Rezension über:

Haruko Nawata Ward: Women Religious Leaders in Japan's Christian Century, 1549-1650 (= Women and Gender in the Early Modern World), Aldershot: Ashgate 2009, XV + 405 S., ISBN 978-0-7546-6478-9, GBP 65,00
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Rezension von:
Harald Kleinschmidt
Universit├Ąt Tsukuba
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Harald Kleinschmidt: Rezension von: Haruko Nawata Ward: Women Religious Leaders in Japan's Christian Century, 1549-1650, Aldershot: Ashgate 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/16863.html


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Haruko Nawata Ward: Women Religious Leaders in Japan's Christian Century, 1549-1650

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Bei dem zur Besprechung anstehenden Werk handelt es sich um eine vom Princeton Theological Seminary angenommene missionsgeschichtliche Dissertation über das Leben von fünf japanischen Christinnen des ausgehenden 16. Jahrhunderts sowie einigen Glaubensgemeinschaften, die in Japan und in Südostasien im Zeitraum zwischen 1565 und 1600 bestanden. Die Biografien sind, auf eine allgemeine Einleitung folgend, in vier Abschnitte gegliedert: "Nonnen" (Kap. 2-4), "Hexen" (Kap. 5-8), "Katechetinnen" (Kap. 9-12) und "Schwestern" (Kap. 13-14). Die Autorin hat neben einigen vatikanischen Archivalien in der Hauptsache die jesuitischen Relationen, insbesondere des Luís Fróis, sowie japanischsprachiges zeitgenössisches Schrifttum christlichen Inhalts und religionsgeschichtliche Quellen japanischer Provenienz, insbesondere zum Buddhismus und Shintoismus, ausgewertet.

Die Autorin ist bestrebt, die Leistungen der im Zeitraum der Untersuchung lebenden Frauen als Glaubensbotinnen gegen die in den Quellen vorwaltenden, oft negativen Stereotypen neu zu bewerten. Das Hauptgewicht ihrer Studie liegt daher auf Quellenkritik, insbesondere der zeitgenössischen Historia de Japam des Luís Fróis. Aus ihrer Kritik zieht die Autorin den gut begründeten Schluss, dass die Frauen, die in den Quellen als Christinnen mit großem Einfluss auf Männer sowie andere Frauen in ihrer Umgebung beschrieben werden, herausragende Leistungen als Glaubensbotinnen erbrachten. Die Autorin weist nach, dass diese Leistungen weder in den Quellen, die den religionsgeschichtlichen Hintergrund des Handelns der Glaubensbotinnen oft nicht verstanden sowie misogynen Vorurteilen erlagen, noch in der bisherigen Forschung hinreichend gewürdigt wurden.

Die Einzelanalysen sind weitgehend schlüssig, wenngleich nicht in jedem Fall nachvollziehbar. Zumal in Bezug auf Fróis' Historia als Hauptquelle bleibt die Kritik oberflächlich. So beschränkt sich die Autorin in ihrer Bemessung des Quellenwerts dieses Werks auf die nicht weiter begründete Zustimmung zu einer Stellungnahme des Missionshistorikers Hubert Cieslik und klassifiziert Fróis als "christlichen Humanisten des 16. Jahrhunderts" ohne zu belegen, was an Fróis' Einstellungen "humanistisch" und was an seinem "Humanismus" "christlich" gewesen sein soll. Die Komplexität des Quellenwerts der jesuitischen Relationen, deren Topik nicht untersucht wird, bleibt unberücksichtigt, wie auch der portugiesischen Historiografie des 16. Jahrhunderts, deren Abkehr vom universalhistorischen Paradigma nicht behandelt wird. Mit Hilfe der Gegenüberstellung christlicher Glaubensgrundsätze mit religiösen Überzeugungen japanischer Provenienz und dem Nachweis, dass letztere in christlicher Perspektive missverstanden wurden, bietet die Autorin in den Kapiteln 5-8 zwar eine überzeugende Zurückweisung der Beschuldigung, die Herrscherin Ōtomo in Kyūshū sei "Hexe" gewesen. Aber weitere Topoi, wie beispielsweise die häufige Anwendung von Männlichkeitsbezeichnungen auf die einflussreichen japanischen Christinnen durch jesuitische Autoren, bleiben unerklärt.

Drei der vier Bezeichnungen der Kategorien, denen die Autorin die japanischen Glaubensbotinnen zuordnet, sind nicht zeitgenössisch, sondern werden als retrospektive Konstrukte verwandt. Nur die Bezeichnung "Schwestern", die auf confrarias zurückführt, stand in Japan zeitgenössisch nach buddhistischem Modell in Gebrauch. Zudem bleibt die Bedeutung aller vier Bezeichnungen vage. Was die "Nonnen", die keine klösterlichen Gemeinschaften bildeten, von den "Schwestern" unterschieden haben soll, bleibt offen, da Frauen in beiden Gruppen nach Gelübden zu leben versuchten, die sie sich selbst auferlegt hatten.

Zwar hat die Autorin das wichtigste, nicht sehr umfangreiche Schrifttum über ihr Thema durchgearbeitet. Gleichwohl finden sich erstaunliche Lücken. So wertete sie nicht die 1961 an der Gregoriana angenommene Dissertation von Arcadio Schwade über die Ōtomo aus, der die Gesamtheit der einschlägigen Quellen bereits einer gründlichen und erschöpfenden Kritik unterzogen hatte. Nicht beachtet wurde überdies, außer einer Skizze über Tama Grazia Hosokawa, das umfangreiche Corpus der Schriften Elisabeth Gössmanns zur theologischen Frauenforschung.

So gerinnt das Werk, trotz brauchbarer quellenkritischer Passagen, insgesamt zu einem Produkt moderner Hagiografie, die zu klären versucht, welche "unique benefits of Christianity" (15) einige Frauen empfingen, die im Japan des 16. Jahrhunderts zu politischem Einfluss gelangten und sich zum Christentum bekannten. Die Autorin präsentiert dann auch sofort die eben nur im Sinn christlicher Dogmatik "korrekte" Antwort, diese "benefits" seien ausschließlich in der Heilslehre zu suchen. Die kultur- und religionsvergleichende Perspektive hingegen, die im Sinn einer kritischen Geschichtswissenschaft zu verfolgen gewesen wäre, bleibt außer Betracht.

Harald Kleinschmidt