Rezension über:

Gocha R. Tsetskhladze (ed.): Greek Colonisation. An Account of Greek Colonies and Other Settlements Overseas. Volume Two (= Mnemosyne. Supplementa; Vol. 193), Leiden / Boston: Brill 2008, xviii + 566 S., ISBN 978-90-04-15576-3, EUR 149,00
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Rezension von:
Karl-Wilhelm Welwei
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Wilhelm Welwei: Rezension von: Gocha R. Tsetskhladze (ed.): Greek Colonisation. An Account of Greek Colonies and Other Settlements Overseas. Volume Two, Leiden / Boston: Brill 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/15292.html


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Gocha R. Tsetskhladze (ed.): Greek Colonisation

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Nach dem ersten Teil einer als Handbuch geplanten Gesamtdarstellung der sogenannten Griechischen Kolonisation ist nunmehr ein zweiter, ebenfalls von Tsetskhladze herausgegebener Sammelband erschienen, in dem griechische Gründungen in der nördlichen Ägäis, an der Adria, in Libyen und auf Kypros erörtert werden.

Den Auftakt bildet eine umfangreiche Abhandlung von Michalis Tiverios, der das Gebiet der nördlichen Ägäis behandelt (1-154). Er hält es für möglich, dass Abwanderer aus Euboia noch vor der sogenannten Ionischen Kolonisation sich im nördlichen Griechenland niedergelassen haben. Befremdlich ist freilich sein Hinweis auf den "Troianischen Krieg" als chronologische Orientierungsmarke (15). Als wichtiges Zeugnis führt er ein "griechisches Heiligtum" bei Mende aus spätmykenischer Zeit an (124). Offenbar konnte er die Monographie von Dieter Hertel noch nicht benutzen, der eine Eroberung Troias durch mykenische Griechen ausschließt und zu zeigen vermag, dass in den Phasen Troia VII b 1 Zuwanderer aus dem thrakischen und makedonischen Raum nach Troia gelangt sind und der balkanische Einfluss dort sich in der Phase VII b 2 noch verstärkt hat. [1] Problematisch ist auch die Annahme von Tiverios (16), dass in spätmykenischer Zeit Stämme ("tribes") und "clans" die Träger der Wanderungsbewegungen waren. Unter Berufung auf Thukydides (1,12) bezieht er sich durch Verwendung des Stammesbegriffs auf ein anachronistisches Erklärungsmodell. Der Ausdruck "clan" ist hier ohnehin verfehlt, da er aus einer anderen Lebenswelt stammt. Träger der Wanderungsbewegungen waren in den 'Dunklen Jahrhunderten' in aller Regel kleinere Gruppen, die nicht unbedingt als Verwandtschaftsverbände gelten können. Hervorzuheben ist aber, dass Tiverios einen überaus materialreichen Überblick über neuere archäologische Funde in den von ihm behandelten Räumen bietet.

Die griechischen Kolonien an den Küsten der Adria bis zu den römischen Interventionen in Illyrien 229 und 219 v. Chr. erörtert Pierre Cabanes (155-185). - In der Darstellung der griechischen Kolonisation in Libyen berichtet Michel Austin (187-217) erfreulicherweise auch ausführlich über die Beziehungen zwischen Hellenen und Indigenen sowie über die Folgen der zeitweiligen Eingliederung Kyrenes in das Perserreich. Nicht genügend beachtet werden leider die von Demonax durchgeführten Reformen in Kyrene.

Maria Iacovou beginnt ihren Beitrag zu den Griechen auf Kypros (219-288) mit bemerkenswerten Ausführungen zum Kolonisationsbegriff. Sie problematisiert dessen Anwendung auf griechische Siedlungen auf Kypros, weil es sich in diesem Fall eher um eine Hellenisierung der Insel gehandelt habe. Sie erinnert an eine Formulierung von Claude Baurain [2], wonach Kypros "la terre la plus orientale de toutes cettes habitées par les hellénophones"  war (223). Der Aufsatz von Frau Iacovou ist methodisch überzeugend. "Hellenisierung" auf Kypros war in der Tat ein langer Prozess, der im Wesentlichen in einer Zuwanderung von Griechen bestand, die sich in Regionen der indigenen Bevölkerung niederließen und dort schließlich der Lebenswelt ein hellenisches Gepräge gaben.

Jean-Paul Descoeudres behandelt die Binnenkolonisation in Griechenland unter Berücksichtigung demographischer Entwicklungen (289-382). Er kommt zu dem Ergebnis, dass die große Griechische Kolonisation nicht in erster Linie durch Übervölkerung im modernen Sinne ausgelöst wurde.

Jonathan M. Hall thematisiert Entstehung und Bedeutung von Gründungsgeschichten sowie ihren Aussagewert (383-426). Er hält es selbstverständlich für richtig, stets die Voraussetzungen der betreffenden Überlieferung genau zu prüfen, betont aber zugleich, dass Gründungsgeschichten in Verbindung mit anderen Zeugnissen auch Rückschlüsse auf die Frühzeit einer Kolonie erlauben können. Paradigmatisch ist für ihn das Problem, ob Taras (Tarent) eine spartanische Kolonie war. Unter Berücksichtigung des archäologischen Materials kommt er zu dem Schluss, dass die schriftliche Tradition in diesem Fall ein Produkt des 6. Jahrhunderts v. Chr. war (412-421). Offenbar hat er die Ausführungen von Mischa Meier zum Parthenier-Problem nicht benutzt, der die Überlieferung hierzu auf die Aufdeckung einer von spartanischen Aristokraten inszenierten Verschwörung um 660/50 v. Chr. zurückführt. Jene Unruhestifter mussten offensichtlich Sparta verlassen und haben dann den Raum von Tarent besiedelt. [3]

Die Kolonisation in klassischer Zeit erörtert Thomas Figueira unter dem Aspekt der Bedeutung der institutionellen Ordnung in den Metropoleis für die Apoikiai (427-523). Seine Argumentation bewegt sich auf einem hohen Niveau. Er versteht die Kolonisation als mögliche Form einer Expansion der Polis, indem sie an anderer Stelle sich gewissermaßen selbst erneuerte. Die Kolonistengruppen hätten keine egalitären Gesellschaften ohne Statusunterschiede gebildet. Vielmehr sei nach dem Paradigma der Mutterstadt bereits in der Gründungsphase einer Kolonie soziale Ungleichheit entstanden. Dies ist cum grano salis sicherlich zutreffend. Allerdings sind auch gewisse Differenzierungen vorzunehmen. In Syrakus setzt das Abhängigkeitsverhältnis der unfreien Kyllyrier in spätarchaischer Zeit die Entstehung größerer Güter und eine gewisse Ressourcenbildung der Besitzer voraus. Diese Prämissen waren unmittelbar nach der Gründung der Apoikia wohl kaum schon gegeben. Ähnlich war sicherlich die Situation in der um 560 v. Chr. gegründeten megarischen Kolonie Herakleia am Schwarzen Meer. Die Expansion der Apoikia vollzog sich in einem längeren Prozess, in dessen Verlauf sich erst eine dominierende Oberschicht formierte, die ihre Ländereien von versklavten indigenen Mariandynern bearbeiten ließ. Demgegenüber sollten nach einem Zusatzantrag zu dem athenischen Volksbeschluss über die Gründung der Kolonie Brea nur Kolonisten aus den Zensusklassen der Zeugiten und Theten dort angesiedelt werden. [4] Dieses Projekt entsprach nicht der Sozialstruktur der athenischen Bürgerschaft.

Insgesamt gesehen enthält der vorliegende Sammelband eine Fülle von Anregungen für weitere Untersuchungen zur Griechischen Kolonisation. Man darf gespannt sein auf den bereits angekündigten dritten Band des Handbuches zu dieser Thematik, die künftig aus einer erheblich erweiterten Perspektive erörtert werden kann.


Anmerkungen:

[1] Dieter Hertel: Das frühe Ilion. Die Besiedlung Troias durch die Griechen (1020-650/25 v. Chr.), München 2008, 187-193.

[2] Claude Baurain : Les Grecs et la Méditerranée Orientale, Paris 1997, 120.

[3] Mischa Meier: Aristokraten und Damoden. Untersuchungen zur inneren Entwicklung Spartas im 7. Jahrhundert v. Chr. und zur politischen Funktion der Dichtung des Tyrtaios, Stuttgart 1998, 121-141.

[4] Inscriptiones Graecae, I3, Berlin 1981, Nr. 46, Zeilen 36-46.

Karl-Wilhelm Welwei