Rezension über:

Gerald Stourzh: From Vienna to Chicago and Back. Essays on Intellectual History and Political Thought in Europe and America. With Forewords by Bernard Bailyn and John W. Boyer, Chicago: University of Chicago Press 2007, xiv + 396 S., ISBN 978-0-226-77636-1, USD 45,00
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Rezension von:
Winfried Schulze
Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Winfried Schulze: Rezension von: Gerald Stourzh: From Vienna to Chicago and Back. Essays on Intellectual History and Political Thought in Europe and America. With Forewords by Bernard Bailyn and John W. Boyer, Chicago: University of Chicago Press 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/14890.html


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Gerald Stourzh: From Vienna to Chicago and Back

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Dass bedeutende Gelehrte nach dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn noch einmal wichtige Aufsätze erneut publizieren und damit einen Gesamtblick auf ihr Lebenswerk erlauben, ist kein ganz neues Phänomen in der Welt wissenschaftlichen Publizierens. Dass aber eine solche Auswahl von Aufsätzen mit einem autobiografischen Rückblick verbunden wird, der mehr ist als nur eine bloße chronologische Einordnung der publizierten Aufsätze, das ist durchaus ungewöhnlich, und diese Tatsache hebt die vorliegende Aufsatzsammlung aus der Reihe vergleichbarer Publikationen deutlich heraus. Auch die Tatsache, dass die renommierte Chicago University Press diesen Band publiziert und dass so bekannte amerikanische Historiker wie Bernard Bailyn und John W. Boyer diesem Band mehr als freundliche Vorworte vorausgeschickt haben, hebt ihn aus der üblichen Publikationsstrategie heraus. Was den Band aber über die wissenschaftliche Relevanz der erneut publizierten Beiträge hinaus vor allen Dingen auch wissenschaftsgeschichtlich interessant macht, ist der neu verfasste Beitrag "Traces of an intellectual journey". Er umfasst 25 Seiten und bietet natürlich zunächst wichtige Informationen über den Autor und die verschiedenen Anregungen, die ihn in diesen Jahren geprägt haben. Darüber hinaus aber ermöglicht er einen vorzüglichen Einblick in die intellektuelle Beziehungsgeschichte zwischen Mitteleuropa und den Vereinigten Staaten in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Gerade angesichts der Tatsache, dass viele, später bedeutende Historiker und Politikwissenschaftler der Bundesrepublik und Österreichs in den 50er Jahren prägende Eindrücke aus den Vereinigten Staaten mitgebracht haben, bietet dieser Essay viele Anregungen für eine generationelle Erfahrungsgeschichte. [1]

John Boyer betont in seinem Vorwort zu Recht die außerordentliche Wirkung, die die Ausbildung von Gerald Stourzh in Chicago auf seine weitere Entwicklung gehabt hat und die ihn zu einem der bedeutendsten Verfassungs-, Rechts- und Ideenhistoriker im mitteleuropäischen Raum werden ließen. Schon auf den ersten Blick muss die enorme Spannweite seiner Arbeiten überraschen, denn Stourzh hat sich auf mindestens vier ganz unterschiedlichen Forschungsfeldern einen Namen gemacht: Es ist zunächst einmal die amerikanische Geschichte, zu der er mit seinen Arbeiten über Benjamin Franklin und Alexander Hamilton wichtige, auch im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb hoch geschätzte Bücher zur Geschichte der frühen Republik beigesteuert hat. Daneben steht das Thema der österreichischen Verfassungs- und Nationalitätenpolitik seit 1848, vor allen Dingen nach dem Ausgleich von 1867 als zweites gewichtiges Feld, aus dem auch in dem vorliegenden Sammelband einige Studien abgedruckt sind. Als drittes eigenständiges Feld lässt sich die europäische politische Ideengeschichte nennen, zu der vor allen Dingen seine wichtigen Studien zur vergleichenden Grundrechtsgeschichte und zur politischen Begriffsgeschichte gehören, und schließlich muss als im österreichischen Kontext herausragendes Werk seine Beschäftigung mit der Geschichte des österreichischen Staatsvertrags von 1955 gelten, ein Werk, das inzwischen in einer erheblich erweiterten fünften Auflage vorliegt und als unbedingtes Standardwerk zu diesem Thema angesehen wird. [2] Nur der, der aus Erfahrung weiß, welche enormen zeitraubenden archivalischen Vorarbeiten für jedes dieser genannten Themen aus verschiedenen Kontinenten erforderlich sind, wird die außergewöhnliche Spannweite dieser Arbeiten richtig einschätzen können.

Der junge Mann, der sich im Oktober 1951 auf die Reise nach Chicago machte, war bereits in Wien, gerade einmal 22 Jahre alt, von Heinrich Benedikt und Hugo Hantsch mit einer Arbeit zur österreichischen Geschichte im späten 19. Jahrhundert promoviert worden. Er verfügte über ein tiefes Interesse an politischen Grundsatzfragen, als Schüler hatte er bereits eine republikanische Verfassung aus der europäischen Verfassungstradition heraus entworfen. Nicht nur sein politisch und wissenschaftlich interessiertes, eindeutig antinationalsozialistisch geprägtes Elternhaus (sein Vater brandmarkte bereits 1934 den Nationalsozialismus als "geistiges Barbarentum" und "Nationalbestialismus") hatte ihn in diese Richtung gelenkt [3], sondern auch die außergewöhnlichen Zeitumstände, die ihm die Bedeutung politischer Entscheidungen und politischer Diskurse deutlich vor Augen geführt hatten. Der Grund für den Studienaufenthalt gerade in Chicago war eine glückliche Bekanntschaft mit dem Politologen Hans J. Morgenthau, der im Frühjahr 1951 in Wien gewesen war, um für das amerikanische Außenministerium einen Bericht über Österreich zu schreiben. Zugleich aber hatte er in Wien drei Stipendien für Chicago angeboten, und Stourzh gehörte zu den glücklichen Auserwählten, die die Reise antreten durften. Nicht ohne Selbstbewusstsein sah sich der junge Mann, der Friedrich Meinecke, Max Weber, Josef Redlich, Reinhold Niebuhr, Herbert Butterfield und Hans J. Morgenthau gründlich gelesen hatte, bestens vorbereitet für den Kontakt mit Chicago, zudem hatte er sein Studium in Wien schon für Auslandssemester in England und Frankreich unterbrochen. Seine "westliche Orientierung" stand damit prinzipiell schon fest, jetzt sollte die amerikanische Erfahrung hinzukommen.

In Chicago erwies sich die damalige personelle Mischung aus amerikanischen und emigrierten europäischen Kollegen als außerordentlich anregend für den jungen research asscociate, der sich bald auf die Gründungsgeschichte der amerikanischen Republik konzentrierte und damit das Fundament für seine lebenslange Beschäftigung mit diesem Thema legte. Vor allem William T. Hutchinson, Friedrich von Hayek, Leo Strauss u.a. erwiesen sich als anregende akademische Lehrer und Diskussionspartner, später gewann er die Freundschaft von Felix Gilbert und weiteren renommierten emigrierten Historikern. Es erstaunt deshalb nicht, dass Stourzh Jahre später (1965) als einer der ersten Historiker das Thema der Emigration deutschsprachiger Politologen und Historiker in die USA aufgriff, denn schon 1958 hatte er mit von Hayek eine entsprechende Dokumentation vorbereitet.

Bei seiner Rückkehr nach Wien im Jahr 1958 verfügte Stourzh nicht nur über ein in den USA publiziertes Buch (Benjamin Franklin and American Foreign Policy, 1954), sondern auch eine weit fortgeschrittene Studie über Alexander Hamiltons politisches Denken, die er freilich erst später (1970) abschließen konnte. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Organisator einer neuen Gesellschaft und Zeitschrift für österreichische Außenpolitik, als Mitarbeiter im österreichischen Außenministerium und seiner Habilitation an der Universität Wien (mit dem Franklin-Buch) wurde er 1964 auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl für Amerikanische Geschichte an der FU Berlin berufen, den er aber nur fünf Jahre innehatte, denn er nahm schließlich einen Ruf an die Universität Wien an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1997 lehrte.

Schilderte man nur den äußeren Ablauf seiner Karriere, träfe man nicht den eigentlichen Kern dieses Stücks intellektueller Autobiografie. Einprägsam sind nicht nur die Namen bedeutender Kollegen, mit denen er in Austausch trat, sondern auch die klare Analyse intellektueller Einflüsse, die sein Werk an verschiedenen Wegpunkten geprägt haben. Selten lassen sich die vielfältigen Anregungen zu Wendungen und Neuorientierungen der Interessen eines Geisteswissenschaftlers so schlüssig nachvollziehen wie in diesem Text. Und schließlich finden sich auch immer wieder Hinweise auf die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem mitteleuropäischen Universitätssystem, auf die Einschätzung intellektueller Trends und Moden und nicht zuletzt findet sich auch ein Stück Selbstkritik, wenn er seine Publikationsstrategie der vergangenen Jahrzehnte überprüft.

Es ist der unbestreitbare Vorteil der eigentlichen Aufsatzsammlung, dass sie einen sehr guten Einblick in die unterschiedlichen Arbeitsgebiete von Stourzh bietet. In einem ersten Teil ("Anglo-American History") findet sich ein früher Aufsatz über Benjamin Franklins politisches Denken, eine ebenso frühe Beschäftigung mit Charles A. Beards Interpretation der amerikanischen Außenpolitik sowie ein Beitrag über den englischen Verfassungsjuristen William Blackstone und seine Bedeutung für die Revolution der amerikanischen Kolonien. Ein hier ebenfalls abgedruckter Aufsatz über die Begriffsgeschichte von "constitution" (1988) verweist auf das zentrale Interesse des Verfassers an den politisch-rechtlichen Zentralbegriffen der westlichen Welt, um die er sich seit vielen Jahren bemüht.

Der zweite Teil des Buches ist der österreichischen Geschichte selbst gewidmet und zwar ebenso der Geschichte der alten Monarchie wie der der Republik. Er beginnt mit einem reflektierenden Aufsatz über die späte Monarchie (1992) und versammelt dann vier Beiträge zur Nationalitätenfrage im österreichischen Vielvölkerstaat. Den Abschluss bilden ein spannender Beitrag über den Kontext der Konversionen von Gustav Mahler und Karl Kraus zum Christentum im Wien der Fin de Siècle-Zeit und ein 1988 entstandener Beitrag über die Ursprünge der österreichischen Neutralität. Damit ist das weite Feld seiner österreichischen Interessen einigermaßen abgedeckt, auch wenn sich der Rezensent an Berliner Lehrveranstaltungen der 60er Jahre erinnert, die noch weiter in die österreichische Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts hineinreichten.

Der dritte Teil ist überschrieben - hier hat natürlich J.G.A. Pocock Pate gestanden, den er auch seit Langem kennt - "The Tocquevillian Moment: From Hierarchical Status to Equal Rights". Man weiß inzwischen, welche Bedeutung Tocquevilles Buch "L'Ancien Régime et la Révolution" für eine strukturgeschichtliche Analyse des weiten Übergangs von der ständischen zur modernen bürgerlichen Gesellschaft gehabt hat. Genau diese Perspektive nutzt Stourzh jetzt programmatisch als Analysemöglichkeit der unterschiedlichen Verlaufsformen und Begrifflichkeiten auf dem Weg von den hierarchischen zu den liberalen Gesellschaften, die die Geschichte aller westlichen Staaten bestimmt haben. Diese Beiträge sind in den letzten 10 Jahren entstanden und man hat bei ihrer Lektüre den Eindruck, als habe der Verfasser mit dieser Zentralperspektive jetzt erst den endgültigen Blick gewonnen, unter den sich seine vielfältigen Studien zu rechts- und begriffsgeschichtlichen Problemen der letzten Jahrzehnte bündeln lassen. Ein Beitrag aus dem Jahre 1961 - eine Interpretation von Camus "La chute" - schließt den Band als Kapitel IV ("On the Human Condition") ab.

Selten lässt sich ein schlichter Sammelband mit dem ausgewählten Abdruck älterer Arbeiten - die nur an wenigen Stellen ganz vorsichtig korrigiert wurden, ansonsten im Original belassen wurden - so vielfältig nutzen: Als exemplarischer Einblick in das Werk eines bedeutenden Historikers mit klaren methodischen Prinzipien, als Dokument einer unbestechlichen Liberalität und schließlich als Möglichkeit, die Nachkriegszeit als spezifische intellektuelle Epoche vorgeführt zu bekommen, die Österreich und Deutschland mit dem "westlichen" Denken zusammengeführt haben, ein Projekt, das der Verfasser intensiv betrieben hat. Und schließlich mag man am Ende der Lektüre wirklich überzeugt sein von der "verjüngenden Kraft des Schreibens", wenn der in diesem Jahr 80 Jahre alt werdende Verfasser auf sein "unfinished business" verweist. Wohl wissend, dass es für Historiker kein "finished business" geben kann, möchte man es ihm gleichwohl wünschen.


Anmerkungen:

[1] Inzwischen ist der einleitende autobiografische Essay zusammen mit zwei weiteren Texten (u.a. der Wiener Abschlussvorlesung "Menschenrechte und Genozid") auch in deutscher Übersetzung und mit kleinen Ergänzungen im Anmerkungsapparat erschienen: Gerald Stourzh: Spuren einer intellektuellen Reise. Drei Essays, Wien 2009.

[2] Gerald Stourzh: Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945-1949, 5. Aufl., Wien / Köln 2005.

[3] Gerald Stourzh (Hg.): Herbert Stourzh - Gegen den Strom, Wien 2008.

Winfried Schulze