Rezension über:

Guy P. Marchal: Schweizer Gebrauchsgeschichte. Geschichtsbilder, Mythenbildung und nationale Identität, Basel: Schwabe 2006, 551 S., ISBN 978-3-7965-2242-0, EUR 38,00
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Rezension von:
Bettina Braun
Institut für Europäische Geschichte, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Bettina Braun: Rezension von: Guy P. Marchal: Schweizer Gebrauchsgeschichte. Geschichtsbilder, Mythenbildung und nationale Identität, Basel: Schwabe 2006, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/06/15972.html


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Guy P. Marchal: Schweizer Gebrauchsgeschichte

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Die Erforschung des schweizerischen Geschichtsbewusstseins in den letzten Jahrzehnten ist untrennbar mit dem Namen Guy Marchal verbunden. In zahlreichen Studien hat er insbesondere das Innerschweizer Geschichtsbewusstsein untersucht, indem er beispielsweise die Bedeutung des Befreiungsmythos und der Schlacht von Sempach für die schweizerische Identitätskonstruktion erhellte.

Jetzt hat Marchal ein Buch mit dem zunächst etwas ungewöhnlich klingenden Titel "Schweizer Gebrauchsgeschichte" vorgelegt. Im Vorwort erläutert der Autor, worum es ihm geht. Gegenstand des Buches ist die Instrumentalisierung von Geschichte im nichtwissenschaftlichen Bereich, wobei der Identitätsstiftung im nationalen Kontext zentrale Bedeutung zukommt. Der Band ist wohl auch als eine Bilanz der bisherigen Forschungen Marchals zu verstehen. Er setzt sich zusammen aus zumeist bereits publizierten Beiträgen, die jedoch für den Wiederabdruck überarbeitet wurden, um unnötige Redundanzen zu vermeiden. So ist denn auch nicht einfach eine der üblichen Aufsatzsammlungen entstanden, der Band liest sich vielmehr als ein Überblickswerk über die Instrumentalisierung der Schweizer Geschichte des Mittelalters.

Denn mehr als in anderen Ländern speist sich das Geschichtsbewusstsein in der Schweiz aus dem Mittelalter. Seine entscheidende Ausprägung erfuhr es im 15. und 16. Jahrhundert, seither hat es Metamorphosen erfahren und wurde den jeweiligen Gegebenheiten anverwandelt, aber es weist keine radikalen Brüche auf. Im Kern greift das schweizerische Geschichtsbild deshalb noch heute auf das Mittelalter zurück, auf die Alten Eidgenossen und die Schweizer Bauern, auf Wilhelm Tell und Winkelried. Marchal verfolgt das Entstehen und die Entwicklung der verschiedenen Geschichtsbilder, die im Laufe der Zeit infolge eines sich wandelnden Geschichtsbewusstseins immer wieder mit neuen Inhalten versehen wurden. Dabei spielt die Historizität der Personen und Ereignisse für Marchal letztlich keine Rolle. Ihn interessiert also nicht, ob es Tell gegeben hat, er fragt vielmehr, weshalb auf einem Plakat, das gegen den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund agitiert, Tell mit der Armbrust abgebildet ist oder weshalb eine Armbrust als schweizerisches Ursprungszeichen - vergleichbar dem "Made in Germany" - dienen konnte. Es geht ihm also darum zu zeigen, wie solche Bilder funktionieren und für welche Werte z.B. Tell in dem jeweiligen Kontext steht.

In dem ersten, mit Abstand umfangreichsten Abschnitt des Buches zeichnet Marchal das Bild der "Alten Eidgenossen" vom 15. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg nach. Die Alten Eidgenossen waren zunächst diejenigen, die sich gegen die ungerechte Ständeordnung und die Pflichtverletzung des Adels erhoben hatten und deren Schlachtensiege die Legitimität und Gottgefälligkeit ihres Tuns bezeugten. Im 18. Jahrhundert verband sich das Bild der Alten Eidgenossen mit dem der Hirten, die für die Naturverbundenheit und Ursprünglichkeit des Alpenvolkes standen. Erst im 19. Jahrhundert werden die Alten Eidgenossen auf ihre Wehrhaftigkeit verengt; auf diese Schicht des Geschichtsbildes konnte dann die Geistige Landesverteidigung während des Zweiten Weltkrieges zurückgreifen. In diesen Zusammenhang gehört auch das Tell-Plakat. So wie Tell mit der Armbrust die Seinen verteidigt hatte, sollten dies auch die Schweizer des Jahres 1920 tun.

Die folgenden Detailstudien nehmen dann in einem systematischen Zugriff einzelne Elemente wieder auf. Diese Kapitel gelten "Wilhelm Tell", "Winkelried", den "Schweizer Bauern" und den "Alpen" und damit den Hauptelementen der schweizerischen Identitätspräsentation. In einzelnen Miniaturen gelingt es Marchal aufzuzeigen, wie diese Geschichtsbilder zu verschiedenen Zeiten gebraucht wurden. Besonders beeindruckt hat die Rezensentin die Gebrauchsgeschichte des Flüeli-Ranft, also der Einsiedelei des Nikolaus von Flüe, mit dem 1922 entstandenen großen Votivbild, das dem Einsiedler Dank abstattet für die Verschonung der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg. Es gehört zu den - jedenfalls für eine Nichtschweizerin - besonders erstaunlichen Phänomenen, dass eine Gestalt wie Bruder Klaus, also ein Einsiedler aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der in einer - zugegebenermaßen ernsten - Krise der Eidgenossenschaft mit seinen Ratschlägen eine Kompromisslösung erleichtert hat, so fest im kollektiven Gedächtnis verankert ist, dass noch in der politischen Propaganda des 20. Jahrhunderts - vor allem in den Debatten um den Beitritt der Schweiz zu internationalen Organisationen - auf seinen Ratschlag "den Zaun nicht zu weit zu ziehen" zurückgegriffen werden kann. Der Beitrag über den Flüeli-Ranft zeigt nicht nur den vielfältigen "Gebrauch" des Einsiedlers; die Entstehungsgeschichte des Votivbildes macht auch deutlich, dass feiner Humor und subtile Kritik an der eigenen Nation im Zusammenhang mit einem solchen Werk auf Unverständnis stießen. Aus der Sicht derjenigen, die die Geschichte "gebrauchten", ist dies nur konsequent, denn diese Stilmittel laufen dem eigentlichen Zweck, der Identitätskonstruktion und -präsentation, entgegen.

Noch auf eine andere Grenze beim Gebrauch der von ihm analysierten Elemente schweizerischen Selbstverständnisses macht Marchal aufmerksam. Sie sind allesamt entstanden im Rahmen und zum Zweck einer nationalen Identitätskonstruktion. Gerade für die Willens- und Gesinnungsnation Schweiz, die ihre Identität nicht auf eine einheitliche Kultur, Sprache oder Konfession zurückführen konnte, war dieser Rückgriff auf die gemeinsame Geschichte konstitutiv. Diese Geschichtsbilder funktionieren deshalb auch nur im nationalen Rahmen. Die von Marchal beobachteten Versuche, mit dem alten Bilderarsenal eine Öffnung der Schweiz zu propagieren, müssen fast zwangsläufig scheitern - das Rütli weist eben nicht den Weg nach Europa.[1]

Marchal beschreibt und analysiert, aber er unterscheidet nicht zwischen einem "guten" Gebrauch" und einem "schlechten" Missbrauch von Geschichte, sondern er möchte die Funktionsmechanismen, die beim Gebrauch von Geschichte wirksam werden, verstehen und erläutern. Skeptisch beurteilt Marchal auch die Möglichkeiten der Geschichtswissenschaft, das Traditionsbewusstsein zu steuern. Obwohl die historische Forschung längst erwiesen hat, dass es z.B. Winkelried nicht gegeben hat, bleibt das für das Traditionsbewusstsein ohne Auswirkungen, wie Marchal selbst anlässlich des Sempachjubiläums 1986 erfahren musste. Aufgabe der Geschichtswissenschaft sei es deshalb, die Entstehung und Ausgestaltung des Traditionsbewusstseins zu erforschen. Dieser Aufgabe hat sich vor allem Marchal selbst in den letzten Jahrzehnten unterzogen und ganz entscheidend dazu beigetragen, dass das schweizerische Geschichtsbewusstsein heute als recht gut erforscht gelten kann. Diese Forschungen sind jetzt gut greifbar in dem vorliegenden Band.


Anmerkung:

[1] Nationalratspräsident Ulrich Bremi am 1. August 1991 auf dem Rütli (also anlässlich der 700-Jahrfeier der Eidgenossenschaft): "Das Rütli weist uns den Weg nach Europa" (444).

Bettina Braun