationsbedürfnisses und humanistischer Bildungsansprüche ein. In diesem Zusammenhang zitiert er eine Stellungnahme Luthers zum Bilderstreit, die solche Häuser, die vor allem in Niedersachsen, Ostwestfalen und Oberhessen, mithin in protestantischen Regionen erhalten sind, unmittelbar zu legitimieren scheint: "Ja wollt Gott, ich kund die herrn und die reychen da hyn bereden, da sie die gantze Bibel ynnwendig und auswendig an den heusern für ydermans augen malen liessen, das were eyn Christlich werck" (11). Dass es für das Aufkommen figürlich geschmückter Fachwerkhäuser keiner theologischen Anstöße bedurfte, belegen gleichwohl die ältesten, der Reformation vorausgehenden Beispiele. Mit dem Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen gingen Fachwerkbau und figürlicher Schmuck im 17. Jahrhundert deutlich zurück; bildlichen Darstellungen an Gebäuden des 18. und 19. Jahrhunderts spricht der Autor nur noch dekorative Funktion zu. Über weite Strecken entpuppt sich das Vorwort als allgemeinbildende Einführung in die christliche Ikonografie mit besonderer Betonung der Typologie. Diesen Aspekt exemplifizieren der 1181 geschaffene Klosterneuburger Altar des Nikolaus von Verdun, der "Heilspiegel" und die "Armenbibel", die später immer wieder zum Vergleich dienen.

Der Hauptteil (18-411) behandelt in zehn Kapiteln und 37 Unterkapiteln christliche Figuren, Tugenden und Laster, humanistische Themen, Tier- und Pflanzensymbolik und "Spuren des Lebens in der beginnenden Neuzeit". Kenntnisreich und durch Standardliteratur untermauert, leitet Bigalke die theologische oder mythologische Fundierung einzelner Motive her und verfolgt an teils weit gestreuten Beispielen die Entwicklung der betreffenden Ikonografie. Treten schon diese Ausführungen recht didaktisch auf, so besitzen die jeweils beigegebenen, farbig unterlegten Kästchen "Beispiele zum Thema aus anderen Bereichen der Kunst" Schulbuchcharakter. Dieses Vorgehen führt zu Abschweifungen und Redundanzen. Punktuell werden die bekannten grafischen Vorlagen der Schnitzer dokumentiert (139, 254, 287). Die bei allen Unterschieden in Stil und Qualität der Ausführung sich wiederholenden Bildschemata zeigen indes, dass nicht nur nach Drucken berühmter Künstler, sondern auch allgemein nach Musterbüchern gearbeitet wurde. Mit dem Transport von Motiven im Rahmen langfristiger Handwerkstraditionen gelangt die ikonografische Deutung an Grenzen, die hier für den Abschnitt "Christliche Tiersymbolik" (296-325) thematisiert seien. Zwar erlaubt der Kontext im Einzelfall eine Klärung der diskutierten Polyvalenz einzelner Motive. Aus der Frage nach dem Bedeutungsverlust der romanischen Symbolsprache in der Frühen Neuzeit folgen mit den zitierten Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aber keine methodischen Konsequenzen (298). Über den Symbolgehalt diverser Tiere oder eine bloß dekorative Verwendung entscheidet oft (z.B. 41-53, 299) der letztlich vom künstlerischen Niveau abhängige subjektive Eindruck des Autors.

Die Problematik dieses Zugangs verdichtet sich anhand der antithetischen Motive in der Tradition der Grotesken der romanischen und gotischen Bauplastik. Bedingt durch die selektive Betrachtung werden die Gesichter und Masken an den Balkenköpfen, nicht anders als die Inschriften mit Sinnsprüchen, Worträtseln, etc., überwiegend vernachlässigt. So gerät kaum in den Blick, dass die mit einem Bereich des Niedrigen und Negativen assoziierten Fratzen regelmäßig über den Knaggen mit Heiligenfiguren und biblischen Motiven stehen. Dort stuft sie der Autor als rein dekorativ ein (391), an den Knaggen und Eckständern hingegen deutet er sie undifferenziert als "Neidköpfe" oder "Dämonenabwehr". Hier wäre unbedingt die Forschungsliteratur zu Herkunft und Bedeutungswandel der "Zanner" und "Blecker" zu berücksichtigen gewesen. [1] Neid wehrte ein Hausbesitzer bereits durch den sichtbaren Ausweis seiner Rechtschaffenheit und Frömmigkeit ab; den Dämonen sollten die Heiligenfiguren Einhalt geboten haben. Auch wenn Quellen zur Rezeption fehlen, lassen Vergleiche mit der Literatur eine Umwertung der Grotesken von moralisierenden Funktionen zum "groben" Humor vermuten. Immerhin verbindet Bigalke außer Narrenfiguren auch Mischwesen mit Phantasie und Humor (298); bei diesen vermeintlichen Künstlerlaunen handelt es sich aber oftmals um "reale" Wesen aus mittelalterlichen Wissensbeständen.

Ein abschließendes Kapitel (412-443) stellt sechzehn Häuser mit umfangreicher Bildausstattung in historischer Reihung vor. Der Anhang bietet neben Bibliografie und Ortsregister ein Sach- und Personenregister sowie ein Verzeichnis der zitierten Bibelstellen. Man vermisst einen Katalog der ausgewerteten Bauten, die über das Ortsregister nur indirekt erschlossen werden, so dass keine systematische Verknüpfung mit den ikonografischen Themen im Sachregister erfolgt.

Der Autor, emeritierter Hochschullehrer für Mathematik und Mathematikdidaktik, hat bereits zur Ornamentik am Fachwerk publiziert. [2] Freilich ist von der dort gezeigten architektonischen Sachkenntnis in das hier besprochene Werk erstaunlich wenig eingeflossen. Man hätte sich vom individuellen Haus ausgehende Analysen gewünscht, gegliedert nach regionalen und lokalen Erscheinungsformen. Dieses populärwissenschaftlich angelegte Buch enthält im Grunde wenig Neues; sein Hauptverdienst dürfte in der erweiterten Identifikation und Dokumentation der christlichen und humanistischen Motive liegen, die sich auf zahllose in bester Qualität reproduzierte Fotografien stützt. Damit legt Bigalke ein Gegenargument zu der noch immer verbreiteten, im völkischen Denken des frühen 20. Jahrhunderts verwurzelten Runologie vor, die in den Zierformen des Fachwerks germanische Zaubersymbole erkennen möchte.


Anmerkungen:

[1] Katrin Kröll / Hugo Steger (Hgg.): Mein ganzer Körper ist Gesicht, Freiburg 1994.

[2] Hans-Günther Bigalke: Fachwerkhäuser. Verzierungen an niederdeutschen Fachwerkbauten und ihre Entwicklung in Celle, Hannover 2000.

Ulrich Pfarr