Rezension über:

Christoph Brachmann: Um 1300. Vorparlerische Architektur im Elsaß, in Lothringen und Südwestdeutschland (= Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit; Bd. 1), Korb: Didymos-Verlag 2008, 239 S., ISBN 978-3-939020-01-1, EUR 54,00
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Rezension von:
Ute Engel
Kunstgeschichtliches Institut, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Ute Engel: Rezension von: Christoph Brachmann: Um 1300. Vorparlerische Architektur im Elsaß, in Lothringen und Südwestdeutschland, Korb: Didymos-Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/15087.html


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Christoph Brachmann: Um 1300

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Mit Lothringen ist eine bisher weitgehend vernachlässigte Kernregion des mittelalterlichen Europa erst in jüngster Zeit in das Zentrum des kunsthistorischen Interesses gerückt. Josef A. Schmoll gen. Eisenwerth legte 2005 seinen auf jahrzehntelangen Forschungen beruhenden Katalog zur lothringischen Skulptur des 14. Jahrhunderts vor [1], und auch der Autor des hier zu besprechenden Buches hat einen nicht unwesentlichen Anteil an der Aufmerksamkeit, die diese Region mit ihrer Brückenfunktion zwischen Frankreich und Deutschland neuerdings auf sich zieht. Christoph Brachmann publizierte schon 1998 eine Monografie der Kathedrale von Metz im 13. Jahrhundert, die er in den Kontext der gleichzeitigen anderen Bauvorhaben in dieser Stadt stellte, verbunden durch die Person des Bischofs und Auftraggebers Jacques de Lorraine (1239-1260). [2]

Die hier vorliegende Studie mit dem etwas irreführenden Titel "Um 1300. Vorparlerische Architektur im Elsaß, in Lothringen und Südwestdeutschland" schließt an diese frühere Arbeit an, auch wenn der Autor dies in einer Fußnote explizit negiert (155, Anm. 439). Behandelt doch das zweite der drei Hauptkapitel des Buches "Metz als Bauzentrum des 14. Jahrhunderts" und enthält größtenteils eine detaillierte Baugeschichte der Metzer Kathedrale, deren Langhaus erst Ende des 14. Jahrhunderts fertiggestellt wurde (147-181). Das erste, äußerst umfangreiche Kapitel (24-146) ist der Antoniterkirche im südlich von Metz an der Mosel gelegenen Pont-à-Mousson gewidmet und nimmt auf den ersten Blick fast den Rang einer Baumonografie dieser Kirche innerhalb des Buches ein. Tatsächlich ist es eines der Anliegen des Autors, die kunstgeschichtliche Bedeutung des bisher kaum bekannten Baus herauszuarbeiten und zu belegen, dass Pont-à-Mousson als einheitlicher Entwurf im frühen 14. Jahrhundert entstanden und zum Zeitpunkt seiner Weihe 1335 bereits fertiggestellt war (25-27, 143). Mit dieser These stellt sich Brachmann der bisher vor allem von der französischen Forschung vertretenen Einordnung von Pont-à-Mousson entgegen, die, wie zuletzt 1991 bei Georges Fréchet, eine etappenweise Baugeschichte zwischen der Mitte des 14. und der Mitte des 15. Jahrhunderts vertreten hatte (27-30).

Brachmann überzeugt durch seine äußerst gründlich belegte Argumentation, für die er quellen-, stil- und baugeschichtliche Elemente heranzieht sowie die Bautechnik und figürliche Bauornamentik berücksichtigt. Aufschlussreich ist vor allem der weitgespannte architekturgeschichtliche Kontext, in den der Autor Pont-à-Mousson stellt. Er fragt nicht nur nach der Baukultur des Antoniterordens (38-44, 143-146), sondern stellt vor allem den Bezug zu einer großen Anzahl kleinerer und mittlerer Bauten des späten 13. und 14. Jahrhunderts im geografischen Umfeld von Pont-à-Mousson her. Dabei überspringt Brachmann die heutigen Nationalgrenzen und bezieht Bauwerke von Lothringen bis in das heutige Rheinland-Pfalz und Saarland im Osten, vom Elsass bis Baden-Württemberg im Süden ein. Auf diese Weise kann er zeigen, dass es sich bei den im Mittelalter die Westgrenze des Römischen Reiches bildenden Regionen um einen auch durch ein personales Beziehungsnetz eng verknüpften Raum von großer Innovationskraft handelte, der im späteren 14. Jahrhundert sogar mit den großen Kunstzentren in Prag und Burgund verbunden war. Solche künstlerischen Verbindungen setzt Brachmann, wie schon in seinem früheren Buch, in enge Beziehung zu historisch fassbaren Persönlichkeiten der politischen und kirchlichen Führungsschicht, insbesondere Kaiser Karl IV. aus dem Haus Luxemburg (1347-1378), dem Wormser und Metzer Bischof Dietrich Beyer von Boppard (1365-1384) oder Herzog Robert de Bar (1352-1411), verheiratet mit Marie de France (gest. 1404), Tochter des französischen Königs Johann des Guten und Schwester Philipps des Kühnen von Burgund.

Die Vorstellung dieser von der Gotik-Forschung bisher kaum berücksichtigten Bauten einer europäischen Kernregion mit ihren vielfältigen architektonischen Lösungen und historischen Bezügen stellt eines der Hauptverdienste des vorliegenden Buches dar, das auch für seine qualitätvollen Schwarz-Weiß-Abbildungen hervorzuheben ist. Gewisse methodische Einwände sind hinsichtlich der Arbeit mit den Schriftquellen zu machen. Der Autor wertet im Zusammenhang mit den Baugeschichten, insbesondere der beiden im Zentrum des Buches stehenden Bauten Pont-à-Mousson und der Kathedrale von Metz, historische Schriftquellen mit großer Genauigkeit aus. Allerdings sind diese Quellen häufig auf verschiedene Stellen im Text verteilt: So werden einige der Quellen zu Pont-à-Mousson in einem eigenen, kurzen Kapitel vorgestellt (45-47); andere finden sich dagegen nur in den Fußnoten (zum Beispiel 27, Anm. 77); drei Quellen zur Metzer Kathedrale sind im Anhang vollständig, mitsamt deutscher Übersetzung, zitiert; der wichtige Baumeister Pierre Perrat (gest. 1400), Zeitgenosse von Peter Parler, kommt gar in zahlreichen, über das ganze Buch verstreuten Textpassagen vor. Für den Leser wäre es hilfreich gewesen, diese Schriftquellen jeweils in separaten Kapiteln zusammenzufassen und so die baugeschichtlichen Argumente, die teilweise recht verwickelt vorgetragen werden, besser nachvollziehbar zu machen. Auch wäre es auf diese Weise einfacher möglich, Vergleiche mit den Finanzierungen anderer großer Bauunternehmungen des Mittelalters anzustellen. Tatsächlich erweist sich immer wieder, dass gerade die Kathedralkapitel eine Mischung aus Stiftungen, Ablässen, den Einkünften von Baubruderschaften und Almosensammlern anwendeten, um die Bauhütten über eine lange Laufzeit hinweg zu finanzieren. [3]

Eine wichtige Rolle kommt Brachmanns Buch "Um 1300" schließlich im Hinblick auf eine Neubewertung der gotischen Architektur zwischen Rayonnant und Spätgotik zu, die lange ein als 'Reduktionsgotik' abgekanzeltes Schattendasein führte. Treffend stellt Brachmann den Wert dieser Baukunst als "dezidierte Gegenposition zum kaum mehr steigerungsfähigen Dekorreichtum damaliger Architektur" heraus (193) und erklärt die Reduktion und "Straffheit" (63) als bewusste ästhetische Entscheidung der Auftraggeber bei gleichzeitigen höchsten Ansprüchen an Eleganz und Qualität im baulichen Detail. Auch andernorts ist seit Kurzem eine intensivere Beschäftigung mit der europäischen Baukunst zwischen der Mitte des 13. und der Mitte des 14. Jahrhunderts im Gange. Eine Tagung in London fasste 2005 diese internationalen Bestrebungen zusammen. [4] Im Zuge eines schweizerischen Forschungsprogramms zur europäischen Gotik um 1300 kam Marc Carel Schurr zu der bereits 2003 vorgetragenen Auffassung, in Lothringen die entscheidende Mittlerregion für den Transfer der Gotik von der Ile-de-France nach Deutschland und in das Römische Reich zu sehen. [5] Schurrs 2007 publizierte Habilitationsschrift "Gotische Architektur im mittleren Europa 1220-1340. Von Metz bis Wien" [6] kann komplementär zu Brachmanns fast zeitgleich erschienenem Buch gelesen werden. Beide Bücher behandeln zu einem gewissen Teil dieselben Bauten, doch mit deutlich unterschiedlichen methodischen Zugriffen. Geht Schurr hauptsächlich von der Form- und Stilanalyse aus, so ist es Brachmanns Interesse, wie er selbst programmatisch am Ende seines Buches formuliert, Kunstgeschichte als "historische Wissenschaft" zu betreiben und auf diese Weise ein komplexes Bild der historischen Wirklichkeit zu zeichnen (208). Dass diese Herangehensweisen sich durchaus fruchtbringend ergänzen können, zeigt das Zusammenwirken beider Autoren an der Edition des vorliegenden Bandes: der eine als Verfasser, der andere als Mitherausgeber einer neuen Reihe zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit.


Anmerkungen:

[1] Josef Adolf Schmoll gen. Eisenwerth: Die lothringische Skulptur des 14. Jahrhunderts. Ihre Voraussetzungen in der Südchampagne und ihre außerlothringischen Beziehungen, Petersberg 2005, s. die Rezension von Michael Grandmontagne in Kunstform 7 (2006), Nr. 9 (URL: http://www.arthistoricum.net/index.php?id=276&ausgabe=2006_09&review_id=7421

[2] Christoph Brachmann: Gotische Architektur in Metz unter Bischof Jacques de Lorraine (1239-1260). Der Neubau der Kathedrale von seine Folgen, Berlin 1998; s.a. ders.: Memoria - Fama - Historia. Schlachtengedenken und Identitätsstiftung am lothringischen Hof (1477-1525) nach dem Sieg über Karl den Kühnen, Berlin 2006, s. die Rezension von Eberhard König in Kunstform 9 (2008), Nr. 9 (URL: http://www.arthistoricum.net/index.php?id=276&ausgabe=2008_09&review_id=12079

[3] Siehe Wolfgang Schöller: Die rechtliche Organisation des Kirchenbaues, vornehmlich des Kathedralbaues. Baulast - Bauherrenschaft - Baufinanzierung, Köln / Wien 1989.

[4] Alexandra Gajewski / Zoë Opačič (eds.): The Year 1300 and the Creation of a New European Architecture (= Architectura Medii Aevi; 1), Turnhout 2007.

[5] Marc Carel Schurr: The East Choir of the Church of St Catherine (Oppenheim), the Church of St Stephen (Mainz), and the Problem of 'German High Gothic Architecture', in: Mainz and the Middle Rhine Valley. Medieval Art, Architecture and Archaeology, ed. by Ute Engel / Alexandra Gajewski (= British Archaeological Association Conference Transactions; 30), Leeds 2007, 142-155.

[6] Marc Carel Schurr: Gotische Architektur im mittleren Europa 1220-1340. Von Metz bis Wien, Berlin / München 2007; s. die Rezension dazu von Norbert Nussbaum in Kunstform 8 (2007), Nr. 9 (URL: http://www.arthistoricum.net/index.php?id=276&ausgabe=2007_09&review_id=12743

Ute Engel