Rezension über:

Kathleen Wilson-Chevalier (éd.): Patronnes et mécènes en France à la Renaissance, Saint-Étienne: Publications de l'Université de Saint-Étienne 2007, 681 S., ISBN 978-2-86272-443-0, EUR 27,00
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Rezension von:
Barbara Gaehtgens
Los Angeles
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Gaehtgens: Rezension von: Kathleen Wilson-Chevalier (éd.): Patronnes et mécènes en France à la Renaissance, Saint-Étienne: Publications de l'Université de Saint-Étienne 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/13818.html


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Kathleen Wilson-Chevalier (éd.): Patronnes et mécènes en France à la Renaissance

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In der französischen Monarchie, die durch salisches Recht Frauen von der Regierung ausschloss, schien die Verbindung von Frauen und Macht unmöglich zu sein. Trotzdem haben sie durch bedeutende Kunstwerke ihre Stellung in der höfischen Gesellschaft nachhaltig zu veranschaulichen und ihren Machtanspruch zu artikulieren gewusst. Wer sich heute über Frauen als Auftraggeberinnen informieren möchte, sieht sich einer Fülle von Informationen und Publikationen gegenüber. Allerdings kann das allgemeine Interesse nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Forschungen sich weitgehend noch in nationalen Grenzen vollziehen.

Es ist darum das besondere Verdienst von Kathleen Wilson-Chevalier, Professorin für Kunstgeschichte an der American University of Paris, in einem Band, der dem weiblichen Patronat und Mäzenatentum während der französischen Renaissance gewidmet ist, 23 Aufsätze vorzulegen, die einen vorzüglichen Überblick über die neueste internationale Forschungslage zum Thema erlauben. Autorinnen und Autoren aus Frankreich, England, Deutschland, Russland und den USA untersuchen mit interdisziplinärer Fragestellung, wie im 16. Jahrhundert höfische Frauen in Frankreich ihre soziale und politische Rolle durch Musik, Theater, Literatur und vor allem durch Gemälde, Skulpturen und Tapisserien vermitteln konnten, die sie selbst in Auftrag gaben.

Die Herausgeberin hebt hervor, dass zwar viele Frauen am französischen Hof Werke hinterlassen haben, die den weiblichen Gesellschaftscodes der Zeit entsprechend ihre christliche Nächstenliebe und religiöse Devotion bezeugen. Wesentliche Botschaft dieses Bandes ist aber die Erkenntnis, dass die bestellten Werke den Willen ihrer ranghohen Auftraggeberinnen repräsentieren, die Möglichkeiten ihres Standes auch politisch zu nutzen. So suchten sie durch Kunstwerke ihre individuellen Interessen, ihre familiären Traditionen, die Zukunft ihrer Kinder und das Nachleben ihrer Familie dauerhaft darzustellen. In dieser Hinsicht standen sie ihren männlichen Zeitgenossen in keiner Weise nach.

Vor allem für die erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckten "femmes fortes", die Königinwitwen, die nach dem Tod des Monarchen für ihre unmündigen Söhne die Regierung führten und somit das salische Gesetz für die Zeit der Regentschaft de facto außer Kraft setzten, galt es, die eigene Stellung durch politische Propaganda zu stützen und durch Werke der Kunst zu verbreiten. Ihre bei Schriftstellern, Übersetzern, Malern, Architekten, Teppichmanufakturen und Bildhauern in Auftrag gegebenen Werke waren repräsentativer Schmuck der eigenen Umgebung und dienten gleichzeitig der Erläuterung politischer Ziele. Aber auch andere Frauen am französischen Hof, wie etwa Louise und Marguerite de Savoie, Mutter und Schwester von Franz I, oder Diane de Poitiers, die Favoritin Heinrichs II., entwickelten im eigenen Patronat Möglichkeiten der Selbstdarstellung, der Selbstinterpretation und auch der Selbstverteidigung.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile mit unterschiedlichem Umfang. Der erste ist dem literarischen Mäzenat gewidmet. Hier wird die Rolle von Anne de Bretagne und Louise de Savoie als Auftraggeberinnen für Texte des Theaters, von Dichtung oder Manuskripten untersucht. Die Schaffung privater Bibliotheken, in denen neben religiösen Werken, Übersetzungen klassischer Autoren und Erziehungsliteratur, besonders Biografien bedeutender Frauen als moralische Modelle, einen wichtigen Platz einnahmen, ist besonders aufschlussreich. Auf diese Weise blieb die Kette geschichtlicher Überlieferung außergewöhnlicher Frauen mit politischem Einfluss erhalten und konnte noch Generationen später als inspirierendes Vorbild dienen. Die Tatsache, dass Anne de Bretagne, Louise de Savoie und Katharina von Medici sich als Regentinnen auf das Vorbild der Blanka von Kastilien im 13. Jahrhundert berufen konnten, geht nicht zuletzt auf ihre dauerhafte literarische Präsenz in den Bibliotheken der Frauen zurück.

Aurore Evain untersucht die wichtige Rolle der Frauen für das Theater des Hofes. Nicht erst seit Katharina von Medici war hier der soziale Ort, um dem Hof unter dem Mantel des Divertissements politische oder religiöse Anspielungen, subtile Botschaften und handfeste Propaganda zu vermitteln. Eindrücklich wird nachgewiesen, in welchem Umfang gerade Katharina das "theatre de cour" als machtvolles Instrument benutzte, um eine religiös und politisch gespaltene Gesellschaft in Schach zu halten und ihren Status und die Autorität des minderjährigen Königs zu erhalten.

Der zweite, sehr viel umfangreichere Teil des Bandes enthält Untersuchungen zur Rolle einzelner Auftraggeberinnen für bedeutende Kunstwerke während der französischen Renaissance. Mehrere Aufsätze unterstreichen zunächst die herausragende und komplexe Rolle von Anne de Bretagne. Sie wird als selbstbewusste Politikerin geschildert, die in den von ihr beauftragten Werken die Interessen ihres Herzogtums, ihrer Familie sowie die Belange Frankreichs zu vertreten verstand. Die Beiträge von Elizabeth L'Estrange, Elodie Lequain und Cynthia J. Brown arbeiten sehr ausführlich heraus, wie Anne de Bretagne die Aufgaben einer Tochter, Gemahlin, Mutter und Witwe als Verpflichtung wahrnahm. Sie gab die Grabmäler ihrer Eltern sowie ihrer früh verstorbenen Kinder in Nantes als repräsentative Monumente "à l'antique" in Auftrag, ließ Manuskripte und Bücher herstellen und Münzen mit ihrem eigenen Abbild für ihr Herzogtum prägen, auf denen sie sich selbstbewusst in die französische Herrscherikonografie einreihte. Ferner umgab sie sich mit Tapisserien, deren Themen ihre Souveränität und ihren Status anschaulich machten.

Die Bedeutung des Grabmals nicht nur als Denkmal für den Toten, sondern auch als Monument zur Repräsentation der Auftraggeberin untersucht Jens Ludwig Burk eindringlich am Beispiel der Margarete von Österreich, die ihrem früh verstorbenen Gemahl und sich selbst in Brou ein Grabmal von Conrat Meit errichten ließ. Die Entscheidung für einen neuen Stil, der die Toten als veristische "corps vivants" präsentiert, ist nicht nur eine künstlerisch bedeutsame, sondern vor allem auch eine politische Entscheidung, die den Anspruch der Witwe verdeutlichen konnte, das Bild des Fürsten sowie ihr eigenes für die Nachwelt "lebendig" zu erhalten.

In diesem Zusammenhang ist Sigrid Rubys Darstellung der Diane de Poitiers, der Mätresse Heinrichs II., von besonderem Interesse. Bisher überwiegend durch ihre erotische Beziehung zum König wahrgenommen, lernen wir Diane in ihren Aufträgen als kluge Verwalterin des Renommés ihrer Familie kennen, die ihre Ehe mit dem königstreuen Louis de Brezé benutzte, ihren eigenen privilegierten Stand als Favoritin zu legitimieren und zu festigen. Sie errichtete ihm pflichtgemäß ein Grabmal in der Kathedrale von Rouen, versäumte aber nicht, auch ihr Schloss in Anet als Memorialbau für ihren Gemahl erbauen zu lassen, um ihrem Status am Hofe eine solide, in der Tradition königstreuer Adliger verankerte Basis zu verleihen. Daneben verstand sie es, mit der Figur der Diana eine private Ikonografie zu schaffen, die das erotische Verhältnis mit dem König feierte. Als Auftraggeberin und Verwalterin ihres Nachruhms war Diane de Poitiers offenbar daran gelegen, sich als ein eigenständiges Mitglied des Hofes darzustellen, das zwar in engster Verbindung zum König stand, aber eine eigene Bildwelt auch selbst zu gestalten und zu verwalten wusste.

In diesem Sinne war sie Katharina von Medici verwandt, einer der bedeutendsten Auftraggeberinnen der französischen Renaissance. Der Königin sind allein sieben Aufsätze gewidmet, die einen eigenen Schwerpunkt innerhalb des Bandes darstellen. Erstaunlich ist hierbei, in welchem Umfang bereits bekannte Quellen neu befragt wurden und zu bemerkenswerten Forschungsergebnissen führen konnten. Katharina verfügte erst seit der Regentschaft für ihren Sohn Karl IX. über ausreichende Mittel, um in großem Umfang Kunstwerke in Auftrag zu geben, die sie wiederum dazu benutzte, ihre Autorität als Regentin zu festigen und die höchst gefährdete Monarchie zu stützen. Neben neuen Untersuchungen zu Katharinas Korrespondenz, ihrer Bautätigkeit und der Begabung, die Architektur als Kulisse bedeutender politischer Feste zu nutzen, zu ihrer Kunstsammlung im Pariser Hotel de la Reine, ihren Bildnisaufträgen und ihrem Willen, mit den Porträts ihrer Familie eine Art genealogisches Image der Valois herstellen zu lassen, bleibt vor allem der Beitrag von Kerrie-Rue Michahelles im Gedächtnis. Sie schildert eindringlich den historischen Kontext, in dem Katharina 1588/89 die Hochzeit ihrer Enkelin Christina von Lothringen mit dem Großherzog von Toskana, Ferdinando de Medici, arrangierte. Kurz vor ihrem Tod verhandelte sie noch im belagerten Paris die Heiratsbedingungen und entschied in ihrem Testament, welche Gegenstände die Enkelin nach Florenz mitnehmen sollte. Auf diese Weise gelangten die bekannten Valois-Teppiche mit Szenen aus dem Hofleben unter Katharina von Medici nach Florenz und konnten dort als dauerhaftes Zeugnis französischer Kunst- und Festpolitik weiterwirken. Auch in diesem Falle ist Katharina als Auftraggeberin zu begreifen, die weitsichtig ihren privaten Besitz rettete und als politisch wirksame Botschaft über die weibliche Linie wieder in ihre Heimat überführte.

Der vorliegende, sorgfältig edierte Band zum Mäzenatentum französischer Frauen in der Renaissance stellt gegenwärtig den intensivsten Überblick über die Forschung zu diesem Thema dar. In der Reichhaltigkeit der interdisziplinären Fragestellungen und der Fülle neuer Erkenntnisse ist er als Anregung und wichtige Grundlage zugleich für zukünftige Arbeiten unverzichtbar.

Barbara Gaehtgens