Rezension über:

Annette Maechtel / Kathrin Peters (Hgg.): die stadt von morgen. beiträge zu einer archäologie des hansaviertels berlin, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2008, 265 S., 1 Audio-CD, ISBN 978-3-86560-229-9, EUR 29,80
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Rezension von:
Melanie Ulz
Graduiertenkolleg Sklaverei - Knechtschaft und Frondienst - Zwangsarbeit, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Melanie Ulz: Rezension von: Annette Maechtel / Kathrin Peters (Hgg.): die stadt von morgen. beiträge zu einer archäologie des hansaviertels berlin, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/14529.html


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Annette Maechtel / Kathrin Peters (Hgg.): die stadt von morgen

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Der Titel "die stadt von morgen" zitiert den Slogan, mit dem die Berliner Sonderschau der Internationalen Bauausstellung 1957 im urbanen Raum der Nachkriegsmoderne für die 'gute' und 'richtige' Lebensführung warb. Bis heute weithin sichtbar und denkmalpflegerisch erschlossen sind die umfangreichen städtebaulichen Maßnahmen, die zu diesem Anlass Anfang der 50er-Jahre im Hansaviertel - als Wohngebäude prominenter Architekten - erfolgt waren. [1] Unsichtbar hingegen sind die ideologischen Diskurse der Abgrenzung und des Neuanfangs sowie deren gesamtgesellschaftliche Entwürfe für Familienleben, Freizeitgestaltung und Gemeinschaftswesen, die durch die Gestaltung des städtischen Lebensraums verwirklicht werden sollten. Dies geschah in einem dualistischen Ansatz für den Außen- und für den Innenraum gleichermaßen, etwa mit Hilfe der von Charlotte Eiermann geleiteten Wohnberatungsstelle des Deutschen Werkbundes (Nicole von Albrecht und Renate Flagmeier) oder über die Durchgrünung der neuen Wohnviertel im Tiergartenrandgebiet (Irene Nierhaus). Vergessen ist auch die politische Dimension des Bauvorhabens als Architektur des Kalten Krieges, die als Aushängeschild des Wiederaufbaus im Westen und in Konkurrenz zu den repräsentativen Wohnbauten der Stalinallee im Osten der Stadt entstand und deren Systemwettbewerb von der Tagespresse eifrig kommentiert wurde (Stephanie Warnke).

Der Untertitel des Bandes verdeutlicht, dass es nicht das Anliegen der Herausgeberinnen ist, das erzieherische Projekt dieser westdeutschen Moderne wieder aufleben zu lassen oder gar fortzuführen. Ziel ist es vielmehr, die vielen Schichten und historischen Sedimente des prominenten Wohnquartiers aus der Distanz seines fünfzigjährigen Jubiläums heraus neu zu ergründen. Das Buch unternimmt nichts weniger als sich - ausgehend von den Ruinen der Nachkriegszeit, über die Freiflächen der Grünanlagen bis hinein in die Wandverschalung (Andree Korpys und Markus Löffler) der Ausstellungshalle der Akademie der Künste - auf das ideelle Fundament des Hansaviertels Schicht für Schicht durchzuarbeiten, um historische wie ideologische Ablagerungen zu Tage zu fördern. Dies gelingt im Rahmen eines Zugangs, der über künstlerische und literarische Positionen, wissenschaftliche Analysen, und historische Einzelstudien vielfältige Ansätze verbindet, die durch zahlreiche Querverbindungen und kleine Schlupflöcher ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Wohnquartier eröffnen. Waren diese Freilegungsarbeiten bereits durch Tagung, Filmreihe und Ausstellung im Jubiläumsjahr 2007 vor Ort erfolgt, kann mit der nun vorliegenden Publikation die diskursive Praxis der archäologischen Grabung zu Hause weiter vertieft werden und mit der beiliegenden Audio-CD der Künstlergruppe e-Xplo, deren Mindmap-Plakat für das Cover des Buches verwendet wurde, kann die akustische Annäherung an das Hansaviertel auch in den eigenen vier Wänden erprobt werden.

Die Gliederung des Bandes nähert sich mit den ersten beiden Abschnitten dem Hansaviertel und der Interbau 57 vom historischen Außenraum her an: Anhand der politischen Situation des Wiederaufbaus zur Zeit des Kalten Krieges und ihren programmatischen Bauvorhaben wie der Berliner Kongresshalle (Steffen de Rudder) oder der Akademie der Künste (Angela Lammert), wird ein politisch-historisches Feld eröffnet, dass verschiedene Rahmungen aufzeigt. Der dritte Teil "'Wir wohnen gern modern'. Technologie und Dinge" (118-171) fokussiert schließlich auf das Innenleben der Wohngebäude. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass eine Grenzziehung, wie sie im vierten Kapitel gesondert in Frage gestellt wird, nicht haltbar ist. So perspektiviert der Abschnitt "Gemeinschaft planen" (208-261) schließlich Bezüge zu internationalen Architekturdiskursen (Jesko Fezer) und alternativen Lebens- und Wohnformen, wie sie in dem von Martin Kaltwasser und Folke Köbberling als halbmobilen Bauwagen konzipierten "Hybridraum" erprobt werden (243). Insgesamt ist ein ständiger Austausch zwischen (privatem) Innen- und (politischem) Außenraum auszumachen. Dieser vollzieht sich im Hansaviertel über die Fensterfronten der Wohnungen genauso wie durch die Werbung für deren Technologisierung, wenn etwa der Fernseher als "Fenster in die Welt" (134) angepriesen wird. Selbst die Gardinen-Metapher des Eisernen Vorhangs lässt Bezüge zur Fensterverkleidung zu, die als wichtigster Einrichtungs- bzw. Ausgrenzungsgegenstand der-50er Jahre galt. Die Gardine regulierte und filterte die Beziehung "zwischen der Kernzelle der neuen Gesellschaft und ihren äußeren Bedingungen" (140), so Hanne Loreck. Mit den neuen pflegeleichten Fasern und abwaschbaren Oberflächen, die der 'Hausfrau' als vermeintlich emanzipatorische Innovation an die Hand gegeben wurden, sollte nicht nur die im 'Schmutz' materialisierte Kollektivschuld des Nationalsozialismus symbolisch beseitigt werden, es fand auch eine nachhaltige "Neupositionierung der Frau" in der Gesellschaft statt (202). Nach den Jahren als Arbeitskraft an der 'Heimatfront' und als 'Trümmerfrau' der Nachkriegszeit sollte sie nun in die häusliche Sphäre zurückkehren, um die familiäre Ordnung wiederherzustellen, wie Johanna Hartmann darlegt.

Vergleichbare "Reinigungspraktiken" (177) lassen sich im städtischen Wiederaufbau der 50er-Jahre finden. Kein 'krank' machendes Großstadtgefüge, sondern ein lebendiger Organismus war das Ziel, der im Idealfall selbstregulierend wächst und dessen 'Lebendigkeit' mittels Durchgrünung und Auflockerung erhalten werden sollte. Dieses aus Elementen von 'Kultur und Natur' entwickelte 'hybride Mischwesen Stadt' erfuhr durch Auflockerung und Gliederung eine nachhaltige Erneuerung. Die im unmittelbaren Anschluss einsetzende Moderne-Kritik der 60er-Jahre antwortete auf diesen biopolitischen Diskurs, indem sie im Gegenzug die "gemordete Stadt" (180) ausrief, wie Kathrin Peters konstatiert. Und sterben muss letztendlich auch das von den Ausscheidungen der Bewohner/innen des Hansaviertels lebende organische Wesen, dass Julemann in Claudius Hagemeisters Kurzgeschichte "Das Hansaviertel frisst Euch und Eure Kinder" (192) in den Abwasserkanälen aufspürt. Die Arbeit von Mark Dion hingegen identifiziert jene Eindringlinge der Wohnanlage als strippenziehende Täter, die bestenfalls als 'Trittbrettfahrer' der Durchgrünung gelten können: Elster und Waschbär. Sie treiben ihr Unwesen auf den in die Jahre gekommenen Freiflächen, sodass der "Landesbeauftragte für Tierkriminalität" (191) die gesuchten Tiere erkennungsdienstlich inseriert. Ironisch auf den Punkt gebracht wird hier die in Unordnung geratene Grenzziehung zwischen Urbanität und (Um-)Land, die vor dem Hintergrund aktueller Studien zur Großstadt als ökologischer Nische steht und über subjektives Kriminalitätsempfinden reflektiert.

Der inhaltlich anregende Band, der grafisch ansprechend gestaltet ist und hervorragend lektoriert wurde, animiert dazu, weiterführende Assoziationsketten zu knüpfen: So wäre im Hinblick auf die Entwürfe von Familie, Weiblichkeit und Häuslichkeit wie sie in der Sonderausstellung die stadt von morgen zu finden sind (Sandra Wagner-Conzelmann) sicherlich ein Vergleich mit dem humanistischen Universalismuskonzept der Fotoausstellung The Family of Man (1955) interessant gewesen. [2] Insgesamt begeistert der Band aber durch so vielfältige und überraschende Zusammenhänge, dass es unangemessen scheint, einen auf Vollständigkeit angelegten archäologischen Schnitt zu erwarten. Im Hinblick auf die Entwicklungen der Familienpolitik im Ost/West-Vergleich beispielsweise, führt "Familienbesuch 2007" (59) von Ute Richter vor, wie sich Karl Schönherrs ursprünglich für die Prager Straße in Dresden entworfene Bronzeskulptur Mütter mit Kindern (1970) unerwartet nahtlos in das Hansaviertel einfügt. Gerade dieser exemplarische Charakter, der die künstlerischen Arbeiten mit den kritischen Analysen verbindet, macht den übergreifenden Fokus auf gesellschaftsrelevante Fragen der 50er-Jahre produktiv und bereitet Freude beim Lesen.


Anmerkungen:

[1] Landesdenkmalamt Berlin: Das Hansaviertel in Berlin: Bedeutung, Rezeption, Sanierung, Berlin 2007.

[2] Jean Back / Viktoria Schmidt-Linsenhoff: The Family of Man 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung, Marburg 2004.

Melanie Ulz