Rezension über:

Jochen Laufer: Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941-1945 (= Zeithistorische Studien; Bd. 46), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, 639 S., ISBN 978-3-412-20416-7, EUR 69,90
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Rezension von:
Gerhard Wettig
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Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Gerhard Wettig: Rezension von: Jochen Laufer: Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941-1945, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 2 [15.02.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/02/17357.html


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Jochen Laufer: Pax Sovietica

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Stalins Vorgehen in der 'deutschen Frage' und seine Interaktion mit den Westmächten werden in zeitlicher Abfolge dargestellt, doch werden Rückblenden eingefügt, welche diese zuweilen verwischen. Laufer schöpft aus vielen, teils neuen Quellen meist sowjetischer Herkunft und fördert Details zu zahlreichen Fragen zutage, etwa zur zweiten Front gegen Deutschland im Westen, zum sowjetischen Interesse an den Land-Lease-Lieferungen im Zweiten Weltkrieg und an einer Wiederaufbauhilfe der USA danach, zur Auflösung der Komintern und zur Fixierung der Kapitulationsbedingungen für Deutschland. Interessant ist, dass sich Stalin 1942/43 gegen die - ihm von London sowie den finnischen Kommunisten im Moskauer Exil nahegelegte - Option des Kriegsausstiegs von Finnland entschied, um eine Lage abzuwarten, in der er mehr Bedingungen durchsetzen konnte. Auch nutzte er, wie schon anderweitig bekannt, die im Frühherbst 1943 getroffene Frontwechselvereinbarung der Westmächte mit Italien, um deren Ausschluss von den Entscheidungen bezüglich der osteuropäischen Staaten zu rechtfertigen. Neu ist, dass schon 1941 von einer uneingeschränkten deutschen Wiedergutmachungspflicht und einer territorialen Entschädigung Polens durch die deutschen Gebiete östlich der Oder die Rede war.

Die Aussagekraft der zahlreich angeführten Details wird oft nicht ausgeschöpft, da ihre Relevanz für den historischen Kontext unklar bleibt oder Interpretationen aus sowjetamtlichen Darstellungen einfach übernommen werden. Laufer meint etwa, dass sich Stalin beim Abschluss des Pakts mit Hitler 1939 - wenn man von seinem unzweifelhaften Willen zur Ausdehnung seiner Macht auf Ostmitteleuropa absieht - vom Bestreben leiten ließ, die Aggression des Deutschen Reiches von der UdSSR auf die Westmächte abzulenken, nachdem diese das in umgekehrter Richtung ein Jahr zuvor mit dem Münchener Abkommen getan hätten. Diese Deutung, mit der die damalige sowjetische Rechtfertigung wiederholt wird, verkennt das Motiv der handlungsbestimmenden britischen Regierung völlig. Diese wollte den Frieden dadurch dauerhaft gewährleisten, dass sie es zusammen mit der französischen Regierung Hitler - der vermeintlich eine von nationalen Erwägungen bestimmte Politik betrieb - erlaubte, die Sudetendeutschen "heim ins Reich" zu holen, da diese 1919 gegen ihren ausdrücklichen Willen einem fremden, sie diskriminierenden Nationalstaat überantwortet worden waren. Als sie im März 1939 aufgrund der "Zerschlagung der Resttschechei" durch Hitler erkennen musste, dass es diesem um imperialistische Expansion ging, vollzog man in London eine völlige Kehrtwendung.

Was Stalin tatsächlich zum Pakt mit Hitler bewog, geht nur indirekt aus Angaben und Zitaten des Buches hervor. Da ist von seiner Überzeugung die Rede, dass in den Beziehungen unter den kapitalistischen Mächten "innerimperialistische [exakt wäre: zwischenimperialistische] Widersprüche" bestimmend seien und mit Notwendigkeit zu einem wechselseitig zerstörenden Krieg führen müssten, an dessen Ende sich die Arbeiterklasse gegen ihre kapitalistischen Ausbeuter erheben und mit sowjetischer Unterstützung den Sieg des Sozialismus erkämpfen werde. Darauf verwies Stalin ausdrücklich, als er, wie in dem Buch durch ein Zitat belegt wird, Anfang September 1939 vor leitenden Komintern-Funktionären seinen Entschluss erläuterte. Demnach ging es bei dem Pakt primär darum, Hitler durch die Zusicherung, ihm den Rücken im Osten freizuhalten, den Weg zum Krieg mit den Westmächten zu ebnen, um auf diese Weise die Staaten der Außenwelt in wechselseitige Vernichtung zu verwickeln.

Solange sich Hitler Feinden im Westen gegenübersah, schien es ausgeschlossen, dass er sich militärisch gegen die UdSSR wandte. In dieser Gewissheit blieb Stalin, wie ihm nicht nur seine Nachfolger vorwarfen, sondern auch historische Untersuchungen deutlich machen, 1941 gegenüber allen Hinweisen und Warnungen taub. Er erlitt, als der Angriff dann erfolgte, einen Schock und brauchte eine ganze Woche, um seine Fassung wiederzugewinnen, Entschlüsse zu fassen und damit an die Öffentlichkeit zu treten. Die Rote Armee, die sich weisungsgemäß nur auf eine spätere Offensive eingestellt hatte und der, um Hitler nicht zu "provozieren", keine Vorbereitungen für eine Verteidigung erlaubt worden waren, befand sich in einer fatalen Lage. Das stellt Laufer anders dar. Er erwähnt zwar, dass zunächst nur Molotov - angeblich im Auftrag seines Chefs - an die Öffentlichkeit trat, schreibt aber Stalin überlegene Ruhe und Gelassenheit zu. Er habe mit dem Angriff gerechnet und im Hinblick darauf die nötigen Schritte unternommen. Dabei interpretiert er das, was Stalin langfristig für einen späteren Krieg vorgesehen hatte, als aktuell eingeleitete Vorkehrungen. Zugleich mutiert die generell offensive Ausrichtung der sowjetischen Militärstrategie zu einem defensiven Operationsplan mit folgendem Gegenstoß.

Die Lage war 1941 völlig anders, als Stalin 1939 kalkuliert hatte: Er stand einem starken Feind gegenüber, der sein Land an den Rand des Abgrunds brachte, und sah sich in einer gemeinsamen Front mit den Westmächten, die er als Feinde betrachtete. Auch wenn er im Bund mit ihnen die Oberhand gewann, wovon er rasch überzeugt war, konnte er nicht mit einem Sieg über die gesamte Außenwelt rechnen. Vielmehr ging es, wie Laufer feststellt, um die Durchsetzung des "sowjetischen Friedens", also der beherrschenden Position der UdSSR, auf dem europäischen Kontinent. Die Kontrolle über Deutschland war dafür entscheidend. Wie dort die Verhältnisse gestaltet werden sollten, bleibt jedoch unklar. Angeblich wurden die - mutmaßlich auf sozialistischen Umsturz ausgerichteten - Vorstellungen der Exil-KPD "ignoriert". Außer Betracht bleibt, dass Stalin deren Führer 1944 zu einer Nachkriegsplanung unter Dimitrovs Anleitung veranlasste und 1941 der Roten Armee eine "Befreiungsmission" mit "revolutionären" Implikationen zuschrieb (was erwähnt, aber der Interpretation nicht zugrunde gelegt wird). Von der vorgesehenen Besetzung Deutschlands, die Stalin später die Aufzwingung gewünschter Verhältnisse in seiner Zone ermöglichte, ist keine Rede.

Die den Deutschen zugedachte Zukunft wird nur unter dem Aspekt der Zerstückelung erörtert. Stalin setzte sich in der Anti-Hitler-Koalition bis März 1945 stets dafür ein, das Land durch Teilung in mehrere Staaten zu schwächen, änderte dann aber seinen Standpunkt und profilierte sich von da an als Vorkämpfer der deutschen Einheit gegen die vorgeblich auf "Spaltung" bedachten Westmächte. Zuvor war, wie interne Zeugnisse belegen, seine Haltung keineswegs eindeutig gewesen. Zwar arbeiteten Kommissionen des Außenkommissariats in seinem Auftrag Teilungspläne aus, doch ignorierte er diese völlig. Im ZK-Apparat ließ er ein Konzept der inneren Umgestaltung entwickeln, dessen Verwirklichung einen einheitlichen, zentral gelenkten Staat voraussetzte. War die Zerstückelungsforderung eine Rückfalloption für den Fall, dass die Westmächte das besiegte Land in die Hand bekämen und die Umgestaltung nicht zu erreichen wäre? Stalins Kehrtwende, sobald sein Zugriff auf Berlin sicher war, könnte darauf hindeuten, dass dies seine Überlegung war.

Insgesamt bietet das Buch viel neues Material, lässt aber kein klares Bild der Politik Stalins erkennen.

Gerhard Wettig