Rezension über:

Martin Kaufhold: Die Rhythmen politischer Reform im späten Mittelalter. Institutioneller Wandel in Deutschland, England und an der Kurie 1198-1400 im Vergleich (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 23), Stuttgart: Thorbecke 2008, 350 S., ISBN 978-3-7995-4274-6, EUR 54,00
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Rezension von:
Michael Menzel
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Michael Menzel: Rezension von: Martin Kaufhold: Die Rhythmen politischer Reform im späten Mittelalter. Institutioneller Wandel in Deutschland, England und an der Kurie 1198-1400 im Vergleich, Stuttgart: Thorbecke 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/14819.html


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Martin Kaufhold: Die Rhythmen politischer Reform im späten Mittelalter

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Im zeitlichen Rahmen zwischen 1198 und 1411 versucht Kaufhold verfassungsgeschichtliche Entwicklungsstrukturen nachzuzeichnen, die sich bei einem Vergleich des deutschen und englischen Königtums und der päpstlichen Herrschaft herausstellen. Er greift dafür die deutsche Königswahl, die englische Königsberatung und das Konklave samt päpstlicher Herrschaftszentralisierung heraus. Sie stellen naturgemäß höchst unterschiedliche Phänomene in differierenden politischen Systemen dar, aber Kaufhold ist sich sicher, auf einer gewissen Abstraktionsebene grundlegende Gemeinsamkeiten im jeweiligen historischen Entwicklungsgang entdecken zu können. Das Auftreten zentraler Probleme in den Jahren um 1200, die periodische Wiederkehr von Krisen um die Konfliktpunkte im 13. und 14. Jahrhundert, das wachsende historische Problembewusstsein im Verlauf der Entwicklungen, die Verschriftlichung von Lösungskonzepten seit den 1320er Jahren, die Rezeptionsphasen der Konzepte bis hin zur institutionellen Verfestigung stabiler Lösungen, das alles weist in Parallelen beschreibbare Strukturen auf.

Im Reich ist die Frage der Königswahl seit der Doppelwahl von 1198 immer wieder in verschiedenen Krisen relevant, die sich über die Absetzung Friedrichs II. 1245, die Wahl Richards und Alfons' 1257, die Absetzung Adolfs 1298, die Wahl Ludwigs und Friedrichs 1314, die Absetzung Wenzels 1400 bis hin zur Wahl Sigismunds und Jobsts 1410 hinziehen. Die literarischen Reflexionen seit den 20er und 30er Jahren des 14. Jahrhunderts gipfeln in der Goldenen Bulle von 1356, die das Mehrheitsprinzip der Wahl festschreibt, aber erst seit 1411 angewandt wird. Am Anfang der englischen Entwicklung steht die Magna Charta von 1215, deren Einschränkung der herrscherlichen Entscheidungsfreiheiten durch die Bindung an Beratungsinstanzen ein Thema bleiben über den Baron's War von 1258-65, die New Ordinances von 1311, die Absetzung und Tötung Edwards II. 1327 bis hin zur Absetzung Richards II. mit Hilfe des Parlaments 1399. Die schriftliche Fixierung des Prozesses ist wegen der spärlichen Überlieferung der Magna Charta in der Frühphase auch hier erst im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts festzumachen. Ähnlich spannt sich der Bogen beim Werdegang von päpstlichem Konklave und Herrschaftszentralisation, was vom IV. Laterankonzil 1215 über das sogenannte Schreckenskonklave 1241 bis hin zu den Absetzungen Gregors XII. und Benedikts XIII. 1409/1415 und 1417 verfolgt wird. Die Konklavekonstitution Gregors X. auf dem Konzil von Lyon 1274, die 1298 von Bonifaz VIII. und 1311 von Clemens V. in ihrer Geltung festgeschrieben wird, stellt das kuriale Pendant zu den weltlichen Verschriftlichungen dar.

Kaufhold führt seine Analyse nicht in getrennten chronologischen Durchgängen für das Reich, England und die Kurie aus, sondern er bildet 10 thematische Kapitel, die zumeist alle drei Herrschaftsgebilde vergleichend in den Blick nehmen und insgesamt in einem einzigen großen zeitlichen Durchgang angeordnet sind. So folgen auf den Anfang der Epoche (Kapitel 1) die Magna Charta und das IV. Laterankonzil als Ordnungsentwürfe des 13. Jahrhunderts (Kapitel 2), die politischen Krisen des 13. Jahrhunderts (Kapitel 3), die Traditionsbildung durch historische Erinnerung (Kapitel 4), die institutionelle Formierung am Beispiel der Kurie im 13. Jahrhundert (Kapitel 5), die wachsende Verschriftlichung (Kapitel 6), die Verfassungskämpfe des 14. Jahrhunderts (Kapitel 7), die politische Entfremdung am Beispiel Rom/Avignon und angevinisches Reich/England (Kapitel 8), die Krisen durch Absetzungen von Königen und Päpsten (Kapitel 9) und als Resümee die Dynamik des historischen Wandels (Kapitel 10).

Das wissenschaftliche Fundament, auf dem der Band aufbaut, ist bekannt. Die Entwicklung der deutschen Königswahl, die allmähliche Flankierung des englischen Königs durch Beratergremien, die Formierung des Konklaves und die zunehmende päpstliche Herrschaftszentralisierung sind je für sich längst erforschte und beschriebene Phänomene. Kaufhold sucht hier auch keine Erweiterungen in den Details, sondern er gründet seinen Ansatz auf diese Ergebnisse. Die Rhythmik politischer Reform- und Institutionalisierungsprozesse zu hinterfragen, setzt die Faktenebene voraus; die synthetische Sicht auf strukturelle Entwicklungen ist nachgeordnet und logischerweise ein zweiter Schritt. Der entscheidende Punkt für die Gewichtung von Kaufholds Band liegt darin, wie weit die Erkenntnis, dass wiederholt auftretende, aber unterschiedliche Verfassungsprobleme in verschiedenen Herrschaftssystemen zu vergleichbaren historischen Aufarbeitungen, Verschriftlichungsphasen und schließlich zu institutionellen Verfestigungen führen, denn trägt? Was Kaufhold anbietet, ist interessant und eine Bereicherung für die historische Deskription. Aber analytisch atemberaubend ist es auch wieder nicht. Die ständig von ihm einzuräumenden Differenzen in der deutschen, englischen und kurialen Entwicklung bezeugen seine wache Wahrnehmung, aber weniger die durchschlagende Stringenz seines Interpretationsansatzes. Vor allem jedoch die zwar nicht apologetisch behaupteten, doch immer wieder angepriesenen rhythmischen Zeitspannen irritieren: 16-17 Jahre als Maß für die Klärung eines akuten Verfassungskonfliktes, 40-50 Jahre bis zur Wiederholung des Problems, 100 Jahre bis zu stabilen Lösungsmodellen - das wirkt ein wenig erzwungen bei den Ergebnisformulierungen.

Die Kritik soll den Band nicht entwerten. Er ist originell, strukturgeschichtlich übergreifend, perspektivisch erweiternd und alles andere als vordergründig. Nur das letzte Wort zu sein, scheint er auch nicht.

Michael Menzel