Rezension über:

Bruce Chilton et al. (eds.): The Cambridge Companion to the Bible, Cambridge: Cambridge University Press 2008, x + 724 S., ISBN 978-0-521-69140-6, GBP 22,99
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Rezension von:
Heike Omerzu
Department of Biblical Exegesis, Faculty of Theology, University of Copenhagen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Heike Omerzu: Rezension von: Bruce Chilton et al. (eds.): The Cambridge Companion to the Bible, Cambridge: Cambridge University Press 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/14306.html


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Bruce Chilton et al. (eds.): The Cambridge Companion to the Bible

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Bei dem anzuzeigenden Werk handelt es sich um die Neubearbeitung einer 1997 erstmals aufgelegten und seitdem mehrfach nachgedruckten Einführung in die Bibel. Für die Neuauflage zeichnet der Neutestamentler Bruce Chilton als General Editor verantwortlich, der die Überarbeitung in Zusammenarbeit mit den ursprünglichen Verfassern vorgenommen hat, die allesamt renommierte Vertreter ihres Faches sind. Der nunmehr 724 Seiten starke Band (Erstauflage: 616 Seiten) ist, wie gehabt, in drei Hauptteile untergliedert, die nacheinander die Welt des Alten Testaments (Eric M. Meyers und John Rogerson), des Antiken Judentums (Amy-Jill Levine hat den Text des 2001 verstorbenen Anthony J. Saldarini revidiert) sowie des Frühen Christentums (Howard Clark Kee) behandeln und jeweils mit einer annotierten Auswahlbibliographie versehen sind.

Leitendes Kriterium der Bearbeitung war die Berücksichtigung neuerer Entwicklungen innerhalb der Sozialgeschichte und der Archäologie (ix). Unverändert ist hingegen die doppelte Zielsetzung, nämlich Grundwissen über die sozio-kulturellen Entstehungsbedingungen der biblischen Texte zu vermitteln und selbige vor diesem Hintergrund zu interpretieren. Leider wird in der - leicht erweiterten - Einführung von Howard Clark Kee mit dem Hinweis darauf, das Werk ziele auf "an appreciation of the people and the processes and social worlds that lie behind the documents" (2), bewusst auf eine hermeneutische Reflexion verzichtet. So wird suggeriert, die (implizite) Entscheidung für eine historisch-kritische Zugangsweise und die Art und Weise der Einbeziehung historischer und archäologischer Forschung sei keine methodische Vorentscheidung, obwohl dies sogar im Anschluss explizit begründet wird (vgl. 4).

Insgesamt orientiert sich die Darstellung einerseits chronologisch an den in den Texten geschilderten Ereignissen, will aber andererseits - im Blick auf die anvisierte Leserschaft - weitgehend der kanonischen Reihenfolge der biblischen Texte folgen (welcher Kanon zugrunde gelegt wird, bleibt offen). Dies führt teilweise zu einer unübersichtlichen Anordnung, nicht zuletzt weil auch apokryphe Literatur berücksichtigt und das Ordnungsprinzip immer wieder durchbrochen wird. Da das Inhaltsverzeichnis nur Hauptüberschriften ausweist, den biblischen Büchern aber Überschriften der zweiten Ebene zugewiesen sind, ist eine schnelle Orientierung nicht möglich. Wer nicht blättern mag, muss den Weg über das Stellen- oder Sachregister wählen.

Die Binnengliederung ist größtenteils identisch mit der Erstauflage, wenngleich einige Überschriften neu formuliert wurden (z.B. Seite 4: "The Concept of God's People" statt zuvor "The Identity and Destiny of God's People"; Seite 418: "Roman Rule in the First Century C.E." statt zuvor "The World of Jesus"). Beibehalten wurde auch die editorische Gestaltung in fortlaufenden Darstellungen im Haupttext und Zusatzinformationen in Kästen, die häufig auch Texte aus der Umwelt bieten (in englischer Übersetzung). 22 Informationskästen und etliche Fotos und Abbildungen sind neu hinzugekommen. Einige Abschnitte wurden vollständig neu konzipiert (z.B. Seite 434 zur Jesusbewegung), andere fast wortgleich übernommen (vgl. ebd. zur Krise im 1. Jahrhundert n.Chr.).

Die "Introduction" (1-37) bietet einen Überblick über die Entstehung der Bibel, die Geschichte ihrer wissenschaftlichen Erforschung sowie die geographischen Schauplätze. Im (knappen) Literaturverzeichnis vermisst man u.a. neuere religionswissenschaftliche Titel, vor allem aber Darstellungen und Textsammlungen zur griechisch-römischen Religionsgeschichte. Hierin spiegeln sich bereits zwei grundsätzliche Schwächen des ansonsten sehr informativen und solide gearbeiteten Werkes, dass nämlich der Grad der Aktualisierung stellenweise zu wünschen übrig lässt sowie der Bereich des Neuen Testaments und seiner Umwelt unterrepräsentiert ist.

Im Abschnitt "The World of the Hebrew Bible" (39-325) wird in insgesamt sechs Unterkapiteln die Geschichte Israels entfaltet. Dabei liegt mehr Gewicht auf der Vermittlung von Hintergrundwissen als auf der Textinterpretation. Die biblischen Schriften werden jeweils kurz einleitungswissenschaftlich verortet und bibelkundlich skizziert (vgl. aber z.B. Seite 56-59 zu Enuma Elisch und Gilgamesch). Dabei wird die Forschungsgeschichte eingeflochten, aber nicht immer Personen zugeordnet (z.B. Seite 44 zur Dokumentenhypothese). Die vielen Zusatzinformationen in den Boxen sind zwar hilfreich, werden aber nicht durch Querverweise - die ohnehin rar sind - untereinander und mit dem Haupttext verbunden (vgl. z.B. zur "Maximalist-Minimalist Debate" Seite 45 und Seite 62). Dies ist vor allem dann bedauerlich, wenn Informationen über verschiedene Abschnitte des voluminösen Werkes verteilt sind. So wird bspw. die Menschensohn-Vorstellung einmal im alttestamentlichen Teil im Kapitel "The World of the Apocalyptic" (Box S. 313f) erläutert, und zwar sowohl traditionsgeschichtlich als auch hinsichtlich der Verwendung im Neuen Testament. Im Kapitel "Jesus and the Covenant" findet sich eine weitere, jedoch viel kürzere Information zum Menschensohn (Box Seite 505; vgl. ähnlich zu "Apocalyptic" Seite 306 und 488; zur Mischna Seite 464 und 582). Die Bibliographie ist übersichtlich, da in Teilgebiete untergliedert. Im Blick auf die Zielgruppe ist nachvollziehbar, dass nur englischsprachige Titel erfasst sind, nicht jedoch, dass in Bezug auf die Minimalisten-Diskussion die Arbeiten von Niels Peter Lemche und Thomas Thompson nicht aufgeführt werden. Der alttestamentliche Teil ist als einziger mit einem kurzen Kapitel "Biography" versehen, in dem in jeweils fünf bis zehn Zeilen bedeutende Exegeten vorgestellt werden.

Der zweite Teil ist überschrieben mit "Jewish Responses to Greek and Roman Cultures, 322 B.C.E. to 200 C.E." (327-480). Darin wird die jüdische Geschichte von Alexander d. Gr. bis zum Zweiten Jüdischen Krieg als Geschichte der Krisenbewältigung dargestellt. Auf eine historische Epochenskizze folgt jeweils eine Erörterung der in dieser Zeit entstandenen Literatur. Das behandelte Schrifttum umfasst die ganze Breite nicht-kanonischer Literatur, einschließlich Septuaginta, Pseudepigraphen, Qumranschriften, Josephus und Philo sowie der rabbinischen Literatur, was eine große Stärke dieses Werkes gegenüber anderen vergleichbaren Einführungen darstellt. Zwar ist die abschließende Bibliographie nicht untergliedert, dafür jedoch sieben Seiten stark und auf aktuellem Stand.

Der dritte und letzte Teil widmet sich der "Formation of Christian Communities" (481-682). Hier ist die "kanonische" Anordnung vollends aufgegeben, da ein Kapitel über Jesus den Auftakt bildet, in dem der Logienquelle Q und dem Markusevangelium überraschend viel Platz eingeräumt wird. Daran schließt sich ein Abschnitt über Paulus und die Deuteropaulinen an, in dem leider weder die "New Perspective on Paul" noch die antike Rhetorik oder das Phänomen der Pseudepigraphie eigens thematisiert werden. Erst im anschließenden Kapitel "Christianity Responds to Formative Judaism" werden das Matthäusevangelium sowie der Hebräer-, Judas- und 2. Petrusbrief besprochen. Alle weiteren Schriften des Neuen Testaments sind dann im Teil "Christianity Responds to Roman Culture and Imperial Policy" dargestellt. Zwei kurze Kapitel widmen sich abschließend den apokryphen Evangelien und Apostelgeschichten sowie den Apostolischen Vätern. Angesichts der ausgiebigen Berücksichtigung der Literatur des Antiken Judentums spiegelt sich hier abermals ein eklatantes Ungleichgewicht, dessen Beseitigung man sich von der Neuauflage gewünscht hätte. Das Literaturverzeichnis ist zwar an einigen Stellen aktualisiert, doch selbst dann meist nur auf dem Stand von ca. 1995. Dies ist besonders auffällig bei Kommentaren, aber etwa auch hinsichtlich der von Bruce Winter herausgegebenen Reihe "Acts in Its First Century Setting", die - in Alt- wie Neuauflage - nur bis zum 1993 publizierten Band 3 erfasst ist, obwohl 1995 und 1996 zwei weitere Bände erschienen sind.

Trotz der genannten Kritikpunkte sei der umfangreiche Band all jenen zur Lektüre empfohlen, die sich in kompakter und solider Form über die Welt der Bibel (einschließlich der antiken jüdischen Literatur) informieren wollen. Im deutschsprachigen Raum werden dies vermutlich vornehmlich interessierte Laien sein, denn obwohl der Informationsgehalt für Überblicksvorlesungen im Grundstudium durchaus angemessen ist, werden Studierende wohl (leider) eher auf einschlägige deutschsprachige Titel zurückgreifen. Für Fachwissenschaftler hingegen sind - der Gattung geschuldet - die gebotenen Informationen zu allgemein und nicht hinreichend durch Fußnoten dokumentiert.

Heike Omerzu