Rezension über:

Paul Veyne: Als unsere Welt christlich wurde. Aufstieg einer Sekte zur Weltmacht. Aus dem Französischen von Matthias Grässlin, München: C.H.Beck 2008, 223 S., ISBN 978-3-406-57064-3, EUR 19,90
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Rezension von:
Johannes Wienand
Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Wienand: Rezension von: Paul Veyne: Als unsere Welt christlich wurde. Aufstieg einer Sekte zur Weltmacht. Aus dem Französischen von Matthias Grässlin, München: C.H.Beck 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/15244.html


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Paul Veyne: Als unsere Welt christlich wurde

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Paul Veyne - grand homme der französischen Althistorie - hat einen eigenwilligen Essay über die Christianisierung des römischen Reiches im vierten Jahrhundert vorgelegt (franz. Quand notre monde est devenu chrétien, 2007). Das Buch hat einen expliziten Adressaten: Die strukturalistischen Kritiker Veynes. Dass die Argumentation damit eine anachronistische Stoßrichtung aufweist, vermerkt der Autor selbst: Er antworte "mit dreißig Jahren Verspätung auf Einwände, die man mir damals machte" (194 Anm. 36). Die Feststellung, "dass man nicht alles in der Geschichte durch gesellschaftliche Verhältnisse erklären kann" (39), bildet den Basso continuo der Monografie. Seinen Opponenten der siebziger Jahre hält Veyne das Argument historischer Kontingenz entgegen; die Christianisierung dient ihm hierzu als eine Art Fallbeispiel. Um die Kernaussage prägnant formulieren zu können, reduziert er die vielschichtigen sozialen, kulturellen und politischen Prozesse der Christianisierung auf drei Schlüsselereignisse: auf die Bekehrung Konstantins im Jahr 312, auf die Kaiserproklamationen Jovians und Valentinians I. im Jahr 363 bzw. 364 sowie auf die Schlacht am Frigidus im Jahr 394. In Veynes Lesart zeigen diese indeterminierten Ereignisse die historische Wirkmacht kontingenter Faktoren: Eine andere persönliche Entscheidung Konstantins, die Wahl eines anderen Kandidaten zum Kaiser, ein anderer Ausgang der Schlacht, und "das Christentum wäre [...] in der Versenkung verschwunden" (104).

Der Text fokussiert fast vollständig auf die Rolle Konstantins. Veynes Konstantin jedoch ist eine interpretative Maßanfertigung, die mit einer frappierenden methodischen Bedenkenlosigkeit auf das antistrukturalistische Argumentationsziel hin zugeschnitten ist. In die aktuelle Forschung lässt sich das resultierende Konstantinbild nur mit hohen Reibungsverlusten einpassen. Jüngere Forschungsansätze und Erkenntnisse werden von Veyne weitgehend ignoriert, die neuere Literatur wird nur äußerst selektiv zur Kenntnis genommen. Ein behutsameres Vorgehen und eine kompromissbereitere Interpretation wären Veynes Anliegen durchaus entgegengekommen - insbesondere, da er das methodische Fundament seiner Arbeit längst in zahlreichen Texten umfassend und detailliert dargelegt hat und da keine Notwendigkeit besteht, das erreichte Niveau der wissenschaftstheoretischen Diskussion durch eine nachlässige Durchführung der historischen Fallstudie zu gefährden.

Um für eine höchstmögliche Offenheit der historischen Entwicklung argumentieren zu können, bemüht sich Veyne, die Entstehung des christlichen Kaisertums vollständig auf die Frage einer punktuellen Bekehrung zu reduzieren. Dabei begnügt er sich damit, zwischen einem prä-Bekehrungs-Konstantin und einem post-Bekehrungs-Konstantin zu differenzieren, und zeichnet so ein noch schematischeres Bild der konstantinischen Wende als Eusebius, der in seiner Vita Constantini den Kaiser erst durch christliche Unterweisungen in die Rolle eines christlichen Kaisers hineinwachsen sieht (z.B. VC 1.32): "Mit seiner Bekehrung", so Veyne, "wurde Konstantin ein hundertprozentiger Christ" (195 Anm. 1), vertrat ein "hundertprozentig rechtgläubiges Christentum" (55) und "hatte sofort den absoluten Wahrheitsanspruch der Kirche verinnerlicht" (86). Dies bedeute, dass Konstantin unmittelbar das Heidentum beseitigt, die Götzenverehrung ausgerottet und Gladiatorenkämpfe und Schauspiele verboten hätte (vgl. 18f., 21f., 85, 88, 95, 97), hätte ihn nicht sein "Pragmatismus" angesichts drohenden heidnischen Widerstandes von diesen Schritten abgehalten (18f. u.ö.). Die vordergründig zurückgewiesenen sozialen, kulturellen und politischen Strukturelemente der Entwicklung schleichen sich in Form dieser "Widerstände" durch die argumentative Hintertür wieder in Veynes Deutung der Geschehnisse ein, ohne dass der Autor die Notwendigkeit sieht, die Entstehung der christlichen Monarchie analytisch im Spannungsfeld dieses Ringens um Deutungshoheit zu verorten.

Denn anders als von Veyne dargestellt, war das Konzept eines christlichen Kaisers im Jahr 312 unterdeterminiert (als erster christlicher Kaiser konnte Konstantin eben nicht auf ein Modell eines christlichen Kaisers zurückgreifen) und musste sich in zähen und langwierigen Aushandlungsprozessen überhaupt erst ausbilden. Dabei war das christliche Kaisertum durchaus nicht nur für Heiden anstößig. Dass Konstantin für die Legitimierung römischer Herrschaft eine Religion nutzbar machte, deren politische und eschatologische Konturen drei Jahrhunderte lang in einem konflikthaften Verhältnis zum römischen Staat geformt worden waren, führte zu gravierenden Friktionen. Diese Kehrtwende hat selbst Christen verstört. Zugleich wurden auch die von Veyne negierten Strukturähnlichkeiten und Kontinuitäten zwischen dem religiös überhöhten Kaisertum tetrarchischer Couleur und der christlich gefärbten Herrscherkonzeption Konstantins von den christlichen Autoren der nachkonstantinischen Zeit fast durchgehend als problematisch erachtet.

In seinem Bemühen, die zweifellos vorhandenen Differenzen zwischen heidnischer Religion und Christentum herauszuarbeiten, versäumt Veyne somit nachzuweisen, dass der radikale Antagonismus, den er zwischen dem heidnischen Kult und der "Religion der Liebe" ausmacht, auf der Ebene konstantinischer Herrschaftspraxis überhaupt zu finden ist. Indem Veyne das "Heidentum" als Kultpraxis im frühkaiserzeitlichen Stil darstellt und die gewandelten Prämissen der Verflechtung von Religion und Herrschaft speziell in tetrarchischer Zeit vollständig übergeht, verliert er streckenweise die empirische Bodenhaftung. Gerade in konstantinischer Zeit stellte die Religion für die Ausgestaltung monarchischer Herrschaft ein eigengesetzliches Kommunikations- und Interaktionsfeld mit einem wesentlich diffizileren Wechselverhältnis heidnischer und christlicher Einflüsse dar als von Veyne konzediert. Die Auffassung, dass "die Beziehung eines heidnischen Kaisers zu dem Reichsgott Sol invictus [...] keinerlei Ähnlichkeit mit der Gottesbeziehung eines christlichen Kaisers" (137) gehabt habe, übersieht also bedeutende Kontinuitätslinien zwischen der Tetrarchie und der konstantinischen Herrschaft sowie Entwicklungsstränge, die über die conversio hinweg verlaufen.

Zentrale Zeugnisse zur Christianisierung der konstantinischen Herrschaft lassen sich nicht sinnvoll in Veynes Interpretation integrieren. Anstatt sich aber vom vielbeschworenen Veto der Quellen irritieren zu lassen, erklärt Veyne die entsprechende Überlieferung kurzerhand für irrelevant (z.B. den Konstantinsbogen: 204 Anm. 10; die gesamte konstantinische Münzprägung: 195 Anm. 1, 206 Anm. 6). Stattdessen konzentriert sich Veyne fast ausschließlich auf Edikte und Briefe an christliche Adressaten. Dass sich Dokumente dieser Art zur Introspektion eignen - wie Veyne annimmt (54f.) -, wurde jedoch längst mit guten Gründen problematisiert. Vermeidbar gewesen wären zudem diverse inhaltliche Fehler. So meint Veyne fälschlicherweise, Konstantin habe die Herrschaft über Italien zugestanden und Maxentius habe gegen Konstantin usurpiert (14). Ferner berichtet Veyne selbst über die Einrichtung des Kaiserkulttempels in Hispellum, um auf der nächsten Seite zu behaupten, Konstantin habe "keinen einzigen Tempel errichten lassen" (22f.). Schließlich verschwindet Sol invictus bei Veyne bereits 322 von der konstantinischen Münzprägung (207 Anm. 6); tatsächlich aber erscheint der göttliche comes des Kaisers selbst nach dem Sieg über Licinius noch auf einem Goldmedaillon aus Antiochia (RIC 49). Dem Lektorat ist anzulasten, dass das Christogramm zunächst konsequent auf den "Schildern der Soldaten" angebracht war, bevor es ab S. 62 endlich auf deren "Schilden" erscheint. Der Übersetzer wiederum ließ die Schlacht an der Milvischen Brücke "in den Vorstädten Roms" (14) (les faubourg de Rome) stattfinden, als habe es sich um einen Straßen- und Häuserkampf gehandelt.

Veyne konzentriert sich primär auf sein wissenschaftstheoretisches Argumentationsziel und lässt sich nur bedingt auf die Eigenlogik der historischen Entwicklung ein. Im heterogenen Feld römischer Herrschaftspraxis hat sich im vierten Jahrhundert in der Tat eine beachtliche "Wende" vollzogen, zu der noch immer genügend ungeklärte Fragen bestehen - etwa zur Auswirkung der Christianisierung auf die Stabilität der römischen Herrschaft, zur Verschiebung der Macht- und Herrschaftsdiskurse oder zum Wandel des Zeremoniells und der imperialen Repräsentation. Veynes Buch trägt hier jedoch kaum zur Klärung bei.

Johannes Wienand