Rezension über:

Jörg Nagler: Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident, München: C.H.Beck 2009, 464 S., 32 Abb., 2 Karten, ISBN 978-3-406-58747-4, EUR 26,90
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Rezension von:
Rüdiger von Dehn
Bergische Universität, Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Rüdiger von Dehn: Rezension von: Jörg Nagler: Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident, München: C.H.Beck 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/15458.html


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Jörg Nagler: Abraham Lincoln

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"Ich bin in vielen politischen Kampagnen tätig gewesen, aber in keiner zeigten sich die besten Impulse reiner Menschlichkeit so mächtig und wirksam, und in keiner rissen sie die Massen zu einem so hohen Grad fast religiöser Schwärmerei hin." (241) Carl Schurz, seines Zeichens Deutsch-Amerikaner und General im Civil War, brauchte 1860 nicht viele Worte, um die Wirkmächtigkeit Lincolns in der Öffentlichkeit zu beschreiben. Sie war von ihm fasziniert. Das hatte Schurz schon längst erkannt.

Jörg Nagler trägt die Faszination weiter und macht sie im Rahmen seiner nun vorgelegten Lincoln-Biographie zukunftsfähig. Dies gelingt ihm mit Hilfe einer klar formulierten und lückenlosen Beschreibung des persönlichen Werdegangs Lincolns von 1809 bis 1865. Dabei ist das Leben des 16. U.S.-Präsidenten zweigeteilt. In Kapitel I bis VII zeichnet Nagler Lincolns Weg vom kargen Dasein an der Frontier bis zum Einzug ins Weiße Haus nach. Die darauf folgenden beiden Kapitel beschreiben die Kulminationspunkte in der politischen Karriere von "Honest Abe". Es geht um den Zusammenhalt der Union in den Jahren 1861-1862 und um den beschwerlichen Weg in eine neue Zukunft 1863-1865. Nagler zeigt Lincoln als Menschen mit all seinen charakterlichen Schwächen und Stärken. Zweifellos darf sein Leben nicht als gradlinig aufgefasst werden. Es sind die Brüche und Widersprüche, die die Beschäftigung mit seinem Leben interessant machen. Vor diesem Hintergrund ist sich der Persönlichkeit Lincolns zu nähern, die durch eine eigene Mentalität und ein eigenes Werteverständnis geprägt ist. Der Leser weiß von Beginn an, worauf er sich bei der Lektüre einlässt und kennt die hohen Ansprüche des Autors an sich selbst. Er wird diesen voll und ganz gerecht und macht nicht den Fehler, ein endgültiges Urteil über Lincoln sprechen zu wollen.

Die Lincoln Papers und Carl Schurz Papers bieten Nagler unter anderem die Quellengrundlage für das formvollendete Lebensbild. Sonstige Selbstzeugnisse Lincolns sind kaum zu finden. Es dürfte der Masse der vorhandenen Forschungsliteratur geschuldet sein, dass keine zusammenfassende Bibliographie den Schlusspunkt setzt. Nagler weist nachdrücklich darauf hin. Der ausführliche Anmerkungsapparat lässt über den kleinen Kratzer hinwegsehen. Statt auf solche Formalia zu schauen, zeigt sich der Leser von der Beschreibung der Jugendjahre Lincolns fasziniert, in denen der spätere Präsident zum Autodidakten wurde und einen strengen Individualismus entwickelte. In der ersten Hälfte des Lebens lernte er zudem Bescheidenheit, Selbstvertrauen und ein hohes Maß an Eigeninitiative.

Der Jenaer Nordamerika-Historiker überzeugt den Leser von Anfang an mit seiner Darstellung des Lebens Lincolns. Er führt den Leser weg von der zeitlosen Kultfigur, die das gute Amerika verkörpert. Er macht deutlich, dass die 16. Präsidentschaft einer reinen Kriegsregierung gleichkam und, dass Lincoln zur Personifikation des gesellschaftlichen Nord-Südkonfliktes wurde. Um diesen überwinden zu können, musste der Präsident als Pragmatiker handeln, der machiavellistische Tendenzen nicht verleugnen konnte. Dennoch gab sich Lincoln immer volksnah.

Aus dem einfachen Volk war er nach Washington gekommen und für dieses betrieb er die Politik der Einheit für die Union. Dabei bediente er sich seiner eigenen Wertemuster und einer ausgefeilten Rhetorik, die seinen Erfolg in der Umsetzung der Politik schlussendlich garantierten. Die Bindung an die Unabhängigkeitserklärung von 1776 reichte längst nicht mehr aus. Lincoln musste seine eigenen Mittel finden, um den Süden wieder an den Norden und in die Union zu zwingen. Im Zuge dessen war eine endgültige Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Sklaverei im Land gegeben worden.

Nagler versteht es sehr genau, dem Leser die Rasanz der Entwicklungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor Augen zu führen, die zwangsläufig auf einen großen und gewaltsamen Konflikt zusteuerten. Im April 1861 fielen die ersten Schüsse aus dem Süden auf das Unions-Fort Sumter. Umgehend nahm Lincoln die Herausforderung eines Bruderkrieges als Commander-in-Chief der Unionsarmee an und bereitete den separierten Südstaaten eine totale militärische Niederlage. Es war das Resultat eines brachial geführten Vernichtungsfeldzuges. Dabei war Lincoln in erster Linie um die Fortsetzung des Experiments der amerikanischen Demokratie im ganzen Land bemüht. Das Ende der Sklaverei kam während der Hälfte des Krieges als Ziel hinzu. Der Präsident hatte sich als genialer Konfliktmanager gezeigt, der durch diese Fähigkeit seine eigentlichen Führungseigenschaften entwickeln und ausspielen konnte. Im April 1865 war die größte Krise in der U.S.-Geschichte zu einem verhältnismäßig guten Ende gebracht worden. Eine Siegerjustiz konnte und durfte es aus Lincolns Sicht nicht geben. Denn: sowohl der Norden als auch der Süden hatten Schuld auf sich geladen. Man hatte sich gegenseitig zum Krieg aufgestachelt. Gemeinsam waren nun die Folgen zu bewältigen. Mit dem Ende des Waffengangs war der Kampf der Afro-Amerikaner, den einstigen Sklaven, aber längst noch nicht vorbei. Lincoln sollte den Fortgang nicht mehr erleben. Er starb an den Folgen eines Attentats am 15. April 1865. Mit seinem gewaltsamen Tod wurde sein Status als politischer Märtyrer geschaffen, dem im 20. Jahrhundert ein eigener Tempel in Washington D.C. gebaut wurde.

Auch zum Ende der Lebensbeschreibung bleibt Nagler seinen Ansprüchen treu. Er hält die Darstellung in der historischen Realität und lässt sie keinesfalls in den Sumpf der Mythen und Legenden fallen. Zu viele sind daraus erwachsen, die sich um die Person Lincolns ranken. Allein dadurch, dass Nagler diese Gefahr umgeht, wirkt "sein" Lincoln-Bild geradezu dreidimensional. Es zeigt einen Menschen, dem es gelang, eine in sich zerstrittene Nation wieder zusammenzuführen - und das mit allen Mitteln.

Nagler hat das Forschungsfeld "Lincoln" neu vermessen. An anderen liegt es nun, den fruchtbaren Boden für neue Forschungen zu nutzen.

Rüdiger von Dehn