Rezension über:

Adrian van Heck (Hg.): Enee Silvii Piccolominei Epistolarium seculare complectens De duobus amantibus, De naturis equorum, De curialium miseriis (= Studi e testi; 439), Città del Vaticano: Biblioteca Apostolica Vaticana 2007, 526 S., ISBN 978-88-210-0824-5, EUR 70,00
Buch bei Amazon bestellen
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Martin Wagendorfer
Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Martin Wagendorfer: Rezension von: Adrian van Heck (Hg.): Enee Silvii Piccolominei Epistolarium seculare complectens De duobus amantibus, De naturis equorum, De curialium miseriis, Città del Vaticano: Biblioteca Apostolica Vaticana 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/15297.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Adrian van Heck (Hg.): Enee Silvii Piccolominei Epistolarium seculare complectens De duobus amantibus, De naturis equorum, De curialium miseriis

Textgröße: A A A

Eines der dringendsten Desiderata der Piccolomini- und damit der Humanismusforschung allgemein stellt eine kritische Ausgabe des Briefkorpus des späteren Papstes (Pius II., 1458-1464) dar, das durch die Biografie seines Autors einerseits, seinen schieren Umfang andererseits zu den wichtigsten Quellen für den Humanismus und die (kirchen-)politische Geschichte des zweiten Drittels des 15. Jahrhunderts zählt. Rudolf Wolkan hatte 1921 aus hier nicht näher zu erörternden Gründen die in den Fontes Rerum Austriacarum publizierte Edition der Briefe nach dem Erscheinen des ersten Halbbandes von Teil 3, der bis zum 1. Juni 1454 reicht, abgebrochen; die von Alphons Lhotsky initiierte Weiterführung der Edition durch Gerda Koller blieb nach dem Tod Lhotksys 1968 in den Vorarbeiten stecken und wurde nicht wieder aufgenommen. Somit existiert nicht nur von den Kardinalatsbriefen Piccolominis (ganz zu schweigen von den Schreiben aus der Zeit seines Pontifikats) keine moderne Ausgabe, auch die Lücke von Mitte 1454 bis Ende 1456 wäre noch zu schließen.

Adrian van Heck geht bei seiner Edition des "epistolarium seculare" Piccolominis zwar chronologisch vor, zäumt das Pferd aber dennoch von hinten auf: Denn nicht die eigentlich zunächst dringendere Edition der Briefe des späten Piccolomini wird angegangen, sondern erneut eine Ausgabe der von Wolkan edierten Laienbriefe (also bis 1445) vorgelegt. Mag diese Entscheidung angesichts des Editionsstandes auch merkwürdig anmuten, so kann man dem Unternehmen grundsätzlich trotzdem durchaus Positives abgewinnen: Wolkans Text zeichnet sich tatsächlich nicht immer durch philologische Verlässlichkeit aus und bietet vor allem nur einen rudimentären textkritischen und historischen Kommentar. Zudem hat die Forschung der letzten hundert Jahre vielfach auch unbekannte Überlieferungen mancher Briefe und neue Erkenntnisse zutage gefördert, die unter anderem zu fundierteren Datierungen oder Identifizierungen der Adressaten geführt haben.

Verbesserungspotenzial der Wolkanschen Ausgabe wäre also durchwegs vorhanden, es wird vom Editor leider nur in beschränkter Weise genützt, im Gegenteil: Sieht man von der grundsätzlichen Tatsache ab, dass van Heck die komplizierte Überlieferung der Briefe in keiner Weise angemessen berücksichtigt, so hat man noch selten eine derart mühsam zu benützende Edition gesehen, wie das hier der Fall ist. Schon beim ersten Durchblättern springt - im Unterschied zur Edition Wolkans - der Verzicht auf Kopfregesten mit Abfassungsort und -zeit der Briefe ins Auge. Erschwert dies die Benützung des Textes schon von vornherein enorm, so ist der Kommentar noch unpraktikabler. Am Rand des Haupttextes führt van Heck nämlich die entsprechenden Seitenzahlen der Edition Wolkans an; sowohl im textkritischen als auch im Sachkommentar, die (schon per se eine unglückliche Lösung) beide jeweils erst am Ende jedes einzelnen Briefes folgen, wird allen Ernstes auf diese, das heißt die Wolkan'schen (!), Seitenangaben verwiesen. Das Resultat dieser Vorgehensweise sind äußerst unangenehme und zeitaufwendige Suchaktionen, die sich zwangsweise jeweils über etwa eine Seite des Textes erstrecken.

Dies fällt beim Sachkommentar weniger ins Gewicht, da dieser kaum vorhanden oder zumindest wenig hilfreich ist. Maßgebliche Sekundärliteratur wie das grundlegende prosopografische Werk Paul-Joachim Heinigs zum Hof Kaiser Friedrichs III. [1] wird zur Identifizierung einschlägiger Personen nicht herangezogen; in vielen Fällen unterbleibt eine Kommentierung von Eigennamen auch einfach, obwohl sie an zahlreichen Stellen dringend am Platze gewesen wäre: Sogar österreichische Benützer der Edition dürften wohl Mühe haben, die bei Piccolomini verballhornten Echezaide (86, auch nicht erfasst im lückenhaften Register) ohne Hilfestellung mit dem Geschlecht der Eckartsau zu identifizieren.

Nicht nur in diesem Punkt kommt die Edition über die Fontes Rerum Austriacarum-Ausgabe kaum hinaus, sie schreibt auch einige grobe Irrtümer Wolkans unkritisch fort oder führt zu noch ärgeren Missverständnissen: So ist seit mehr als zwanzig Jahren bekannt, dass der Adressat von Brief Nr. 4 nicht mit Tommaso della Gazzaia, sondern mit Tommaso Docci zu identifizieren ist [2] - bei van Heck firmiert als Podestà von Piombino wie bei Wolkan noch immer Tommaso della Gazzaia (17). Noch weiter fällt der Editor hinter den aktuellen Stand der Forschung bei den Briefen Nr. 27 und 27* zurück. Es handelt sich hierbei um die beiden berühmten Beschreibungen der Stadt Wien, von welchen Wolkan nur die erste abdruckte, weil er sie aufgrund ihres Vorhandenseins in alten Drucken des Briefkorpus Piccolominis irrtümlich als Brief identifizierte, woraus auch eine grobe Fehldatierung der Stadtbeschreibung resultierte: Sie ist eigentlich Bestandteil der Historia Austrialis Piccolominis und nicht 1438, sondern erst in den frühen 1450er Jahren entstanden. Dies alles ist im Wesentlichen schon seit den Forschungen Alphons Lhotskys und Klaus Voigts bekannt. [3] Van Heck übernimmt nun nicht nur kritiklos die Einordnung der ersten Fassung der Beschreibung Wiens als Brief sowie deren Datierung von Wolkan, sondern fügt als Nr. 27* auch noch die zweite Fassung der Beschreibung, die Wolkan nicht edierte, hinzu. Diese entstammt jedoch genauso der Historia Austrialis (dritte Redaktion), was leicht der schon zitierten Monografie von Klaus Voigt zu entnehmen gewesen wäre, wo der Text auch gedruckt vorliegt, ohne dass dies bei van Heck erwähnt werden würde.

Der vorliegende Band ist ein Musterbeispiel dafür, dass kritische Ausgaben insbesondere humanistischer Texte nicht nur gediegene philologische Fähigkeiten erfordern, ohne die jedes Editionsunternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, sondern auch eines ausgeprägten "sensus historicus" des Herausgebers bedürfen, um den Text der Leserschaft - gerade in Zeiten immer geringer werdender Lateinkenntnisse - in angemessener Weise zur Verfügung zu stellen. Die Freude über den heute keineswegs mehr selbstverständlichen Umstand, dass Adrian van Heck einen philologisch großteils verlässlichen Text vorlegt, wird mithin nicht nur durch die genannten Defizite in Kommentar und Erschließung der Briefe erheblich getrübt. Es muss wohl auch - und dies ist das eigentlich Ärgerliche daran - befürchtet werden, dass künftige Projektanträge, welche die noch immer dringend notwendige und wünschenswerte moderne Ausgabe der Piccolomini-Korrespondenz ins Auge fassen, zumindest für die frühen Briefe mit dem Hinweis abgelehnt werden, dass bereits eine aktuelle Edition vorliege. (Van Heck selbst äußert sich nicht über eine mögliche Fortführung seines Unternehmens.)


Anmerkungen:

[1] Paul Joachim Heinig: Kaiser Friedrich III. (1440-1493) - Hof, Regierung, Politik (= Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii; 17), Köln / Weimar / Wien 1997.

[2] Paolo Nardi: Enea Silvio Piccolomini, il cardinale Domenico Capranica e il giurista Tommaso Docci, in: Rivista di storia del diritto italiano 60 (1987), 195-203.

[3] Alphons Lhotsky: Aeneas Silvius und Österreich, in: Alphons Lhotsky, Aufsätze und Vorträge III. Historiographie, Quellenkunde, Wissenschaftsgeschichte. Ausgewählt und herausgegeben von Hans Wagner / Heinrich Koller, München 1972, 26-71; Klaus Voigt: Italienische Berichte aus dem spätmittelalterlichen Deutschland. Von Francesco Petrarca zu Andrea de'Franceschi (1333-1492) (= Kieler Historische Studien; 17), Stuttgart 1973, 110-114, bes. Anm. 181. Die genaue Rekonstruktion der verketteten Missverständnisse, die zur Einordnung der Beschreibung Wiens als Brief führten, jüngst bei Martin Wagendorfer: Adolf Rusch, die "Historia Austrialis" und St. Paul, Cod. Blas. Chart. 7/2. Zu Datierung und Überlieferung der Wien-Beschreibungen des Eneas Silvius Piccolomini, in: Neulatein an der Universität Wien. Ein literarischer Streifzug. Franz Römer zum 65. Geburtstag gewidmet, hg. von Christian Gastgeber / Elisabeth Klecker (= Singularia Vindobonensia; 1), Wien 2008, 89-102.

Martin Wagendorfer