Rezension über:

Bettina Scherbaum: Die bayerische Gesandtschaft in Rom in der frühen Neuzeit (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom; Bd. 116), Tübingen: Niemeyer 2008, VII + 448 S., 11 Abb., ISBN 978-3-484-82116-3, EUR 62,00
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Rezension von:
Guido Braun
Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Guido Braun: Rezension von: Bettina Scherbaum: Die bayerische Gesandtschaft in Rom in der frühen Neuzeit, Tübingen: Niemeyer 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/14827.html


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Bettina Scherbaum: Die bayerische Gesandtschaft in Rom in der frühen Neuzeit

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Die frühneuzeitliche Diplomatie unterscheidet sich vom Botenwesen der früheren Jahrhunderte durch das Entstehen eines ständigen Gesandtschaftswesens. Dieses System ist auch für die heutigen zwischenstaatlichen Beziehungen charakteristisch. Bettina Scherbaum untersucht in ihrer Münchner Dissertation aus dem Jahre 2005 erstmals systematisch über einen Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahrhunderten die Geschichte der bayerischen diplomatischen Vertretung in Rom seit ihrer 'Gründung' und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Ursprünge der modernen Diplomatie.

Die Gesandtschaft des Herzogs von Bayern beim Heiligen Stuhl verdient nicht zuletzt deshalb besondere Beachtung, weil es sich um die erste ständige bayerische Gesandtschaft überhaupt an einem auswärtigen Hof handelt. Sie setzte im Oktober 1605, kurz nach Beginn des Pontifikats Papst Paul V., mit der Indienstnahme des römischen Patriziers Giovanni Battista Crivelli durch Herzog Maximilian I. ein. Mit ihm beginnt die Reihe der als Residenten am Heiligen Stuhl akkreditierten bayerischen Vertreter, die in den Quellen zumeist als die Gesandten am "römischen Hof" (Corte di Roma) tituliert werden und Kreditive nicht nur für den Papst, sondern jeweils auch für eine Reihe von Kardinälen erhielten. Zuvor hatten dort Prokuratoren, Sondergesandte und Geschäftsträger ohne förmliche Akkreditierung und ohne repräsentative Funktionen die Interessen des Herzogtums wahrgenommen.

Doch es gibt über diese 'Pilotfunktion' Roms im Rahmen der Entwicklung des bayerischen Gesandtschaftswesens hinaus durchaus eine Reihe weiterer Gründe, gerade die bayerischen diplomatischen Beziehungen zur römischen Kurie näher zu untersuchen. Bereits im 16. Jahrhundert hatte das Herzogtum enge Kontakte zu ihr unterhalten, die nicht zuletzt seinen kirchenpolitischen Anliegen dienten. Galt dies schon am Vorabend der Reformation, so wurde im Verlaufe des 16. Jahrhunderts Bayern seinerseits "einer der wichtigsten Partner der Kurie bei deren Bemühungen um die katholische Erneuerung im Reich" (1). Beide Partner - die Herzöge von Bayern und die Päpste - hatten daher sowohl aus politischen als auch aus konfessionellen und (reichs-)kirchenpolitischen Motiven ein großes Interesse an der Pflege guter Beziehungen. Ferner bildet die bayerische Vertretung in Rom für die Untersuchung der Strukturen des Gesandtschaftswesens in der Frühen Neuzeit insofern einen interessanten Gegenstand, als Bayern in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts neben dem Kaiserhof als einziger Reichsstand und als einziger mittlerer 'Staat' außerhalb Italiens ständige diplomatische Kontakte zum Papsthof unterhielt.

Vom Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs bis zur Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg legten die Herzöge und später die Kurfürsten von Bayern die Wahrnehmung ihrer Interessen an der Kurie in die Hände zweier römischer Familien: Von 1605 bis 1659 wurde die Residententätigkeit durch zwei Mitglieder der Familie Crivelli übernommen. Als Kurfürst Ferdinand Maria nach zwei Jahrzehnten ohne institutionalisierte Vertretung des Kurfürstentums in Rom 1678 wieder einen ordentlichen Gesandten ernannte, übernahmen sukzessiv fünf Mitglieder der Familie Scarlatti diese Funktion über drei Generationen hinweg bis 1765.

Die bayerische Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl weist also zwei strukturelle Besonderheiten auf: Erstens griff Bayern auf italienisches Personal zurück; dies widersprach zwar keineswegs "der im europäischen Gesandtschaftswesen gängigen Praxis", wie Scherbaum formuliert (4), denn sogar in der 'klassischen' Diplomatie Ludwigs XIV. gab es Beispiele für Missionen von (naturalisierten) Ausländern in ihrem Herkunftsland, aber Bayern unterschied sich dadurch deutlich von der römischen Kurie selbst, deren Nuntiaturen im Reich in der Regel nicht von Deutschen (sondern meist von Italienern) bekleidet wurden. Zweitens war diese diplomatische Vertretung - und das lässt die Besonderheiten dieses Falles noch deutlicher hervortreten - eineinhalb Jahrhunderte lang eng mit zwei römischen Familien verknüpft. Diese dauerhafte Anbindung führte dazu, dass die innere Organisation der Gesandtschaft weitgehend selbstständig in Rom konzipiert und ihre Tätigkeit nur bedingt durch grobe Vorgaben aus München gelenkt wurde.

Es ist aus diesem Grunde nachvollziehbar, dass Scherbaum sich nicht nur auf die politischen Verhandlungen und das diplomatische Alltagsgeschäft beschränkt, das auch konsularische Aufgaben umfasste, sondern darüber hinaus prosopographische Fragestellungen untersucht und ihre Studie als Beitrag zur Sozialgeschichte des römischen Patriziats versteht - dies ist umso begrüßenswerter, als die Forschungen zu den römischen Eliten in hohem Maße auf die Kardinals- und Papstfamilien fokussiert sind, zu denen die genannten beiden Geschlechter nicht oder nur mit Einschränkungen gehörten. Ein familiengeschichtlicher Abriss und eine eingehendere Untersuchung der in bayerischen Diensten stehenden Generationen und Amtsträger stehen daher am Beginn der Kapitel zu den diplomatischen Vertretern aus den Familien Crivelli und Scarlatti, die den Kern der Monographie ausmachen. Für die Scarlatti kann Scherbaum dabei erstmals den im Kapitolinischen Archiv aufbewahrten Nachlass der Familie auswerten, der auch die Korrespondenznetzwerke der Gesandten erschließt. Der bayerische Dienst der ursprünglich aus Mailand bzw. Florenz stammenden Familien diente mikropolitisch ihrer Etablierung in der römischen Nobilität, während für das mindermächtige Bayern mit seinen geringen Ressourcen der Vorteil darin bestand, durch ihre Indienstnahme die bereits bestehenden Kontakte und Vernetzungen vor Ort ausnutzen zu können.

Auf diese prosopographisch-mikropolitischen Abschnitte folgt jeweils eine Darstellung der Organisation der Gesandtschaft zur betreffenden Zeit sowie eine Analyse der Gesandtschaftskorrespondenzen und der Aufgaben und Tätigkeitsfelder der Gesandten. Unter dem letzten Punkt werden nicht allein politische Probleme, sondern auch neuere Fragestellungen wie die Rolle der Gesandten im Kulturaustausch berücksichtigt. Scherbaums Ausführungen zu dieser Facette des Wirkens von Diplomaten fallen zwar recht knapp aus, bieten aber dennoch beachtliche Ergebnisse (die Scarlatti pflegten bekanntlich enge Kontakte zu deutschsprachigen Wissenschaftlern).

Einen wichtigen Aspekt der diplomatiegeschichtlichen Seite der Monographie bildet die Repräsentation. Neben der Führung von Verhandlungen, der Berichterstattung nach München und der Beschaffung von Informationen aus Rom für den bayerischen Hof bildete diese Repräsentation einen Pfeiler gesandtschaftlicher Tätigkeit. Im Falle der bayerischen Vertretung beim Papsthof kommt gerade der Repräsentation eine Indikatorenfunktion zu, denn hieran lässt sich zeigen, inwiefern die (kur-)fürstlich-bayerische Gesandtschaft von der Kurie neben den kaiserlichen und königlichen Botschaftern und sonstigen diplomatischen Vertretern überhaupt akzeptiert wurde. Spiegelte sich der beanspruchte Residentenrang - der ohnehin nur zu den niederen Rangstufen diplomatischer Vertretung gehörte - innerhalb des "Systems Zeremoniell" (31) in einer adäquaten Behandlung durch Kurie und Papst nieder? In welchem Verhältnis standen also der bayerische Anspruch und die zeremonielle sowie rechtliche Einordnung am Papsthof zueinander? Diesen für die Geschichte des Gesandtschaftswesens zentralen Fragestellungen geht Scherbaum - auch unter Berücksichtigung einer Vielzahl ungedruckter Quellen nicht-bayerischer Provenienz, die unter anderem Aufschluss über die römische Wahrnehmung der bayerischen Repräsentanz bieten - detailliert nach. Daraus folgt, dass die Durchsetzung des Anspruches, mit einem Residenten auch repräsentative Vorrechte zu genießen, Beharrlichkeit erforderte und sich um die beanspruchte zeremonielle Behandlung im 17. Jahrhundert mehrere Präzedenzkonflikte ergaben.

Repräsentation wurde von den bayerischen Gesandten als wichtige, im Unterschied zu den Botschaftern jedoch nicht als Kernaufgabe betrachtet. 1605 galt Giovanni Battista Crivelli nur als weiterer bayerischer Agent. Die Gesandtschaft erfuhr hinsichtlich ihrer Selbstdarstellung eine wichtige Zäsur mit der Verleihung des Residententitels 1610, bei ihrer Wahrnehmung in Rom die entscheidende Aufwertung aber erst mit der Notifikation der Kurtranslation 1624. Sowohl die bayerischen "Residenten" aus dem Hause Crivelli als auch die den Titel "(Pro-)Minister" oder "Gesandter" führenden Scarlatti wurden durch Rekreditive förmlich anerkannt und genossen eine entsprechende rechtliche Behandlung (namentlich Immunität).

Scherbaums Studie bildet einen wichtigen Baustein für eine Geschichte des europäischen Gesandtschaftswesens in der Frühen Neuzeit. Abgesehen von einigen (teils älteren) Pionierstudien fehlt es hier noch an strukturellen Untersuchungen, besonders zu den Akteuren von mittlerer Größe. Eine Stärkung der komparatistischen Perspektive wäre dabei künftig wünschenswert. In der Frage der Vertretung mehrerer Herren durch einen Gesandten, die Scherbaum bei der Organisation der bayerischen Gesandtschaft zur Zeit der Scarlatti untersucht - diese übten zeitweise eine "Nebentätigkeit" (164) für den Kaiserhof aus und bildeten für dynastisch verwandte Erz- und Hochstifte "eine Art wittelsbachisches Gesamtministerium" (220) in Rom -, läge beispielsweise ein Vergleich mit den Beziehungen zwischen den Reichsständen und Frankreich nahe, auch wenn sich bei den Scarlatti die Hinweise auf eine gleichzeitige Tätigkeit für den französischen Hof nach Scherbaum nicht verdichtet haben. Für künftige Forschungen bietet ihre sehr überzeugende Monographie eine Reihe vielversprechender Anknüpfungspunkte.

Guido Braun