Rezension über:

Robert Muchembled: Die Verwandlung der Lust. Eine Geschichte der abendländischen Sexualität. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer, München: DVA 2008, 383 S., ISBN 978-3-421-04212-5, EUR 24,95
Buch bei Amazon bestellen
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Gabriele Sorgo
Institut für Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Maren Lorenz
Empfohlene Zitierweise:
Gabriele Sorgo: Rezension von: Robert Muchembled: Die Verwandlung der Lust. Eine Geschichte der abendländischen Sexualität. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer, München: DVA 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/06/14214.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Robert Muchembled: Die Verwandlung der Lust

Textgröße: A A A

Der französische Kulturhistoriker Robert Muchembled hat bereits 1988 in seinem Buch "Die Erfindung des modernen Menschen" Norbert Elias' Thesen der zunehmenden Verinnerlichung von Disziplin im frühneuzeitlichen Frankreich mit großem Faktenreichtum zu belegen versucht. In der nun vorliegenden Untersuchung oder vielmehr dem Essay über die "Verwandlung der Lust", die in Frankreich unter dem Titel "L'Orgasme et l'Occident" erschienen ist, beschränkt sich der Historiker auf Befunde aus Großbritannien, Frankreich und den USA und verfolgt "die Sublimierung erotischer Triebe seit der Renaissance" (15). Sein Ziel ist es, Michel Foucaults Studien über die grundlegende Rolle der Sexualitätsdiskurse bei der Konstituierung moderner Subjektivität mit einer Geschichte der körperlichen Praktiken zu überblenden. Muchembleds Geschichte fällt jedoch aufgrund einer mechanistischen psychoanalytischen Vorstellung von Sexualität oft ins Triviale ab und lässt letztlich nur den alten Fortschrittsglauben im Gewand der Sublimierung auferstehen.

Laut Muchembled korreliert der stete Wandel der Bewertung sexuellen Handelns mit einer weitgehend kohärenten Geschichte der fortschreitenden Individualisierung. Bereits die Beichtväter suchten nach sexuellen Geheimnissen in den Herzen der Sünder, die Psychoanalyse setzte die Befragungen fort, meint er. Seine These lautet, dass es letztlich immer darum ginge, die individuelle Selbstkontrolle der Triebe zu predigen, um den Preis von Schmerzen und Qual, aber zum Wohle der Allgemeinheit. Die Reglementierung der Sexualität habe sich aus heutiger Sicht in den euroatlantischen Regionen eher positiv als destruktiv ausgewirkt. Sie habe einen Individualismus hervorgebracht, der die Lust für die Einzelnen heute verfügbarer mache als je zuvor. - Doch verfügbar für wen? - Wenn die Kontrolle des Sexuellen die Bedingung für die Individualisierung war, fällt es schwer, dieser optimistischen Einschätzung Glauben zu schenken. Wer behauptet zu wissen, was "guter Sex" ist? Dem riesigen Wirtschaftszweig der modernen Pornographie widmet der Kulturhistoriker zudem nur wenige Zeilen und interpretiert ihn zusammen mit dem Angebot an Sexspielzeugen als Beweis für individuelle Freiheiten. Immerhin stellt er beiläufig fest, dass das Geschäft über die Moral gesiegt zu haben scheint. Aber kommt nicht das Geschäft der von ihm als dominant beschriebenen Lustsuche der Konsumgesellschaften in die Quere? Muss der Sex nicht so, wie er seit dem 18. Jahrhundert nur der Fortpflanzung dienen sollte, weil alles andere den sparsamen Bürgern als Verschwendung galt, heute den Absatz heben?

Doch Muchembled untersucht den Begriff der "Sexualität" oder jenen der "Lust" nicht als kulturelles Konstrukt, sondern schreibt leider mythische Vorstellungen fort. Er spricht von "vulkanischer Gewalt" (16) und "explosiven Phänomenen" (174), um schließlich zu behaupten: "Die Frauen können dem Gott der Lust künftig ohne Angst huldigen, was ihnen in der Geschichte der Menschheit bislang nicht vergönnt war." (324). Damit erweckt er den Eindruck, dass seine Aussagen nicht kulturspezifisch zu verstehen wären, obwohl Kulturvergleiche ebenso fehlen wie Hinweise auf kulturanthropologische Forschungen, die seine Verallgemeinerungen stützen könnten. Frauen besäßen den "Schlüssel zum Quell der Freude", behauptet der Wissenschaftler, die Pille hätte die "Tür zur Sinnlichkeit weit geöffnet" (60).

Mit Feststellungen wie "In Europa hat die allgemeine Befreiung der Sexualität früher begonnen als in den USA" (305) versucht Muchembled Foucaults Thesen zur Gouvernementalität zu untergraben, bleibt jedoch die Beweise schuldig. Denn was versteht er unter der "allgemeinen Befreiung der Sexualität"? Gibt es eine essentielle, natürliche und ursprüngliche Sexualität?

Obwohl der Autor in einem einführenden Kapitel feststellt, dass die von den Individuen gefühlte Freiheit insgeheim von den unsichtbaren Kräften des Marktes gelenkt würde (61), lässt er sich dann doch zu dem Fazit hinreißen: "Die Gesetze des Marktes, das kann man nicht oft genug betonen, sind die wichtigsten Hebel der sexuellen Befreiung." Die kapitalistische Akkumulation trage sogar viel mehr zur "Normalisierung" bei als die Studien von Alfred Kinsey oder William H. Masters und Virginia Johnson (303). Welche Normen der Historiker hier meint, offenbart er jedoch nicht.

Muchembled weist nachdrücklich darauf hin, dass die Geschichte der Lust von jener des Geschlechterkampfes nicht zu trennen sei, den er rund um das Recht auf sexuelle Freuden verortet. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, meint der Historiker, mussten Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit und der vorherrschenden christlichen Frauen- und Körperverachtung 'mehr einstecken' als die Männer. Heute seien die alten patriarchalen Geschlechterrollen aber fragil geworden. Die Frauen hätten es geschafft, nach dem dunklen 19. Jahrhundert, der Epoche ihrer schlimmsten sexuellen Ausbeutung, ihre Ansprüche auf sexuelle Selbstbestimmung weitgehend durchzusetzen. Die Verhütung habe die Befreiung der Frauen ermöglicht, betont er mehrmals, leider ohne zu differenzieren. - Denn könnte sie nicht ebenso die Verpflichtung der Frauen zur steten sexuellen Verfügbarkeit gefördert haben? Diskurse sind Herrschaftsinstrumente, hat Michel Foucault erkannt. Muchembled folgt dem Diskurs von der Frauenbefreiung, ohne ihn zu hinterfragen. Doch der moderne Imperativ der Lust, den er immerhin zugibt, fügt sich nicht so einfach in eine Geschichte der zunehmenden Selbstbestimmung. Denn sowohl der untersagende wie der lobende Diskurs, so konnte Foucault darlegen, dienen der Lenkung der Untertanen. Muchembleds Ausführungen vom steten Wechsel zwischen Toleranz und Prüderie unterstützen mithin weit eher Foucaults Thesen denn seine eigenen.

Insgesamt erscheint das Werk Muchembleds auf mehreren Ebenen als misslungen. Als Essay sollte es wohl ein breites Publikum ansprechen. Die blumigen Metaphern und Allgemeinplätze machen das Buch aber für wissenschaftliche Leser/innen zu einem Ärgernis. Der feministischen Forschung wird es durch die optimistische Behauptung, die alten Geschlechterhierarchien könnten mittels sexueller Permissivität überwunden werden, nicht gerecht. Die viel zu einfache Verknüpfung der Konsumgesellschaft mit dem Streben nach Lust unterschlägt außerdem den aktuellen Forschungsstand, der die Rede von einer Konsumentensouveränität schon lange als Erfindung des Marketings entzaubert hat. Zuletzt aber muss die Hymne auf die befreiende Kraft des Marktes von seriösen Forscher/innen ebenso weiterhin in Frage gestellt werden, wie die Behauptung, dass die Gegenwart ein "Zeitalter der Lust" sei. Die Verfügbarkeit von Dildos kann weder mit "Lustgewinn ohne Ende" (304) noch mit dem Fehlen "jeglicher Schuldgefühle" (303) gleichsetzt werden, wie Muchembled schlicht behauptet.

Sein Entwurf wirkt nur dort anregend, wo er sexuelle Einschränkungen der männlichen Jugend durch die etablierten männlichen Oberschichten erwähnt, die die jungen Männer durch die weitgehenden Verbote sexueller Betätigung manipulierbar und gefügig halten wollten. Solche Thesen hätten ein neues spannendes Forschungsfeld eröffnet, auf dem sowohl Norbert Elias' als auch Sigmund Freuds Erkenntnisse mit Gewinn Anwendung gefunden hätten.

Gabriele Sorgo