Rezension über:

Carsten Schreiber: Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens (= Studien zur Zeitgeschichte; Bd. 77), München: Oldenbourg 2008, IX + 501 S., ISBN 978-3-486-58543-8, EUR 69,80
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Rezension von:
Marc Buggeln
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Marc Buggeln: Rezension von: Carsten Schreiber: Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens, München: Oldenbourg 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 2 [15.02.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/02/14637.html


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Carsten Schreiber: Elite im Verborgenen

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Die personale Zusammensetzung der regionalen SD-Stellen bildete eine der großen Wissenslücken bei der Erforschung der Täter des nationalsozialistischen Herrschafts- und Terrorapparates. Aufgrund mangelnder Quellen existierten bisher wenig mehr als einige Vermutungen auf recht dünner Materialbasis. Für den SD-Inland reichen die Charakterisierungen vom "Meinungsforschungsinstitut" bis zur "Mordelite". Auch die wenigen Studien zu lokalen SD-Dienststellen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Während Georg C. Browder im SD-Oberabschnitt "Rhein" eine soziale Elite am Werke sah [1], präsentierten sich die V-Leute des SD im Saarland, Klaus-Michael Mallmann und Gerhard Paul, "als veritabler Querschnitt des lokalen Kleinbürgertums." [2] Durch den Fund der kompletten Personalkartei des SD-Leitabschnittes Dresden, in welcher alle Mitarbeiter sowie V-Leute des SD in Sachsen verzeichnet sind, kann die Arbeit von Carsten Schreiber, die 2005 an der Universität Leipzig als Dissertation angenommen wurde, die bisherige Forschung auf eine viel breitere Grundlage stellen. Dies ist ohne Zweifel das größte Verdienst des Buches, allerdings wird dies dem Leser in der Einleitung auch überaus häufig mitgeteilt.

Schreiber verortet seine Studie in der Einleitung sowohl in der Denunziations- wie in der Täterforschung. Im Hauptteil der Studie dominieren aber Fragen der Täterforschung, während die Denunziationsforschung eher am Rande hinzugezogen wird und im Schluss gar keine Rolle mehr spielt. Als zentrale Kategorien in der Analyse verwendet Schreiber die Begriffe "Netzwerk" und "totalitäre Elitenorganisation", wobei letzterer auf Hannah Arendt zurückgeht.

Der Hauptteil gliedert sich in sechs Kapitel. Schreiber steigt in die Studie mit der Schilderung des Aufbaus des SD in Sachsen ein. Spannender wird es im folgenden Kapitel, in dem er die Zusammensetzung des SD-Netzwerkes in Sachsen untersucht. In Kombination mit dem fünften Kapitel, in welchem die gefundene Datei statistisch ausgewertet wird, finden sich hier die veritabelsten Ergebnisse der Studie. Das SD-Netzwerk in Sachsen bestand zu 87,6 Prozent aus NSDAP-Mitgliedern, und fast genauso hoch war der Anteil der Ehrenamtlichen. Auch in Sachsen gab es nur wenige fest angestellte SD-Mitglieder, und zum inneren Kern gehörten nur 32 Männer, von denen wiederum nur 12 Hauptamtliche waren. Angehörige der Kriegsjugendgeneration (1900-1910) waren im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt deutlich überrepräsentiert, ebenso Angehörige der Oberschicht und des Beamtentums. Insbesondere die beschriebene enge Verbindung von SD und Beamtenschaft dürfte eine Hinterfragung des seit Franz Neumanns "Behemoth" häufig behaupteten Bedeutungsverlusts der Bürokratie im Nationalsozialismus sinnvoll machen.

Angehörige der Unterschicht waren dagegen im SD deutlich unterrepräsentiert. Von 2.690 SD-Mitarbeitern und V-Männern stammten nur 412 aus dieser Schicht, wovon wiederum mehr als drei Viertel Facharbeiter und Vorarbeiter waren. Zu den Stimmungslagen ungelernter Arbeiter dürfte der SD damit nur sehr begrenzten Zugriff gehabt haben. Noch deutlicher unterrepräsentiert waren Frauen, die nur 1,6 Prozent des SD-Netzwerkes ausmachten. Schreibers Analyse verstärkt dadurch Zweifel am mitunter sehr hoch angesetzten Quellenwert der SD-Berichte "Mitteilungen aus dem Reich", denn aufgrund der SD-Struktur dürften diese hauptsächlich die Weltsicht des männlichen Bürgertums wiedergeben.

Im dritten Kapitel werden differente Zeitphasen der SD-Tätigkeit analysiert. Der SD wandelte sich von einem Instrument der Gegnerbekämpfung zu einem Amt, dessen Ziel im Inland die nationalsozialistische Prägung aller Lebensbereiche wurde. Der Überprüfung dieser Aufgabe dienten auch die SD-Mitteilungen. Aufgrund der geringen Mitarbeiterzahl war aber kaum daran zu denken, den selbst postulierten Anspruch von der weitgehenden "Durchdringung des Volkes" auch nur halbwegs zu erfüllen. Schreiber unterscheidet im vierten Kapitel zwischen Zubringern, Agenten, Vertrauensleuten, Mitarbeitern, Beobachtern sowie Außenstellenleitern und nimmt deren unterschiedliche Aufgaben in den Blick. Besonders interessant sind die Ausführungen zu den Außenstellenleitern, von denen einige nach Kriegsende bei der Stasi, andere beim BND ihre geheimdienstliche Tätigkeit fortsetzten.

Im etwas knapp geratenen Schluss wird erneut die Fruchtbarkeit der Begriffe "Netzwerk" und "totalitäre Elitenorganisation" hervorgehoben. Während mir dies für den ersten Begriff nachvollziehbar geworden ist, bestehen hinsichtlich des zweiten doch erhebliche Zweifel. Erstens beschreibt Schreiber selbst den SD als äußerst flexibles Netzwerk, welches auf Veränderungen zu reagieren wusste und keineswegs immer totalitär agierte. Zweitens - und dies betrifft keineswegs nur die Studie von Schreiber, sondern einen Großteil der NS-Täterforschung - scheinen mir Zweifel am recht umstandslosen Gebrauch des Elitebegriffs für die Zeit des Nationalsozialismus angebracht. Morten Reitmayer hat jüngst gezeigt, dass sich der Begriff "Elite" in Deutschland erst in der Zeit der Bundesrepublik durchsetzen konnte und eng mit der Demokratisierung verbunden war. [3] Vorher war das Wort in Deutschland weitgehend ungebräuchlich. Insbesondere Himmler sprach von der SS nie als Elite, sondern immer von einem "Orden" oder einem "neuen Adel". Deswegen sollte in den folgenden Forschungen stärker über die Bedeutung dieser Begriffe und über die Vor- und Nachteile der retrospektiven Elitisierung von SS und SD reflektiert werden.

Diesen Einwänden zum Trotz ist die Studie von Carsten Schreiber eine ganz hervorragende Arbeit, die gute Lesbarkeit und akribische Quellenauswertung verbindet. Für die zukünftige Beschäftigung mit dem SD wird sie einen unumgänglichen Ausgangspunkt bilden, und auch für das weitere Feld der Täterforschung bietet sie viele wertvolle Anregungen.


Anmerkungen:

[1] Georg C. Browder: Hitler's Enforcer. The Gestapo and the SS Security Service in the Nazi Revolution, New York 1996, 218f.

[2] Klaus-Michael Mallmann / Gerhard Paul: Herrschaft und Alltag. Ein Industrierevier im Dritten Reich. Widerstand und Verweigerung im Saarland 1935-1945, Bd. 2, Bonn 1991, 275.

[3] Morten Reitmayer: Elite. Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik, München 2009.

Marc Buggeln