Rezension über:

Shalom Eilati: Crossing the River. Aus dem Hebräischen übersetzt von Vern Lenz, Tuscaloosa, AL: University of Alabama Press 2008, 320 S., ISBN 978-0-8173-1631-0, USD 29,95
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Rezension von:
Edith Raim
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Edith Raim: Rezension von: Shalom Eilati: Crossing the River. Aus dem Hebräischen übersetzt von Vern Lenz, Tuscaloosa, AL: University of Alabama Press 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/16124.html


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Shalom Eilati: Crossing the River

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Obwohl der Holocaust bereits vielfach für völlig erforscht erklärt wurde, entdecken wir stets neue "weiße Flecken" auf unserer Landkarte des Wissens. Die am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin vergangenes Jahr abgehaltene Gettorententagung hat deutlich gemacht, wie gering unser Wissen über die osteuropäischen Gettos ist. Dies gilt auch für das Getto/KZ Kaunas/Kauen in Litauen, das neben Litzmannstadt und Riga eines der langlebigsten nazistischen Gettos war und zu dem bis heute keine größere wissenschaftliche Abhandlung veröffentlicht ist. [1] Dabei ist die Überlieferung - anders als bei den meisten anderen osteuropäischen Gettos - eigentlich sehr gut: Dokumente des Judenrats sind ebenso erhalten wie Fotografien, die der Fotograf Zwi Kadushin heimlich anfertigte. Der stellvertretende Vorsitzende des Judenrats, Leib Garfunkel, und der Sekretär des Judenrats, Abraham Tory, haben ihre Tagebücher und Erfahrungsberichte publiziert. Zahlreiche Überlebende haben ihre Memoiren vorgelegt. Außerdem existieren eingehende Ermittlungen der Ludwigsburger Zentralen Stelle sowie deutscher Staatsanwaltschaften zur Rolle der Täter.

Hinzu kommt, dass das Getto Kaunas zahlreiche Beziehungen zur deutschen oder genauer bayerischen Geschichte hat. Der SA-Brigadeführer Hans Cramer, Dachauer Bürgermeister von 1937 bis 1939, avancierte in Kaunas im August 1941 zum Chef der deutschen Zivilverwaltung, in dessen Zuständigkeit damit auch das Getto fiel. Im November 1941 wurden etwa fünftausend aus dem Reich verschleppte Juden im IX. Fort, einer zaristischen Befestigungsanlage bei Kaunas, erschossen, unter ihnen auch über eintausend Münchner Juden. Im Juli 1944 wurden nach der Liquidierung des KZ Kauen einige tausend männliche Überlebende in die umgekehrte Richtung deportiert, um in dem Dachauer Außenlagerkomplex Kaufering Zwangsarbeit zu leisten. Der Judenälteste von Kaunas, der Arzt Dr. Elchanan Elkes, liegt auf einem KZ-Friedhof im Gewerbegebiet von Landsberg am Lech begraben. In der frühen Nachkriegszeit wurden in den Displaced-Persons (DP)-Lagern in Bayern die ersten Erinnerungen an den Holocaust gesammelt, niedergeschrieben und veröffentlicht, bevor die Überlebenden in Israel und den USA ein neues Leben begannen. In München wurde mit der von 1946 bis 1948 erscheinenden jiddischsprachigen Publikation "Fun Letztn Churbn" (Von der letzten Vernichtung) die erste wissenschaftliche Zeitschrift herausgegeben, die sich ausschließlich der Holocaustgeschichtsschreibung widmete. [2]

Kaunas hatte im Juni 1941 etwa 40.000 jüdische Einwohner, von denen bei Kriegsende nur noch schätzungsweise 2.000 - zumeist verstreut an anderen Orten in Europa - am Leben waren. Der Holocaust in Litauen nahm dabei einen fundamental anderen Verlauf als etwa in Polen: Vom ersten Tag der deutschen Besatzung an fanden Massenmorde statt, sodass Ende 1941 bereits 80 Prozent aller litauischen Juden tot waren, während in Polen die Mordaktionen vor allem in die Jahre 1942 und 1943 fallen. In Kaunas selbst wurden allein im Juni und Juli 1941 zwischen 8.000 und 10.000 Menschen ermordet, sodass zum 15. August 1941 lediglich noch drei Viertel der früheren jüdischen Bevölkerung von Kaunas in den ärmlichen Vorort Vilijampolė (jiddisch Slobodka) in das Getto gezwungen werden konnten.

Insgesamt schätzt man, dass etwa 95 Prozent der litauischen Juden getötet wurden. Die Zahl der überlebenden litauischen jüdischen Kinder betrug Schätzungen zufolge um 200, wobei viele von ihnen zwangsweise zum Katholizismus bekehrt und häufig gegen nicht unbeträchtliche Geldsummen bei nicht jüdischen Familien versteckt worden waren.

Die Autobiografie eines dieser Kinder liegt jetzt auf Englisch vor. Shalom Eilati, damals Sholik Kaplan, wurde 1933 als erstes Kind der Dichterin und Krankenschwester Leah Greenstein-Kaplan und des Lehrers und Historikers Israel Kaplan geboren. Erst seit einiger Zeit berücksichtigt die Forschung auch die Erfahrungen der jugendlichen Holocaust-Überlebenden. [3] Ein Kind erinnert sich nicht zuletzt an andere Kinder - dies ist gerade hier von besonderer Bedeutung, da so vielen von ihnen kein Leben vergönnt war, so etwa dem Schulfreund Hans Haber (71), dessen Familie Ende der 30er Jahr aus Innsbruck nach Kaunas geflohen war [4], oder Eilatis Freunden Arke und Maimke, die von Kaunas mit einem Transport von 129 acht bis 14-jährigen Jungen via Kaufering nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurden.

Naturgemäß behält ein Kind weniger die Orte, Namen und Daten im Gedächtnis. Nichtsdestoweniger sind manche Erinnerungen in ihrer Reduziertheit vielleicht treffender als die mancher Erwachsener. Lakonisch schreibt Eilati in seinen Erinnerungen an die "Große Aktion" vom 28. Oktober 1941, bei der 9.200 Einwohner des Gettos von dem SS-Hauptscharführer Herbert Rauca selektiert und anschließend im IX. Fort ermordet wurden: "Achtung, halt, kaput(t) - the entire story of the ghetto in three short words." (44)

Ruth Klüger stellte fest, dass die entsetzlichen Umstände die Familien keineswegs enger zusammenrücken ließen. "Wo es mehr auszuhalten gibt, wird auch die immer prekäre Duldsamkeit für den Nächsten fadenscheiniger, und die Familienbande werden rissiger. Während eines Erdbebens zerbricht erfahrungsgemäß mehr Porzellan als sonst." [5] Dies deckt sich mit Eilatis Erfahrung: Mit einer Cousine, die sich um eine junge Nichte der Mutter kümmern sollte, diese aber während der "Großen Aktion" in der Obhut älterer Nachbarn ließ, die alle selektiert und getötet wurden, wird die Mutter nie wieder ein Wort wechseln (49). Der etwas weltfremde Vater verschwindet ebenfalls fast wortlos aus der Geschichte, da er sich - gegen den Rat der Mutter - freiwillig zu einem Appell begibt, nachdem ihm von den Funktionären im Getto zugesagt worden war, er würde nicht für einen geplanten Transport nach Riga rekrutiert werden. Er hofft, nach einer Inspektion seiner Arbeitspapiere wieder weggeschickt zu werden, stattdessen werden alle, die zum Sammelplatz gekommen waren, für den Transport zurückbehalten. Vergeblich sind die Anstrengungen der Mutter und von Angehörigen des Judenrats, ihn aus der ausgewählten Gruppe auszulösen.

Warum litauische Juden aus Kaunas im Februar 1942 (und erneut im Oktober 1942) nach Riga deportiert wurden, nachdem dort lettische Juden zu Zehntausenden im November und Dezember 1941 ermordet worden war, muss wohl das Geheimnis der deutschen Besatzer bleiben. Die Mutter wird sich für den Rest ihres kurzen Lebens vorwerfen, dass sie sich nicht genügend beim Judenrat um die Freilassung ihres Mannes bemüht hat, weil sie in der Nacht vor dem Abtransport des Vaters bei ihrem kranken Sohn bleiben musste. Der Sohn fühlt sich mitschuldig gegenüber seiner jüngeren Schwester, weil er sich nicht von ihr verabschiedet, als sie aus dem Getto geschmuggelt wird. Er wird sie nie wiedersehen.

Das Buch ist vor allem eine Hommage an Eilatis Mutter, die sich dem Untergrund anschließt und die es - auch durch Aufbringung großer Summen Geldes - schafft, für ihre beiden Kinder Verstecke zu finden. Als die Vernichtung des Gettos Wilna (September 1943) und die "Kinderaktion" im Getto/KZ Schaulen (November 1943) in Kaunas bekannt werden, wird auch hier die Liquidierung befürchtet. Im Dezember 1943 bringt die Mutter die sechseinhalbjährige Tochter Yehudith jenseits des Flusses Neris, der den Gettovorort Vilijampolė von der Stadt Kaunas trennt, bei einer litauischen Bekannten unter, nach der "Kinderaktion" vom März 1944 im Getto/KZ Kauen rettet sie auch den Sohn, der bei mehreren litauischen Familien die letzten Monate bis zur Befreiung übersteht und im August 1944 in die Ruinen des Gettos zurückkehrt. Dem Sohn schenkt die Mutter zweimal das Leben: Einmal bei seiner Geburt und ein zweites Mal, als sie ihn von sich wegschickt mit der strengen Auflage, sich auf seinem Weg aus dem Getto nicht umzudrehen, um keinen Verdacht zu erregen. Die jüngere Tochter Yehudith dagegen wird von ihrer "Gastfamilie" noch im Sommer 1944 den deutschen Behörden ausgeliefert, die Mutter stirbt kurz vor der Befreiung bei einem Fluchtversuch aus dem Getto/KZ. Sholik Kaplan erfährt in der frühen Nachkriegszeit durch einen Brief seines Vaters, dass dieser in München lebt und reist über Wilna, Minsk, Brest-Litowsk, Warschau, Lodz, Posen, Stettin und Berlin nach Nürnberg, wo ihn der Vater abholt. In München wohnen sie in der Borstei - ausgerechnet an der Straße, die nach Dachau führt, wie der Sohn bemerkt (251).

Das Buch erzählt von dem großen Schmerz, der die überlebenden Familienangehörigen peinigt. Der Sohn wirft dem Vater vor, die Mutter grundlos mit zwei kleinen Kindern alleingelassen zu haben. Der Vater leidet daran, dass er Ehefrau und Tochter nicht vor der Vernichtung bewahren konnte und wird bis an sein Lebensende nicht über ihren Tod sprechen, ja selbst ihren Namen im Totengebet nicht erwähnen können. Den Sohn quält, dass sein Vater ihn nicht nach seinem Schicksal fragt: "What happened to me, to me and no one else, what I had lived through and was hurt by, what frightened me and grieved me, how I worried and feared - he never discovered that, because he never asked." (254) Dabei befragt der Vater, ein Pionier der Holocausthistoriografie und Herausgeber der Zeitschrift "Fun Letztn Churbn", so viele andere, als er im DP-Lager, der Münchner Flakkaserne, Zeugnisse der Überlebenden der Gettos und KZ sammelt und auf jiddisch veröffentlicht. (Die Dokumente sollten später einen ersten wesentlichen Bestandteil des Archivs von Yad Vashem bilden). So schreibt der Sohn seine Geschichte für die Mutter, die nicht überlebte, den Vater, der nie fragte, aber auch für seine eigenen Kinder und nicht zuletzt für eine interessierte Nachwelt (261).

Franz Kafka hat 1904 in einem Brief an seinen Freund Oscar Pollak formuliert: "Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Ja, das hier ist so ein Buch. Und ja, hier gilt: "Aufbewahren für alle Zeit".


Anmerkungen:

[1] Die immer noch beste knappe Darstellung bietet Christoph Dieckmann: Das Getto und das Konzentrationslager in Kaunas, 1941-1944, in: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, hg. von Ulrich Herbert / Karin Orth / Christoph Dieckmann, Göttingen 1998, Bd. 1, 438-471. Einen guten Eindruck von der Fülle schriftlicher und bildlicher Zeugnisse des Gettos gibt der Ausstellungsband Hidden History of the Kovno Ghetto, Washington D.C. 1997.

[2] Vgl. Laura Jockusch: Jüdische Geschichtsforschung im Lande Amaleks. Jüdische historische Kommissionen in Deutschland 1945-1949, in: Zwischen Erinnerung und Neubeginn. Zur deutsch-jüdischen Geschichte nach 1945. hg. von Susanne Schönborn, München 2006, 20-41.

[3] Vgl. Feliks Tych u.a. (Hg.): Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944-1948, Berlin 2008; auch Boaz Cohen: The Children's Voice: Post-War Collection of Testimonies from Children Survivors of the Holocaust, in: Holocaust and Genocide Studies, Spring 2007, 74-95.

[4] Der einzige Überlebende der vierköpfigen Familie war der ältere Bruder Ernst David Haber. Vgl. David Ben-Dor: Die schwarze Mütze. Geschichte eines Mitschuldigen. Leipzig 2000.

[5] Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend. Göttingen 1992, 55.

Edith Raim