Rezension über:

Martin Sonnabend: Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2009, 174 S., ISBN 978-3-86568-272-7, EUR 29,95
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Rezension von:
Christine Demele
Jena
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
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Kommentar von Martin Sonnabend mit einer Replik von Christine Demele

Empfohlene Zitierweise:
Christine Demele: Rezension von: Martin Sonnabend: Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/15965.html


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Martin Sonnabend: Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen

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Eine Ausstellung, die dem Besucher Michelangelo-Zeichnungen verspricht, birgt fast zwangsläufig Konfliktpotential, liegen doch die Meinungen der Kenner und die Urteile der Forscher selten so weit auseinander wie in der mit den Zeichnungen dieses Namens verknüpften Frage der Authentizität. Das gilt auch für die Ausstellung, die derzeit im Städel unter dem Titel "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen" zu sehen ist. Unter den Exponaten sind zwei mit Sicherheit von Michelangelos Hand beschriftete und zwölf angeblich von derselben Hand bezeichnete Blätter. Zwar stellt Martin Sonnabend, Kurator der Ausstellung, in seinem Katalog eine unvoreingenommene und plausible Herangehensweise an die Zuschreibungsfragen in Aussicht. Doch aktuelle Forschungsergebnisse wie Andreas Schumachers Monografie über "Michelangelos Teste divine" (2007) werden nicht ausreichend berücksichtigt, andere wie die vier Aufsätze zu Antonio Mini von dem ebenfalls in Frankfurt wohnhaften Michelangelo-Spezialisten Alexander Perrig - der jüngste stammt von 2008, die vorherigen von 1993, 1982 und 1979 - wurden in toto ignoriert.

Perrigs Publikationen zufolge kann nur ein einziges Exponat, und zwar das Archivio Buonarroti-Blatt Inv.XIII, 145 (Kat. 6) beanspruchen, von Michelangelo selbst und einem Schüler bezeichnet zu sein. Allerdings sind die den Anteil Michelangelos bildenden Umrisszeichnungen einer weiblichen Profilbüste, eines männlichen Profilkopfs, einer die "Feige" machenden Hand (Michelangelos Linke!) und einer Jakobsmuschel (der obersten) nicht "um 1528-30" entstanden, wie der Katalog behauptet. Sie wurden vielmehr, wie Perrig nachgewiesen hat, von dem schätzungsweise 10-12-jährigen Michelangelo geschaffen und fungierten in der Folge als die ersten Muster, anhand derer Antonio Mini (1506-33/4), allem Anschein nach der einzige wirkliche Schüler des Künstlers, das Konturieren mit Feder und Tinte zu erlernen begann. Für den reifen Michelangelo war dieses Blatt ein kostbares Dokument, das ihn sowohl an seine eigenen, autodidaktischen Anfänge als auch an die ersten Versuche seines geliebten Schülers erinnerte. Nicht von ungefähr wurde die leer gebliebene Rückseite nach Antonios Weggang aus Florenz (November 1531) mit einem Gedichtentwurf beschriftet, der nichts als Trauer über den vorzeitigen, mysteriösen Tod des Schülers auszudrücken scheint.

Von Mini stammen nicht nur die Konturierübungen auf dem Archivio-Blatt. Von ihm sind wohl auch mindestens vier weitere im Städel ausgestellte Blätter bezeichnet (Kat.3, 4, 5, 7verso, vermutlich auch Kat.12 und 14). Diese Zeichnungen, die sich durch Strichbild, additive Figurenkonstruktion, anatomische Defekte (u.a. schielende Augen), proportionale Unstimmigkeiten und die systemlose Verstreuung über die Blattseiten als Lehrlingsprodukte ausweisen, werden von Sonnabend teils en bloc, teils in Einzelportionen ("Michelangelo und Schüler") zu Werken des ca. 50-jährigen Virtuosen erklärt.

Sonnabend geht an "die Frage, wie man eine Zu- oder Abschreibung erarbeiten kann" laut Einleitung (vgl. den Abschnitt "Zuschreibung") mit Argumenten der Überlieferung, Provenienz, Wasserzeichen, autografer Beschriftungen und motivischer Zusammenhänge heran. Das rein Zeichnerische und dessen spezifische Eigenschaften bleiben dabei auf der Strecke. Aber, wie Sonnabend bereits selbst einschränkt, sagt die Herkunft oder das Wasserzeichen eines Blattes denn etwas über die Autorschaft des darauf Gezeichneten aus? Bürgt die Autorschaftsangabe eines Sammlers des 16., 17. oder 18. Jahrhunderts, bürgt die "Tradition" einer Zuschreibung etwa für deren Richtigkeit? Dass die Provenienzen der "Michelangelo"-Zeichnungen teilweise auf falschen Angaben beruhen, wurde bereits nachgewiesen (Perrig 1999). Und eine autografe Beschriftung wie Michelangelos Aufforderung "Zeichne, Antonio, zeichne Antonio, zeichne und verlier keine Zeit" (Kat.3) bezieht sich zum Beispiel auf Zeichnungen von Antonio Mini. Der zeichnerische Individualstil drückt sich auch nicht in dem Was, sondern in dem Wie gezeichnet wird aus. Denn im "Strichbild" schlagen sich die Bewegungen des Zeichenprozesses unmittelbar nieder, hier manifestiert sich auch das zeichnerische Tempo, gibt sich der Lehrling durch seine Anfängermerkmale zu erkennen und verraten sich Kopien. Dass all dies bis zu einem gewissen Grad lesbar und rekonstruierbar ist, beweist Perrigs schon in den 70er-Jahren entwickelte wissenschaftliche Methode der Strichbildanalyse. Zeichnungen werden dabei als individuell geprägte Systeme von Bewegungsspuren aufgefasst und die konkreten Erscheinungsweisen, Funktionen und Interaktionsformen von Konturstrich- und Schraffenverbänden innerhalb konkreter Strichbilder exakt beschrieben und ausgewertet. "Die Strichbildanalyse macht deutlich nachvollziehbar, ob ein Anfänger oder ein Könner, ein Schüler oder ein Meister, ein Dilettant oder ein Begabter am Werk war, und sie enthüllt, ob uns eine Kopie oder aber ein Original vorliegt." (Schumacher 2007, 278). Doch Sonnabend beruft sich stattdessen auf die sogenannte "Kennerschaft", mittels der die "Qualität" einer Zeichnung bestimmt werden soll, die wiederum "das entscheidende Kriterium" für deren Zuschreibung sei.

Insgesamt präsentiert die Ausstellung größtenteils die überholten Dogmen und wirkt daher wie ein Versuch, bereits abgeschriebene Zeichnungen wieder aufzuwerten. Insofern ist Frank Zöllner beizupflichten, dass die hier an den Tag gelegte Zuschreibungspolitik den Interessen des Hauptleihgebers, des British Museum in London, entgegenkommt (FAZ, 7.3.09). Man hätte in Frankfurt wohl besser daran getan, wenn man sich auf die Experten vor Ort gestützt hätte. Es hätte sich dann auch erübrigt, die schon oft kolportierte, obwohl bereits von ihrem Erfinder Giorgio Vasari desavouierte Mär von Antonio Minis Talentlosigkeit erneut vorzubringen. Doch zuletzt löst sich die unterstellte Unfähigkeit Minis insofern auf, als seine Zeichnungen für Werke Michelangelos gehalten werden.

Literatur:

Perrig 1979: Alexander Perrig: Authenticity Problems with Michelangelo. The Drawings on the Louvre Sheet No. 685, in: Authentication in the Visual Arts. A Multi-disciplinary Symposium, hg. von Hans Ludwig C. Jaffé, Jan Storm van Leeuwen, L.H. van der Tweel, Amsterdam 1979, 27-56.

Perrig 1982: Alexander Perrig: "Das Münchner Blatt mit der Kopie nach Masaccios 'Zinsgroschen'-Fresko und die Methoden der Michelangelo-Forschung, in: Kritische Berichte X (1982), Heft 3, 3-35.

Perrig 1993: Alexander Perrig: Zeichne, Antonio, zeichne, in: Antiquitäten-Zeitung 21 (1993), Nr. 19, 569-571.

Perrig 1999: Alexander Perrig: Räuber, Profiteure, 'Michelangelos' und die Kunst der Provenienzen-Erfindung, in: Städel-Jahrbuch 17 (1999 [2000]), 209-286.

Perrig 2008: Alexander Perrig: Spuren auf einem Papier oder: Die Trauer eines unzulänglichen Lehrers, in: Fragmente einer Kunst des Lebens. Kunst- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu Biografie, den Künsten und Medien, hg. von Linda Hentschel, Anja Herrmann und Carola Muysers, Freiburg 2008, 198-249.

Schumacher 2007: Andreas Schumacher: Michelangelos Teste Divine. Idealbildnisse als Exempla der Zeichenkunst, Münster 2007.

Christine Demele