Rezension über:

Hermann Hage: Amische Mennoniten in Bayern. Von der Einwanderung ab 1802/03 bis zur Auflösung der amischen Gemeinden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Regensburg: Edition Vulpes 2009, 561 S., ISBN 978-3-939112-45-7, EUR 29,00
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Rezension von:
Manfred Hanisch
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Hanisch: Rezension von: Hermann Hage: Amische Mennoniten in Bayern. Von der Einwanderung ab 1802/03 bis zur Auflösung der amischen Gemeinden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Regensburg: Edition Vulpes 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/16380.html


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Hermann Hage: Amische Mennoniten in Bayern

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Die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten entwickelte sich aus der Täuferbewegung. Kennzeichen sind u. a. die Erwachsenentaufe und eine pazifistische Grundhaltung. Der Ursprung ist in der Schweiz. Dort und auch andernorts (z. B. Frankreich) wurden sie aus politischen und religiösen Gründen verfolgt. Sie wanderten ins Elsaß und in die Pfalz aus, auch in die Niederlande und dann in die Vereinigten Staaten. Amische Mennoniten spalteten sich 1693 von den Mennoniten ab. Sie unterscheiden sich durch eine noch größere Weltabgewandtheit. Ihr Leben ist durchgängig bestimmt durch Vorbereitung auf das himmlische Leben. Engagement in politisch-gesellschaftlichen Dingen, auch Kontakte zur nichtamischen Außenwelt passen damit überhaupt nicht zusammen, und streng genommen weltliche Besitztümer auch nicht. Eine pazifistische Haltung ist grundlegend. Amische Mennoniten leben in selbst gewählter Abgeschiedenheit von der übrigen Gesellschaft ("Meidung"). Amische Gemeinden gibt es heute fast nur noch in den Vereinigten Staaten. Ihre ca. 230 000 Mitglieder halten an ihre traditionellen Bräuche fest und unterscheiden sich deutlich von Ihrer Umwelt durch ihre Kleidung (Bild auf dem Buchdeckel). Teilweise sprechen sie heute noch oberdeutsche Dialekte.

Amische Mennoniten kamen Anfang des 19. Jahrhunderts nach Bayern zusammen mit ihrem aufgeklärten und glaubens-toleranten Landesherrn, dem vormaligen Herzog von Pfalz-Zweibrücken, der nach dem Aussterben der bayerischen Wittelsbacher das Kurfürstentum Bayern 1799 erbte und - 1806 König von Bayern geworden - als Max I. Joseph bis 1825 regierte. Die Pfalz wurde dagegen 1795 französisch. Sie litt besonders unter den Kriegsereignissen, unter Einquartierungen und französischer Militärpflicht - und das war für amische Mennoniten Grund genug auszuwandern. Der französische Nationalstaat forderte eben Bürgerpflichten entschiedener ein als das bayerische Königreich. Hier fanden amische Untertanen freundliche Aufnahme und wohlwollende Förderung durch ihren neuen/alten Landesherrn und seinen nicht minder aufgeklärten Minister Montgelas. Sie waren wegen ihres Fleißes geschätzt, vor allem weil sie es ausgezeichnet verstanden, Landwirtschaft auf den von ihnen vorwiegend gepachteten (Besitzlosigkeit!) Höfen und Gütern zu betreiben. Sogar ihre strikte Ablehnung jeglichen Militärdienstes tolerierte die bayerische Monarchie - bemerkenswert angesichts der militärischen Belastungen in der napoleonischen Zeit.

Viele waren es nie. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Bayern nach vorsichtigen Schätzungen des Verfassers etwa 100 Familien mit vielleicht 700-800 Mitgliedern (163), die überwiegend untereinander heirateten (was heute für die "Amish People" in den USA immer noch gilt). Doch in den Zeiten eines immer mehr zunehmenden Nationalismus und Militarismus wurde es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Bayern immer schwieriger, sich der Militärpflicht zu entziehen. Und das war der entscheidende Grund, warum die Mehrheit der amischen Mennoniten - darunter auch vermögende Familien - sich gezwungen sahen, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, wo sie unbehelligt und kompromisslos ihren Glauben weiter leben konnten. Die Hiergebliebenen traten überwiegend zur mennonitischen Gemeinde über, so dass es Anfang des 20. Jahrhunderts keine amischen Gemeinden mehr in Bayern gab.

Die nur ungefähr 100 Jahre währende Geschichte der sehr kleinen Religionsgemeinschaft zeichnet der Verfasser in dem ersten Drittel seiner Dissertation akribisch nach. Er verwendet dazu so gut wie alle auf unsere Zeiten gekommenen Quellen aus, darunter auch viele in Privatbesitz und aus amerikanischen Archiven. Die Darstellung beschäftigt sich genauestens mit der Ein- und der Auswanderung, der Stellung des Staates, der katholischen und evangelischen Kirche und der Nachbarn. Amische Gemeinden gab es nur in den Räumen um München, Ingolstadt-Neuburg, Regensburg und Augsburg. Jede wird mit einem Kapitel bedacht.

So erfährt man z. B.: Vertreter der katholischen Kirche waren gelegentlich besonders unduldsam. Einzelne Priester wollten das Begräbnis auf dem Gemeindefriedhof verweigern. Es bedurfte dann der Intervention staatlicher Stellen, die auch erfolgte. Als Hauptproblem jedoch stellte sich weniger die politische oder gesellschaftliche Diskriminierung heraus - wirtschaftliche gab es keine - sondern die Militärpflicht, deren Einhaltung auch der bayerische Staat immer mehr einforderte.

Der Verfasser, der mit 54 Jahren mit dieser Arbeit an der Universität Würzburg promoviert wurde, trägt den Namen einer prominenten amischen Familie. Sein Buch ist "Gewidmet der amischen Familie Hage und allen ihren Nachkommen." Es scheint die Frucht einer lebenslangen Beschäftigung zu sein. Denn anders ließe sich nicht der 360 Seiten lange Anhang erklären, der die restlichen zwei Drittel des Werkes ausmacht. Hier finden sich vor allem eine nach Höfen und Orten geordnete Liste der Namen aller amischen Pächter und Besitzer mit ihren feststellbaren Lebensdaten, dann spärliche tabellarischen "Bemerkungen" zu deren Biographie und Quellennachweise. Damit ist das Werk allein schon vom Umfang primär eine familiengeschichtliche Arbeit. Leider wird die ungemeine Fülle des tabellarischen Datenmaterials - wenn man davon absieht, dass vieles qualitativ in der Darstellung Eingang gefunden hat - nicht weiter mit den Methoden der historischen Sozialforschung quantitativ ausgewertet. Der Wert des Anhangs liegt vor allem darin, dass man eruieren kann, auf welchen Höfen welche Mitglieder amischer Familien nachweisbar sind. Und auch das wird einem erschwert. Ein Namensregister gibt es nicht. Familiengenealogen, d. h. die Nachfahren in Amerika, werden es bedauern.

Die Arbeit behandelt die Geschichte der amischen Mennoniten vor allem im rechtsrheinischen Bayern. Nur gelegentlich gibt es Ausblicke über die bayerischen Grenzen hinaus. Selbst die Pfalz, woher viele amische Mennoniten kamen und die fast den gesamten Untersuchungszeitraum zum Kurfürstentum bzw. Königreich Bayern gehörte, bleibt ausdrücklich unberücksichtigt, ohne dass dies begründet würde (I). Gerade hier würde man gerne erfahren, wie sich die Zeit, als die Pfalz französisch war (1795-1815), auf die amischen Gemeinden ausgewirkt hat. Gab es danach z. B. Remigrationen?

Das Buch ist inhaltlich sehr eng - nicht einmal auf das ganze Bayern - zugeschnitten. Parallelen zu Vorgängen andernorts werden nicht gezogen. Auch eine Einordnung in das Gebiet der historischen Migrationsforschung findet nicht statt.

Indes: Der nicht hoch genug einzuschätzende Wert des Buches, einer überaus sorgfältigen auf vollständige Erfassung aller Quellen angelegten Geschichte der weltabgewandt lebenden, extrem kleinen Gemeinde der amischen Mennoniten in Bayern, liegt darin - sieht man von Miszellen und kleineren Veröffentlichungen ab - sie erstmals umfänglich zu einem Gegenstand der historischen Forschung gemacht zu haben. Auf dieser Arbeit aufbauend eröffnen sich viele neue Perspektiven zum Verhältnis von Religion und bayerischem Staat, aber auch zu den allgemeinen Problemen religiöser Diskriminierung und Akzeptanz von Minderheiten. Auch die Migrationsforschung wird von dieser Arbeit profitieren. Und nicht zuletzt: es ist ein Werk, das bei den "Amish People" in den Vereinigten Staaten seinen festen Platz haben wird.

Manfred Hanisch