Rezension über:

Oswald Georg Bauer: Josef Hoffmann. Der Bühnenbildner der ersten Bayreuther Festspiele, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, 216 S., ISBN 978-3-422-06786-8, EUR 24,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Uta Grund
FRIAS-School of History, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Uta Grund: Rezension von: Oswald Georg Bauer: Josef Hoffmann. Der Bühnenbildner der ersten Bayreuther Festspiele, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/15098.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Oswald Georg Bauer: Josef Hoffmann

Textgröße: A A A

Oswald Georg Bauer legt die erste umfassende Publikation zu dem Wiener Maler und Bühnenbildner Josef Hoffmann (1831-1904) vor, der als kunsthistorische Randerscheinung bisher stets hinter seinem bekannteren Landsmann und Namensvetter, dem Wiener Architekten Josef Hoffmann, zurückstand. Auf der Basis zahlreicher neu aufgefundener Archivalien zeichnet Bauer das widersprüchliche Bild eines Künstlers, der kurzzeitigen Ruhm als Landschafts- und Theatermaler erlangte und deshalb von Richard Wagner für seine Modellinszenierung des "Ring des Nibelungen" 1876 in Bayreuth als Bühnenbildner verpflichtet wurde - eine Zusammenarbeit, die allerdings nur von kurzer Dauer war. Anlass für diese umfangreich bebilderte Monografie war das Auffinden von 14 originalen Ölskizzen zu Wagners erster Bayreuther "Ring"-Aufführung, die bislang als verschollen galten.

Was Bauer zutage fördert, ist die Chronik eines bislang unbekannten Künstlerlebens am Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist zugleich aber auch die Chronik eines künstlerischen Scheiterns, das nicht nur (wie der Autor es darstellt) als individuelle Tragik zu verstehen ist, sondern auch als symptomatisches Scheitern eines Künstlers, für den der Sprung in die Moderne zu groß war.

Als Maler und Grafiker blieb Hoffmann zeitlebens, so lassen die wenigen erhaltenen, bei Bauer leider in teilweise schlechten Abbildungen aufgeführten Werke schließen, der heroischen Landschaftsmalerei verpflichtet, die er in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts in Rom, u.a. bei Friedrich Preller d.Ä., kennengelernt hatte. In diesem Genre erlangte Hoffmann einige Meisterschaft, was ihm größere Aufträge für Raumausstattungen einbrachte, so z.B. die Anfertigung des (nicht mehr erhaltenen) Gemäldezyklus "Die Zonen der Erde" im Palais Epstein in Wien (1870-1873) oder die Ausmalung des (gleichfalls nicht erhaltenen) Gartensalons im Jagdschloss Hernstein in Niederösterreich (1870-1876). Hofmanns Spezialisierung war schließlich auch die Basisqualifikation für seine Arbeit als Theatermaler.

Seine erste Arbeit für das Theater, die ägyptisierenden Dekorationen der "Zauberflöte" (1869) für die Wiener Hofoper, war zugleich sein größter Erfolg, den Bauer zu Recht als einen Höhepunkt des Historismus auf dem Wiener Theater würdigt. In dieser Produktion entwarf Hoffmann - entgegen der damals üblichen Praxis - nicht nur die Bühnenbilder, sondern auch die Kostüme, so dass hier eine ungewöhnliche visuelle Einheitlichkeit der Inszenierung erlangt wurde. Dieses Ziel verfolgte er auch in seiner weiteren Theaterarbeit, konnte es aber kaum mehr realisieren.

Dass Hoffmann letztlich am Theater scheiterte, lag, so legt Bauer nahe, vor allem an seiner kompromisslosen Haltung zur Theaterpraxis, die doch stets auf Teamarbeit basiert. Hoffmann wollte sich nicht dem Regiewillen unterordnen und stellte unrealistische Forderungen. Damit riskierte er zunächst die Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Direktor der Wiener Hofoper, Franz von Dingelstedt, und später das Zerwürfnis mit Wagner. Was Bauer aber als skurrilen Charakterzug Hoffmanns kennzeichnet (zweifellos hat er damit Recht), war, in einem größeren Kontext betrachtet, nicht nur spezifisch für Hoffmann, sondern auch für andere bildende Künstler, die sich um 1900 dem Theater zuwandten oder eben gerade nicht, weil sie sich nicht, zum Kunsthandwerker degradiert, dem Dichter, Komponisten oder Regisseur unterordnen wollten. Der Kampf um die künstlerische Vorherrschaft im Theater, der bis heute Wellen schlägt (siehe die kürzliche Kritik Daniel Kehlmanns am Regietheater), tobt hinter den Kulissen also schon etwas länger.

Das zentrale Thema der vorliegenden Untersuchung ist die kurze Zusammenarbeit von Hoffman und Wagner im Rahmen der Bayreuther "Ring"-Inszenierung von 1876. Bauers detaillierte Ausführungen zeigen, wie wichtig für Wagner das Bildnerische war und wie weitgehend er sich in Fragen der Dekoration einmischte. In diesem Zusammenhang vertritt Bauer die Auffassung, dass Wagner sich mit dem "Ring des Nibelungen" vom Historismus abgewandt habe und deshalb Hoffmanns Entwürfe nur teilweise übernehmen wollte. Wagners Streben nach dem Mythischen habe das Geschichtliche und damit den Historismus verdrängt.

Was Wagner demnach vorschwebte, war eine irgendwie geartete Befreiung der Darstellung von allem historisch Zufälligen ("die pragmatische Oberfläche der Vorfallenheiten" [1]), um zu einer universellen, zeitlosen Aussage zu gelangen. In diesem Zusammenhang ist die Darstellung des Autors erhellend, wonach Wagner Hoffmanns Szenenentwurf zu "Rheingold", 2. und 4. Bild, ("Freie Gegend auf Bergeshöhen mit der Burg Walhall") uneingeschränkt positiv aufnahm. Hier hatte Hoffmann ein burgartiges Bauwerk entworfen, das sich kubenartig gestaffelt, architekturgeschichtlich nicht zuordenbar am Horizont erhebt. Es bleibt allerdings ein Rätsel, warum dann die letztlich ausgeführten Bühnenbilder der Brüder Brückner, die die Entwürfe nach dem Ausscheiden Hoffmanns und nach den Vorgaben Wagners weiterentwickelt haben, wieder einem recht betulichen Historismus frönten. Auch die Kostüme waren durch germanisch anmutende Attribute angereichert, weshalb die zuletzt von Philipp Ther vertretene These, dass Wagner in seinen Operninszenierungen einer nationalen und gerade auch historisch grundierten Mythenbildung Ausdruck verlieh, durchaus nachvollziehbar erscheint. [2]

Es fällt auf, dass Bauer vor allem im letzten Teil seines Buches überwiegend Wagner thematisiert. Ein langer Exkurs zum Erhabenen endet schließlich sogar in einem weiteren Exkurs zur Wagner-Rezeption Hitlers und Stalins. Anstelle dessen hätte man sich lieber eine weitere Würdigung von Hoffmanns interessanteren Arbeiten gewünscht, denn ihm ist dieses Buch schließlich gewidmet. So fehlt beispielsweise eine kunsthistorische Einordnung des erhaltenen Gemäldezyklus im Naturhistorischen Museum Wien von 1885, der erdgeschichtliche Themen idealisiert darstellt. Dagegen hätte man sich die Entdeckungsgeschichte von Hoffmanns "Ring"-Entwürfen wiederum etwas knapper gewünscht. Auch bleibt fraglich, ob es sich bei diesen Entwürfen wirklich um "die ungewöhnlichste Bühnenbildserie der Theatergeschichte" (58) handelt. In jedem Fall ist diese Serie ein wichtiges Dokument der Theatergeschichte, um deren Verbleib und Veröffentlichung sich Oswald Georg Bauer große Verdienste erworben hat.


Anmerkungen:

[1] Richard Wagner: Die Wibelungen, in: Sämtliche Schriften und Dichtungen, Leipzig 1912, Bd. 2, 123.

[2] Vgl. Philipp Ther: In der Mitte der Gesellschaft. Opertheater in Zentraleuropa 1815-1914, Wien / München 2006, 384-387.

Uta Grund