Rezension über:

Lynne C. Lancaster: Concrete Vaulted Construction in Imperial Rome. Innovations in Context, Cambridge: Cambridge University Press 2005, xxii + 274 S., ISBN 978-0-521-84202-0, GBP 55,00
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Rezension von:
Jürgen J. Rasch
Institut für Baugeschichte, Universität Karlsruhe
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen J. Rasch: Rezension von: Lynne C. Lancaster: Concrete Vaulted Construction in Imperial Rome. Innovations in Context, Cambridge: Cambridge University Press 2005, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/10521.html


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Lynne C. Lancaster: Concrete Vaulted Construction in Imperial Rome

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Nur zögernd wurde in der Forschung des letzten Jahrhunderts die Notwendigkeit der systematischen Auseinandersetzung mit den bautechnischen Details und ihren Funktionen zur Beurteilung der römischen Architektur erkannt. Nachdem bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts eine Reihe allgemeiner Werke zu den konstruktiven Grundlagen der römischen Architektur erschienen waren (Choisy 1873, Durm 1905, Rivoira 1921, Lugli 1957 u.a.), wurden die umfassenden und fundierten, von präzisen Beobachtungen an den Bauwerken ausgehenden Arbeiten durch Esther Boise Van Deman (1912) und ihre nicht weniger kompetente Weiterführung durch Marion Elizabeth Blake (ab 1947) in dieser Breite bisher kaum fortgesetzt.

Ausgehend von diesen Studien setzen die Untersuchungen Lancasters an der für die kaiserzeitliche Baukunst charakteristischen Gewölbearchitektur an. Das Ziel ist, die Baustoffe und Bautechniken in ihrer Anwendung an Gewölbebauten in Rom zu dokumentieren (1). Der Band ist sehr systematisch aufgebaut und in seinen Kernaussagen an die Spezialisten des Fachs, in einleitenden und zusammenfassenden Passagen an ein breiteres Publikum gerichtet (2f.). Nach einem einführenden Kapitel werden sechs der wichtigsten Aspekte dargestellt: Schalungstragwerke, Mörtelzusammensetzung, Amphoren im Gewölbebau, Gewölberippen, Zuganker und Tragverhalten. Anschließend werden in einer Strukturanalyse die statischen Grundlagen an einer Reihe von Beispielen verdeutlicht und in einem zusammenfassenden Überblick die einzelnen Bautechniken in ihrer weiteren Entwicklung unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert. Im Anhang werden Beschreibungen der behandelten Bauten sowie Übersichten zu bautechnischen Details und Grundlagen der Statik zusammengestellt. Eine umfangreiche Liste der zu den einzelnen Detailuntersuchungen im Bereich der römischen Bautechnik benutzten Literatur beschließt den Band.

Im Ganzen ist ein Werk entstanden, das in einer sehr demonstrativen Weise Einblick in einige zentrale Bereiche der hoch entwickelten römischen Bautechnik gewährt. Eine große Anzahl von Abbildungen begleitet die Texte und steigert zusätzlich das Verständnis: Fotografien, teils mit verdeutlichenden grafischen Einträgen, und eigene Zeichnungen beziehungsweise Umzeichnungen von großer Anschaulichkeit.

Lancaster geht - wie sie im Vorwort anmerkt - von den theoretischen Voraussetzungen aus und betont, dass sie sich vertraut gemacht habe mit den wissenschaftlichen und technischen Grundlagen, was ihr für ein differenziertes Urteil zugutekommt, etwa bei der Einschätzung der Baustoffprovenienzen und -qualitäten, der wirtschaftlichen Einflüsse, der Transportwege oder der Grundlagen des Tragverhaltens. Hier liegt die Stärke des Buches. Andererseits verstellt ihr dieses theoretische Herangehen oft den Blick für den praktischen Umgang mit den Baustoffen und die konkrete Umsetzung der einzelnen Techniken. Hier fehlt ihr die Erfahrung in der Ausführung der Details auf der Baustelle. So beruhen viele ihrer Darlegungen mehr auf unhaltbaren Vermutungen als auf genauen Beobachtungen.

Im Folgenden soll in kurzen Bemerkungen zu den einzelnen Kapiteln Stellung genommen werden.

Das Einschalen der Gewölbe ist in erster Linie nicht ein geometrisches, sondern ein konstruktives Problem, was bei den Annahmen Lancasters kaum berücksichtigt wird. Die beschriebenen und dargestellten Schalungstragwerke (36ff. Abb. 30. 31) sind konstruktiv so nicht ausführbar. Ein Kreuzgratgewölbe braucht neben der Ausbildung der Schild- bzw. Gurtbögen zuerst eine unverschiebbare Stützung in den lastabtragenden und formbildenden Graten. Besonders bei so großen Spannweiten wie im Frigidarium der Caracallathermen (Abb. 31) können die Bretter nicht unmittelbar auf den Stützbögen aufgelegen haben (schon bei den Trajansmärkten ergäben sich in der vorgeschlagenen Rekonstruktion [Abb. 30] Stützweiten für die Bretter von mehr als 5 Metern!). Die in größeren Abständen aufgestellten Bögen müssen zuerst von Pfetten in geringeren Abständen abgedeckt gewesen sein, worauf dann die Bretter bzw. Bohlen meridional verlegt werden konnten. Bei Reihungen mehrerer Joche muss aus statischen Gründen jedes Joch separat geschalt und ausgeführt worden sein, wie es sich z.B. an der Portikus des Maxentiusmausoleums ableiten lässt. Folglich musste auch nicht die gesamte Raumfolge gleichzeitig eingeschalt sein, und alle Schalungselemente konnten mehrfach gebraucht werden.

Bei der Diskussion der bisherigen Forschungen am 'Merkurtempel' in Baiae (40ff.) werden die Nachweise zur Form und Schalung der Kuppel verfälscht wiedergegeben. Die Umzeichnung (Abb. 33 oben) gibt falsche Werte wieder und ist unbrauchbar. Bei der Darstellung der Schalung des Gewölbes über dem Oktogon der Domus Aurea in Rom (42f. Abb. 35) wird übersehen, dass es sich hier um ein Klostergewölbe handelt, das - anders als dargestellt - im Zenit horizontal ausläuft. Die Schalung ist folglich wesentlich einfacher auszuführen, und zwar in acht Wangen, die in Kehlen aufeinanderstoßen.

Die Behandlung der komplizierteren Einschalungstechnik im Kuppelbau (48f.) lässt eine nur oberflächliche Auseinandersetzung mit der Literatur erkennen. Die benutzten Quellen werden in vielen Details missverstanden, Beobachtungen und Nachweise unberücksichtigt gelassen, gesicherte Forschungsergebnisse entstellt wiedergegeben und folglich mit unberechtigten Kritiken bedacht. Es entsteht ein falsches Bild der Schalungsmethodik, das heißt, nicht so, wie es sich aus den Beobachtungen ableiten lässt. Hier wird der Forschung mehr geschadet als genützt! Eine Reihe von Vorgängen werden in ihrer praktischen Bedeutung nicht richtig eingeschätzt: das Einbringen und Erhärten des opus caementicium, die Wirkungsweise der in sich geschlossenen und folglich selbsttragenden Ringe im Aufbau der caementicium-Masse der Kuppelschalen, die Problematik des Ausschalens (49) und die Bedeutung des Kriechens und Schwindens der Mörtelmassen (48. 53. 144. 161). Auch hier zeigt sich Lancasters fehlende praktische Erfahrung.

Die Differenzierung unterschiedlicher Mörtelqualitäten (54ff.) und ebenso der Tuff-Provenienzen (59ff.) und damit der caementa-Gewichte führt bisherige Forschungen weiter und ist eine aufschlussreiche und für den Gewölbebau wichtige Feststellung. Auch der erstmalig im Zusammenhang untersuchte Gebrauch von Amphoren im Gewölbebau (68ff.) bringt neues Licht in diesen Bereich. So wird überzeugend nachgewiesen, dass alle Amphoren generell wiederverwendetes Material sind ('Abfallprodukte' des Imports von Öl und Fisch) und nicht der Gewichtsminderung dienten (wie bisher meist angenommen), sondern der Material- und Zeitersparnis.

Die in der Kaiserzeit vermehrt angewandten Ziegelrippen innerhalb der Gewölbeschalen werden mit Bezeichnungen belegt, die der Funktion und dem konstruktiven Zusammenhang widersprechen. Unterschieden wird zwischen "ladder ribs" und "lattice ribs" (Leiter und Gitter) (88). Doch handelt es sich in allen Fällen um durchlaufende, in das Mauerwerk eingreifende Ziegelbahnen in einfachem oder mehrteiligem Aufbau mit aussteifenden Querverbindungen, die zunächst der Formbildung, später der konzentrierten Lastabtragung dienten. Die bisherigen, aus der Konstruktion abgeleiteten Begriffe 'ein- und mehrteilige Systeme (Bündelsysteme)' und 'Kammersysteme' sollten deshalb beibehalten werden. Auch hier wird die Literatur nur oberflächlich ausgewertet. Der gesamte Aufbauprozess wird nicht verstanden und entsprechend falsch kommentiert: Die Aufrichtung des Schalungstragwerks, die Aufmauerung der Kuppelschale in aufeinanderfolgenden Abschnitten, die Funktion der Rippen und ihr Zusammenhang mit den Schalungsabschnitten und das sukzessive Ausschalen der einzelnen Abschnitte.

Das Kapitel über die Zuganker (113ff.) ist eine gute Zusammenstellung der verschiedenen Verbindungsmittel, d.h. Bauklammern, hölzerne Verbindungen und Zuganker (hauptsächlich diese werden behandelt) mit ihren Anwendungen und Wirkungsweisen. Im Bezug auf das Tragverhalten (130ff.) werden schließlich die Gewölbegrundformen untersucht (Spannweiten, Wanddicken, Anordnung der einzelnen Gewölbe zueinander) und einiges Grundsätzliches zur Gewölbestatik zusammengetragen.

Unverantwortlich und gegen alle Gepflogenheiten ist, dass vielfach Forschungsergebnisse und auch Abbildungen (der größte Teil der Umzeichnungen) ohne Quellenangaben aus anderen Publikationen übernommen werden und somit als Ergebnisse eigener Arbeit erscheinen.

Wenn auch der Band wichtige Bereiche der römischen Bautechnik zusammenfassend darstellt und auch in einer ansprechenden Form präsentiert, so wird doch ein effizienter Umgang mit den Ergebnissen durch die angesprochenen Mängel zum Teil erheblich eingeschränkt. Weitere Forschungen in diesem Gebiet müssen folgen.

Jürgen J. Rasch