Rezension über:

Hans-Joachim Behr (Bearb.): Die Tagebücher des Ludwig Freiherrn von Vincke 1789-1844. Band 5: 1804-1810 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. XIX: Westfälische Briefwechsel und Denkwürdigkeiten; Bd. 12,5), Münster: Aschendorff 2009, 495 S., ISBN 978-3-402-15744-2, EUR 39,80
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Rezension von:
Horst Conrad
Münster
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Horst Conrad: Rezension von: Hans-Joachim Behr (Bearb.): Die Tagebücher des Ludwig Freiherrn von Vincke 1789-1844. Band 5: 1804-1810, Münster: Aschendorff 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 1 [15.01.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/01/17137.html


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Hans-Joachim Behr (Bearb.): Die Tagebücher des Ludwig Freiherrn von Vincke 1789-1844. Band 5: 1804-1810

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Ludwig von Vincke (1774-1844) gehörte nicht zur ersten Reihe der prägenden Politiker seiner Zeit. Doch als hoher Beamter hatte er wesentlichen Anteil an der Durchsetzung der Leitgedanken der preußischen Reformära. Für die 1815 neu entstandene Provinz Westfalen wurde er zu einer legendären Integrationsfigur. Bereits mit 15 Jahren begann er ein Tagebuch zu führen, das ihn bis zu seinem Lebensende begleitete. Die Herausgabe dieser Tagebücher durch den Verein für Geschichte und Altertumskunde sowie der Historischen Kommission für Westfalen gehört zu einem groß angelegten regionalgeschichtlichem Projekt, das maßgeblich Hans-Joachim Behr initiierte. Nachdem im Frühjahr bereits der erste Band mit den Tagebüchern 1789-1792, herausgegeben von Wilfried Reininghaus und Hertha Sagebiel erscheinen konnte [1], ließ Behr nun selbst den Band mit den Jahren 1804-1810 folgen. Die Arbeit an den Bänden mit den dazwischen liegenden Jahren befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium.

Die Jahre 1804 bis 1810 gehören zu der deprimierendsten Periode in Vinckes Leben. Im November 1804 wurde er zum Kammerpräsidenten in Münster und Hamm berufen. An seinem Dienstort Münster erlebte er den inneren Widerstand der Führungsschicht des katholischen ehemaligen Fürstbistums gegen die neuen Landesherren. Vincke wurde erstmals nachhaltig mit dem Katholizismus des Ancien Régime konfrontiert. Mit den retardierenden Elementen des entstehenden politischen Katholizismus konnte er sich nicht anfreunden. Zeit seines Lebens blieb eine Aversion gegenüber der katholischen Riten- und Zeremonienwelt, die seinem protestantischen Lebensgefühl widersprach und die im "Kölner Ereignis" später ihre kontroverseste politische Ausprägung finden sollte. In Münster erlebte Vincke aber auch die Krise der preußischen Bündnispolitik gegenüber dem revolutionären Frankreich. Bereits 1805 hegte er den Wunsch zu demissionieren, da er den Zusammenbruch des alten Preußen voraussah.

In Vinckes Tagebüchern lässt sich die Wandlung eines jugendlichen bewundernden Parteigängers der Revolution bis hin zu einem dezidierten Franzosenhass nachvollziehen. Als Schüler feierte er den 14. Juli noch als einen jährlichen Gedenktag der Befreiung der Menschheit. Auf seiner Frankreichreise 1801 hielt er noch deutlich Distanz zu den ci devants, freundete sich aber keinesfalls mit dem nunmehr napoleonischen Frankreich an. Nach 1804 war nur noch von den widerwärtigen Franzosen und dem französischen Ungeheuer die Rede. Die Katastrophe Preußens 1806 stürzte Vincke in tiefe Verzweiflung. Gleichzeitig aber keimte auch die Hoffnung auf eine Reform des Staates auf. Verbunden war dies nun zugleich mit der Hoffnung auf eine nationale Erneuerung (das unglückliche Preußen, das arme Teutschland, 208). Der Widerstand gegen die napoleonische Fremdherrschaft ließ Vincke zu einem politisch Verfolgten werden. Auf seiner zweiten Englandreise im Frühjahr und Sommer 1807 versuchte er, wenn auch mit geringem Erfolg, für eine militärische Insurrektion mit britischer Hilfe zu werben. Seit dem Frühjahr 1808 wurde er zu einem engen Mitarbeiter an den Reformplänen des Freiherrn vom Stein, den er bereits seit seiner Mindener Landratszeit 1797 näher kannte.

Vinckes Hauptinteresse galt, wie man es schon in seiner Jugend feststellen konnte, der Agrarreform, insbesondere der Verbesserung der landwirtschaftlichen Anbauweisen, ferner dem Aufbau einer lokalen Selbstverwaltung, wie er sie im baskischen Spanien und in England kennen gelernt hatte. Immer wieder spürt man auch in diesem Band der Tagebücher sein frühes Interesse für eine Reform der Behindertenfürsorge und des Armenwesens. Auf seinen Reisen verzichtete er in fast keiner größeren Stadt auf den Besuch solcher Einrichtungen.

Vinckes telegrammartiger, oft nur der persönlichen Erinnerung dienender Stil, ließ wenig Spielraum für lange Reflexionen. Die ursprüngliche Intention des Schülers, ein Tagebuch zu führen, um in einen Erziehungsdialog mit seinen Lehren treten zu können, ist der Hektik des Alltags gewichen. Mit dem Tagebuch entstand so eine Art Röntgenbild der politischen Aktionen und des weit verzweigten Bekanntenkreises. An die Herausgebertätigkeit stellt daher die Kommentierung erhöhte Anforderungen. Behr hat sich dieser Herausforderung gewissenhaft gestellt. Bei der Fülle der Informationen bleibt es nicht aus, das eine oder andere ergänzen zu können. Bei dem auf S. 361 genannten Gräfenburg handelt es sich um das ostwestfälische Grevenburg. Bei dem auf S. 189 genannten Sinclair muss es sich um John Sinclair (1754-1835), den britischen Nationalökonom handeln. Bei den Emotionen auslösenden Begegnungen mit Frau v. Rohr in Münster und später in Berlin handelte es sich um ein Wiedersehen mit Amalie Haß, Vinckes zweiter großen unerfüllten Liebe, die ihn in seine wohl schwerste Lebenskrise seiner jungen Jahre gestürzt hatte.

Die Edition bietet einen außergewöhnlichen Blick in den Wandel der preußischen Politik nach 1806 und in das Alltagsgeschäft der preußischen Reformbewegung.


Anmerkung:

[1] Vgl. hierzu die Rezension von Jürgen Kloosterhuis in dieser Ausgabe: http://www.sehepunkte.de/2010/01/13440.html

Horst Conrad