Rezension über:

Helga-Maria Kühn: Eine "unverstorbene Witwe". Sidonia, Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg geborene Herzogin von Sachsen, 1518-1575 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen; 247), Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2009, 301 S., 10 Farb-, 22 s/w-Abb., ISBN 978-3-7752-6047-3, EUR 39,00
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Rezension von:
Sebastian Kusche
Historisches Seminar, Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Kusche: Rezension von: Helga-Maria Kühn: Eine "unverstorbene Witwe". Sidonia, Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg geborene Herzogin von Sachsen, 1518-1575, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/16185.html


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Helga-Maria Kühn: Eine "unverstorbene Witwe"

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Die Vorstellung, dass eine Ehe auf dem Liebes- und Vertrauensverhältnis zweier Partner aufbauen solle, scheint ein überzeitliches und kulturübergreifendes Ideal zu sein. Gleichwohl dürfte auch die Indienststellung der Heiratsverbindungen für fremde Zwecke eine anthropologische Konstante darstellen. Unter den Bedingungen der vormodernen Ständegesellschaft Alteuropas kam der funktionalen Dimension einer Eheschließung standesübergreifend zweifellos ein sehr großes Gewicht zu. Eine Heiratsverbindung war das Mittel der Wahl zur Anhäufung von sozialem und "realem" Kapital. In hochadligen und bürgerlich-patrizischen Kreisen dienten Eheprojekte ebenso der dynastischen Herrschaftssicherung, wie sie politischem Kalkül zu folgen hatten. Eine Scheidung war aus den bekannten kulturellen und religiösen Gründen nicht vorgesehen. Auch wenn die utilitaristische Vereinnahmung der Ehe in der Frühen Neuzeit, zumal in hochadligen Kreisen, auch den Eheleuten durchaus bewusst gewesen sein dürfte, konnten derartige Zweckbündnisse doch mit emotionalen wie politischen Verwerfungen scheitern.

Zahlreiche Beispiele für solche missglückten Eheverbindungen lieferte im 16. Jahrhundert die albertinische Linie des sächsischen Fürstenhauses Wettin: Die Ehen der Fürstinnen Anna (1544-1577, Tochter Herzog/Kurfürst Moritz') mit Wilhelm von Oranien, Elisabeth (1552-1590, Tochter Kurfürst Augusts) mit Johann Casimir von Pfalz-Simmern und Anna (1567-1613, Tochter Kurfürst Augusts) mit dem Ernestiner Johann Casimir von Sachsen-Coburg erwiesen sich als problematische Vorhaben der albertinischen Heiratspolitik. Das spektakuläre Misslingen dieser Verbindungen wurde von den Zeitgenossen mit großer Anteilnahme diskutiert und markierte auch in reichs- und konfessionspolitischer Hinsicht Misserfolge des Dresdner Hofes. In diese Reihe fehlgeschlagener sächsischer Heiratsprojekte gehört demnach auch die Verbindung Sidonias von Sachsen (1518-1575) mit Herzog Erich II. von Braunschweig-Lüneburg (1528-1584), welche unter anderem Gegenstand des hier zu besprechenden Buches von Helga-Maria Kühn ist.

Lebensweg und Ehe der Herzogin Sidonia dürften bislang allenfalls einem Publikum mit vertieften Kenntnissen der niedersächsischen Landesgeschichte bekannt sein. Als dritte Tochter Heinrichs von Sachsen ("des Frommen", reg. 1539-1541) und Katharinas von Mecklenburg (1487-1561) wurde die nach ihrer Großmutter benannte Sidonia 1518 in Freiberg geboren. Nach einer gescheiterten Eheanbahnung wurde Sidonia erst 1545 im vergleichsweise vorangeschrittenen Alter von 27 Jahren mit dem elf Jahre jüngeren Erich aus der welfischen Seitenlinie Calenberg-Göttingen verheiratet. Schon bald erwies sich diese Verbindung jedoch als wenig glücklich. Die Ambitionen des jungen Herzogs im Kriegsdienst für den Kaiser und den spanischen König waren ebenso wie die Kinderlosigkeit der Ehe schwere Belastungen, zu denen, nach der Konversion Erichs zum Katholizismus, schließlich sogar konfessionelle Differenzen zwischen den Eheleuten hinzukamen. Die langen Abwesenheiten des welfischen Landesherrn, seine parallele Hofhaltung in den Niederlanden (inklusive eines Verhältnisses mit einer Nebenfrau, aus dem zwei Kinder hervorgegangen sind), die letztlich erfolglos bleibenden Bemühungen Erichs um die Annullierung seiner Ehe bei Kaiser und Papst und die Isolierung der Herzogin auf dem Calenberg waren Stationen einer schrittweise voranschreitenden Zerrüttung. Diese fand ihren dramatischen Höhepunkt in dem Vorwurf an Sidonia, ein Giftkomplott gegen Erich zu verfolgen. Die mithilfe von Hexenprozessen konstruierte Anschuldigung führte schließlich zur Flucht der Herzogin nach Sachsen. In Weißenfels konnte Sidonia 1573 eine eigene kleine Hofhaltung errichten, hier starb sie nur zwei Jahre später.

Die Biografin hat die Ehe Sidonias in den Mittelpunkt der Lebensbeschreibung gerückt: In sechs Kapiteln des Buches wird deren Scheitern auf nahezu 240 Seiten nachgezeichnet. Dieser Schwerpunkt ist so nahe liegend wie berechtigt, zumal die Autorin am konkreten Beispiel der Fürstin wiederholt grundsätzliche Fragen frühneuzeitlicher Mentalitäts- und Sozialgeschichte und vor allem der vormodernen Frauen- und Geschlechtergeschichte thematisiert. In diesem Sinne wird die sich im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung und zwischen den Polen von persönlichem Schicksal und übergeordneten dynastischen Zwängen bewegende Biografie der Fürstin kontextualisiert. Viele Beobachtungen weisen über das konkrete Einzelbeispiel des Lebens der Herzogin Sidonia hinaus und deuten allgemeine Strukturbedingungen der alteuropäischen Gesellschaft und der frühneuzeitlichen Kultur an.

Die Verfasserin hat die Darstellungsform eines "historischen Lesebuchs des 16. Jahrhunderts" gewählt, was bedeutet, dass sie Quellenzitate und erzählende Passagen kompiliert. In sieben Hauptkapiteln wird der Lebensweg Sidonias nachgezeichnet, zwei Exkurse bieten Ausführungen zu den Bildnissen sowie ein Verzeichnis der Bibliothek der Fürstin. Eine umfangreiche Zeittafel und zwei Stammbäume beschließen den darstellenden Teil. Im Anhang findet sich neben dem nützlichen Orts- und Personenregister auch die Erläuterung der Editionsgrundsätze für die umfangreichen Quellenzitate. Zahlreiche Aktenbestände aus neun deutschen Archiven und dem Kopenhagener Reichsarchiv bilden eine beeindruckend umfangreiche Basis für die Darstellung.

Man könnte mancherorts die vertiefende Diskussion neuerer geschichtswissenschaftlicher Konzepte vermissen, doch bleibt die Autorin ihrem eigenen Anspruch treu, indem sie sich auf die erzählende Darstellungsform beschränkt. Die gewählte Methode erweist sich dem Thema durchaus als angemessen. Allerdings beeinträchtigen die mitunter recht langen wörtlichen Zitate zeitweise die flüssige Lektüre des ansonsten gut lesbaren Textes. Diese Auszüge erlauben andererseits aber auch aufschlussreiche Einblicke in die Etymologie und den semantischen Wandel einiger noch heute gebräuchlicher Vokabeln und fester Wendungen.

Auch wenn es sich bei dem Band nicht um eine Qualifizierungsschrift, sondern vielmehr um eine Publikation aus der Fülle der archivarischen Tätigkeit der Verfasserin handelt, sei angemerkt, dass manche Formulierungen doch etwas unhistorisch oder umgangssprachlich anmuten, wenn beispielsweise vom "Frust" (78) oder von "nervt" (114) die Rede ist. Zudem wird man ein gewisses Ungleichgewicht in der Auswertung der Sekundärliteratur konstatieren müssen, da zwar einschlägige Werke der niedersächsischen Landesgeschichte und neueste Studien zu sozial- und kulturgeschichtliche Fragen herangezogen, aktuelle Forschungen der sächsischen Landesgeschichte, etwa zur im Buch häufiger auftauchenden Elisabeth von Hessen (1502-1557), hingegen nicht rezipiert wurden.

Von diesen Monenda abgesehen, bietet der Band sowohl als biografische Einzeldarstellung als auch als historisches Lesebuch eine lehrreiche Lektüre und eröffnet einen, im positiven Sinne, ungewöhnlichen Zugang zu einem frühneuzeitlichen Fürstinnenleben.

Sebastian Kusche