Rezension über:

Kai Kappel: Memento 1945? Kirchenbau aus Kriegsruinen und Trümmersteinen, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, 552 S., zahl. farb.- und s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06739-4, EUR 78,00
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Rezension von:
Michael Falser
Karl Jaspers Centre for Advanced Transcultural Studies, Universität Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Michael Falser: Rezension von: Kai Kappel: Memento 1945? Kirchenbau aus Kriegsruinen und Trümmersteinen, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/15665.html


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Kai Kappel: Memento 1945?

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"In den grauen Trümmern geht man wie durch eine Wüste zersplitterten Eises und am hellen Tage glauben wir uns oft in einer kalten, klaren Mondnacht. [...] Die Trümmer sind ehrlich und zwingen uns ehrlicher zu sehen als bisher." Mit diesem Zitat von Peter Mennicken auf seinem "Gang durch das zerstörte Aachen" im Jahre 1945 leitet Kai Kappel die monumentale Publikation seiner 2006 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fach Kunstgeschichte eingereichten Habilitationsschrift ein. Und dieses Zitat scheint nicht zufällig zu Beginn dieser Arbeit zu stehen, sind es für Kappel doch die aus Kriegsruinen und Trümmersteinen wiederaufgebauten Kirchen, die uns 60 Jahre nach 1945 den vielleicht authentischsten ("ehrlichsten") Blick auf die deutsche Wiederaufbauleistung erzählen können: Es war gerade die Kirche (und damit ist sowohl die Institution, als auch ihr Bautypus gemeint), die aus Gründen der Materialkontingentierung, des Abzugs der Arbeitskräfte für den Wohnbau, aber auch aufgrund ihrer moralischen Vorbildwirkung am meisten einen konstruktiven, da der zeitgenössischen Baukultur verpflichteten und zugleich substanzerhaltenden Wiederaufbau (und damit eben nur selten eine vollrekonstruktive Wiederherstellung!) des überkommenen Ruinenbestandes unterstützte.

Kappels Arbeit ist aufgrund ihrer zweischichtigen Vorgangsweise für die Forschung der Nachkriegsmoderne wertvoll: Einerseits bietet sie eine erstaunlich umfassende Dokumentation von ca. 60 aus der Nachkriegszeit (ca. 1945 bis 1970) bis heute überkommenen Kirchenobjekten und untergliedert die mehrheitlich regionalistisch fundierten Umgangsformen mit ihnen in die weiter untergliederten Oberkategorien "kriegsbeschädigte Kirchenpartie in situ", "Zweitverwendung von Trümmermaterialien an Sakralbauten" und "Kapelleneinbauten aus Trümmersteinen in der Kirchenruine". Andererseits widmet sich Kappel auch dem zeit- und sozialgeschichtlichen Kontext und bildet den jeweils projektgebundenen Wiederaufbaudiskurs und seine speziellen Termini um die vielseitigen Motivationen der Kirchenvertreter, Gemeinden und v.a. involvierten Architektenschaft ab. Letztere rekrutierte sich mit Vertretern wie Karl Band, Otto Bartning, Gottfried Böhm, Hans Döllgast, Gerhard Langmaack, Dieter Oesterlen, Reinhard Riemerschmid, Rudolf Schwarz und Emil Steffann mehrheitlich aus dem Kreis der gemäßigten Moderne.

Obwohl die grundlegende Methodik (also die synchrone Untersuchung von Quelle, Diskurs-Literatur und tatsächlichem baulichen Befund) völlig einleuchtend erscheint, liefert die kurze Abhandlung der thematischen, zeitlichen und geografischen Einschränkung das einzige (und aus der Sicht des Rezensenten durchaus relevante) Manko der Arbeit: Der ausschließliche Fokus auf das westdeutsche und später bundesrepublikanische Gebiet verpasst gerade für diese so engagierte Nachkriegsdokumentation den Blick auf die gesamtdeutsche Problematik vor und v.a. nach der Teilung in zwei deutsche Teilstaaten. Dies wiegt umso schwerer, als sogar der Autor selbst bekennt, dass sowohl Bartnings westdeutsches Notkirchenprogramm in die DDR exportiert wurde als auch bis in die 1950er Jahre, nicht zuletzt aufgrund der gemeinsamen Kirchenbautagungen, ein kollegialer Austausch der Architektenschaft aus Ost und West stattfand. Der Hinweis des Autors, dass gerade in der Ostzone / DDR "durch die weltanschauliche Ausrichtung und die wirtschaftliche Entwicklung andere, erheblich schwierigere Bedingungen für einen kirchlichen Aufbau existierten" (15), hätte doch gerade eine grenzüberschreitende und damit gesamtdeutsche Untersuchung herausfordern müssen.

Ohne Frage beeindruckend ist jedoch die insgesamt 250-seitige Dokumentation der einzelnen Wiederaufbauprojekte mit hervorragendem, aktuellen Bildmaterial. Aufnahmen aus der unmittelbaren Wiederaufbauzeit hätten den Befund eines heute überraschend gut erhaltenen Baubestandes jener Zielgruppe vielleicht noch hervorheben können. Deutlicher vermisst der Rezensent historische oder auch aktuelle Abbildungen von Ansichts-, Grundriss-, Schnitt- und Situationsplänen, die einerseits die architektonische Symbiose von alt und neu im Kirchenbau selbst und andererseits die Einbettung der wiederaufgebauten Kirchen in ihren städtebaulichen Kontext vor und nach dem Krieg hätten erläutern können. Einen Kernbereich der Untersuchung bilden kirchliche Auf- bzw. Neubauten mit Umfassungsmauern aus Trümmerstein-Sichtmauerwerk; sie wurden meist noch in der Besatzungszeit begonnen und noch vor dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er-Jahre fertiggestellt. Dazu gehören auch die schon erwähnten 43 Notkirchen, deren Bauprogramm zwischen 1948 bis 1951 u.a. vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland in einer Kombination von Montage-Elementen und Trümmersteinmauern lanciert wurde. Prominentestes Beispiel ist dabei die Auferstehungskirche in Pforzheim von Otto Bartning (1946-48). Besonders spannend aus der Sicht des Rezensenten ist Kappels Analyse von angeeigneten Kirchen aus Resten von NSDAP-Bauten, von "Spoliation" bei Kirchenbauten an Opferorten (wie z.B. die Heiligenkreuzkirche auf dem Gelände des Konzentrationslagers Dachau) oder von umgebauten Kirchen aus ehemaligen Bunkern oder bunkerartigen Hallen wie Sankt Sakrament in Düsseldorf-Heerdt (1948-1949).

Zusammenfassend argumentiert Kappel, dass die sichtbar belassenen Kriegsspuren und zeitgenössisch "weitergebauten" Trümmersteinmauern damals viel weniger (als heute behauptet) als "Memento 1945", also Mahnmal immerwährend deutscher Kriegsschuld intendiert waren, sondern vielmehr aus ökonomisch-pragmatischen, Gemeinde-identifikatorischen und baukünstlerisch-ästhetischen Beweggründen angeeignet wurden - spannend dabei der Befund, dass es gerade die heute so oft als konservativ kritisierten Kirchenvertreter selbst waren, die damals die mutigsten Bauprojekte unterstützten. Es geht in der architekturhistorischen Beurteilung dieser Wiederaufbauten heute also gerade nicht - doch so argumentieren ihre Gegner - um die denkmalpflegerische Verewigung moralischer Zeigefinger! Kappel zitiert ein New Yorker Reisebüro aus dem Jahre 1953: "Kommen Sie mit uns auf einen Trip nach Deutschland! Es ist die letzte Gelegenheit, die Ruinen zu besichtigen. Die Deutschen haben fast alle Kriegsschäden in ihrem Land wieder beseitigt, und im nächsten Jahr dürfte von diesen Dingen nicht mehr viel zu sehen sein." Wie sehr dieses Zitat und damit im übertragenen Sinne das hier rezensierte Unternehmen selbst gerade heute brisant sind, beweist die Tatsache, dass Kappels 2008 publizierte Liste von erhaltenen Wiederaufbau-Kirchen oder Teilreparaturen in Trümmerstein-Ästhetik aufgrund ihrer schockierenden Entsorgungsgeschwindigkeit heute schon nicht mehr aktuell ist (sein kann). Dazu nur wenige Beispiele: Stolz erklärte die Kölner Dombauhütte 2005, dass die kriegsmahnende, sogenannte Domplombe, ein im Nordturm u.a. von Zwangsarbeitern mit Ziegelsteinen geflickter Bombenschaden, "wieder nahezu makellos" ausgebessert (rekonstruiert, also spur- und referenzlos entfernt) wurde. Das antifaschistische Ruinen-Denkmal der Dresdner Frauenkirche aus Zeiten der DDR (gingen u.a. von hier nicht die friedvollen Demonstrationen aus, die letztlich zu dem heute - 2009 - 20-jährig bedachten Mauerfall führten?) ist trotz Einbau weniger Ruinensteine beseitigt zugunsten einer (vor allem innen) allzu strahlenden Vollrekonstruktion. Der Bescheidenheitsgestus des intimen Kölner Gedenkraums mit dem eindringlichen Namen "Maria in den Trümmern", nach 1945 vom Architekten Gottfried Böhm um die einzig stehen gebliebene Madonnenstatue eines sonst total zerbombten Klosterareals angelegt, wurde 2008 von einem Monumentalbau des eigens neu umbenannten Kolomba-Museums (Architekt Peter Zumthor) geschluckt... und schon ruft der engagierte Pfarrer der Eiermann'schen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zu Spenden für den baufälligen Ruinenturm auf, während ihre nachkriegszeitlich abgestimmte Rahmenbebauung am Breitscheidplatz durch neue Hochhausprojekte zerstört werden soll.

Doch wir brauchen den "ehrlichen" Blick auf diese nach dem Zweiten Weltkrieg in äußerster Not mit zeitgenössischen Mitteln angeeigneten Ruinen. Sie sind die allerletzten eindringlichen Zeugnisse der scheinbar bald vergessenen Phase deutscher und damals durchaus gegenwarts- und zukunftsbejahender Trauerarbeit nach der epochalen Zeitmarke von 1945. Kai Kappels Buch leistet dafür - gerade in Zeiten hochgradig unterkomplexer Rekonstruktionslust - einen engagierten (jedoch leider nur westdeutschen) Beitrag.

Michael Falser