Rezension über:

Benita Berning: "Nach alltem löblichen Gebrauch". Die böhmischen Königskrönungen der Frühen Neuzeit (1526-1743) (= Stuttgarter Historische Forschungen; Bd. 6), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2008, VIII + 264 S., ISBN 978-3-412-20082-4, EUR 34,90
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Rezension von:
Alexander Begert
Dreieichgymnasium, Langen
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Alexander Begert: Rezension von: Benita Berning: "Nach alltem löblichen Gebrauch". Die böhmischen Königskrönungen der Frühen Neuzeit (1526-1743), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/06/14362.html


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Benita Berning: "Nach alltem löblichen Gebrauch"

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Längst haben Untersuchungen zur Zeremonialgeschichte ihren verdienten Platz in der Historiografie gefunden. Die symbolisch-rituellen Handlungen als "politische, öffentliche Kommunikation" sind Gradmesser und Spiegel der historischen Gegebenheiten. Wie nicht zuletzt die Forschungen von Gerd Althoff zeigen [1], können durch entsprechende Untersuchungen grundlegend neue Erkenntnisse gewonnen werden. Letzteres gelingt Benita Berning mit ihrer Arbeit über die böhmischen Königskrönungen freilich nicht. Doch es ist das Verdienst der Arbeit, Kontinuitäten und Brüche in den Abläufen der böhmischen Krönungen über einen Zeitraum von zwei Jahrhunderten darzustellen. Sie bestätigt die Erkenntnis der Forschung, dass sich rituelles Verhalten ändert, wenn sich die Machtverhältnisse ändern.

Berning handelt nach einer Einleitung zunächst die allgemeinen "Grundlagen" einer Krönung (Krönung, Insignien, Kleinodien) in Kürze ab. Im darauffolgenden Kapitel werden die spätmittelalterlichen Ursprünge der frühneuzeitlichen böhmischen Krönungen auf Basis der Forschung dargestellt, worunter in erster Linie der Krönungsordo Karls IV. fällt. Gemäß diesem wurden alle nachfolgenden Krönungen durchgeführt - auch die der Könige Georg von Poděbrad, Vladislav II. und Ludwig, die in einem Unterkapitel von Berning je nach Quellen- und Literaturlage mehr oder weniger ausführlich beschrieben werden.

Nach diesen knapp 60-seitigen Hinführungen beginnt Berning mit dem eigentlichen Thema und untersucht auf ca. 130 Seiten die frühneuzeitlichen Krönungen. Dabei geht sie im Kapitel über die Zeit der Habsburger bis zum 30jährigen Krieg zunächst auf die Besonderheit des böhmischen Wahlkönigtums ein, denn Ferdinand I. musste sich 1526 dem Votum der Stände stellen, um aber schließlich für seine Dynastie wieder ein faktisches Erbrecht etablieren zu können. Dann folgen in relativ dezidierten Detailstudien die Darstellungen vom Herrschereinzug in die Krönungsstadt (Prag) und in die Krönungskirche (Sankt-Veits-Dom), die dortigen Handlungen im Rahmen der Krönung und schließlich die Feierlichkeiten in deren Anschluss.

Das nächste Kapitel behandelt das kurze Zwischenspiel Friedrichs von der Pfalz auf dem böhmischen Thron (1619/20). Wenngleich die Kapitelüberschrift merkwürdigerweise die "Kontinuität" bezüglich der Krönung betont, kann Berning hier jedoch erarbeiten, dass aufgrund der calvinistischen Konfession Friedrichs und der neuen politischen Situation im zeremoniellen Ablauf sehr wohl Veränderungen vorgenommen wurden (Betonung des ständischen Wahlrechts).

Nach der Niederlage der Landstände und Friedrichs gegen die Habsburger, die Böhmen daraufhin in ein Erbkönigreich umwandelten, änderten sich die Abläufe erneut, die Berning im folgenden Kapitel bis zu Maria Theresia (1743) abhandelt. Die Betonung der Erblichkeit stand nun im Vordergrund (Element der Erbhuldigung vor der Krönung, die ihren rechtsstiftenden Charakter endgültig verlor). Hiermit endet der Kern der Arbeit.

Daran fügt sich noch ein exkursorisches Kapitel über die Rezeption der Krönung durch einen Prager Erzbischof des 17. Jahrhunderts an, mit dessen persönlichen Kommentaren zu den Krönungen die Autorin eine gewisse Multiperspektivität aufzeigen will. Doch so sehr man die Freude Bernings über den entsprechenden Quellenfund nachvollziehen kann, so wenig tragen die Ausführungen, etwa dass der Erzbischof zur bevorstehenden Krönung meint, er werde "redlich darbei schwitzen", zur Erhellung des Themas bei (198).

Es folgt noch ein Kapitel über die "Herrschaftsinszenierung in den bildlichen Medien", sprich Stichen, Gemälden, Münzen und Medaillen. Die Zusammenfassung der Arbeit wird auch in englischer Sprache vorgelegt. Das Werk schließt mit einem Personen- und Ortsregister. Damit ist dem Leser zwar ein wichtiges Hilfsmittel an die Hand gegeben, jedoch fehlen - außer bei den Regenten - sämtliche weiterführenden Informationen zu den Personen, deren Relevanz sich somit nicht direkt erschließt.

Neben der meist sehr breit angelegten Deskription der einzelnen Handlungen gelingen Berning durchaus gute Beobachtungen aufgrund des diachronischen Vergleichs der böhmischen Krönungen. Doch darüber hinaus kommt sie zu keinen Ergebnissen von allgemeingültigeren Dimensionen, die nicht schon von der Forschung geleistet worden wären. Hier bestätigt sie bestenfalls, was der Wissenschaft schon bekannt ist (zum Beispiel 31, 128 f., 225). Besonders deutlich wird dies in Kapitel IV.4., wo sie letztlich nur die Resultate von Gerrit Schenk über den Herrschereinzug [2] abarbeitet beziehungsweise bestätigend überprüft.

Aber es gibt weitere Kritikpunkte zur Art der Bearbeitung des Themas. In aller Regel fehlt der Autorin der Blick für den Vergleich außerhalb Böhmens (zu den wenigen Ausnahmen gehören kurze Hinweise auf die polnische und ungarische Krönungszeremonie; 103 f., 112). Selbstverständlich handelt es sich bei dem Thema eben um die diachrone Untersuchung der böhmischen Krönungen, doch speist sich der Wert einer solchen Arbeit nicht zuletzt auch aus dem Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden im synchronen Vergleich. So hätte die Feststellung der Bedeutung der Wenzelskrone als unverzichtbares Insigne, als Symbol und Namensgeber für den Länderkomplex der "Krone Böhmen" (31, 98) zumindest einen Hinweis auf die ähnliche Bedeutung der Stephanskrone in Ungarn oder aber auf die Austauschbarkeit der Reichskrone nach den Forschungen von Jürgen Petersohn [3] sinnvoll erscheinen lassen. Desgleichen etwa bei den Krönungsfeiern und den dazugehörigen Volksbelustigungen (83); auch hier hätte - wenigstens in den Fußnoten - ein kurzer Vergleich etwa mit den Frankfurter Krönungen in der Frühen Neuzeit oder zumindest ein Verweis auf die reichhaltige Literatur zu dem Thema souverän gewirkt.

Andererseits ist Berning nicht immer auf der Höhe der Forschung, auch wenn dies nur Nebenaspekte ihrer Arbeit betrifft. So werden etwa jüngere Überlegungen zu den Wandgemälden in der Wenzelskapelle des Prager Doms überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, obwohl sich die fragliche Literatur im Literaturverzeichnis findet. [4] Denn Vladislav II. propagierte hier nicht nur den Herrschaftsanspruch über Böhmen, wie Berning meint (59), sondern auch den Anspruch auf die römische Krone.

Auch hätte man sich bisweilen eine breitere Absicherung durch mehrere Literaturtitel oder Hinweise auf die Forschung gewünscht. Außerdem bleibt etwa der Bestand der Königsurkunden aus dem von Berning besuchten Prager Nationalarchiv von ihr unberücksichtigt: Sie erwähnt, dass die jüngeren böhmischen Könige ihren Verzicht auf Regierungshandlungen zu Lebzeiten des Vaters zusicherten (163), ohne dies aber mit den entsprechenden Diplomen zu belegen. Stattdessen bezieht sich Berning auf ein Dokument, das sie - wie häufiger - in der Fußnote nicht spezifiziert.

Abschließend bleibt zu sagen, dass Berning mit ihrer Dissertation das Verdienst zukommt, die böhmischen Krönungen den frühneuzeitlichen Folianten entrissen und für die Wissenschaft aufbereitet zu haben - nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Anmerkungen:

[1] Zum Beispiel: Gerd Althoff: Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003.

[2] Gerrit Jasper Schenk: Der Einzug des Herrschers, Marburg 1996.

[3] Jürgen Petersohn: "Echte" und "falsche" Insignien im deutschen Krönungsgebrauch des Mittelalters? Kritik eines Forschungsstereotyps, Stuttgart 1993.

[4] Alexander Begert: Böhmen, die böhmische Kur und das Reich vom Hochmittelalter bis zum Ende des Alten Reiches, Husum 2003.

Alexander Begert