Rezension über:

Egon Boshof: Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne, Stuttgart: W. Kohlhammer 2007, 346 S., ISBN 978-3-17-014548-1, EUR 29,80
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Stefan Burkhardt
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Burkhardt: Rezension von: Egon Boshof: Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne, Stuttgart: W. Kohlhammer 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/14039.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Egon Boshof: Europa im 12. Jahrhundert

Textgröße: A A A

Gegenwärtig scheinen Einführungen in die mittelalterliche Geschichte Konjunktur zu haben - ganz so wie die Herrscherbiographien des letzten Jahrzehnts. Fast alle Verlage haben sie im Programm, in gefühlt monatlichem Abstand erscheint ein neues Werk mit unterschiedlicher zeitlicher, geographischer oder thematischer Schwerpunktsetzung. Das hier zu besprechende Buch wählt "Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne" zum Thema.

Nun wird der eine oder andere Leser sogleich kritisch bemerken, dass sich im Titel bereits zwei Dinge finden, die er nicht gerne sieht: "Europa" und den "Weg in die Moderne". Boshof reflektiert - wie Einleitung und Schlussbetrachtung zeigen - die Problematik dieser und anderer Begriffe (wie etwa "Nation") durchaus, gebraucht sie dennoch ganz bewusst, "da ein nichtzünftiger Leser mit einer aus den Quellen abgeleiteten gekünstelten Begriffssprache nichts anzufangen", allerdings begriffliche Feinabschichtungen vorzunehmen wisse (10). An wen wendet sich Boshof aber? Es sind wohl kaum jene "Galileo-Mystery-verwöhnten" Laien, für die das Mittelalter - wenn nicht gleich gefälscht - so doch meist nur durch Templer, Hexen, die Päpstin oder dunkle Machenschaften der Kurie geprägt ist. Dieses Publikum wird das vorliegende Buch wohl sogleich gelangweilt aus der Hand legen. Boshof schreibt hingegen Geschichte für Studierende.

Was sind aber die Anforderungen an eine gute Epocheneinführung? Sie sollte die wichtigsten Leitthemen und die verschiedenen, prägenden Entwicklungsprozesse in einer klar verständlichen Sprache ansprechen und vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes analysieren.

Gemessen an diesen Kriterien bietet Boshofs Buch Einiges. Um das Pferd gleichsam von hinten zu satteln ist zunächst auf den ausführlichen Endnotenapparat zu verweisen - ein in letzter Zeit gegenüber der mehr oder minder annotierten Auswahlbibliographie leider im Schwinden begriffenes und doch so wichtiges Hilfsmittel für den Leser und Indikator wissenschaftlichen Arbeitens. Hinzu treten auch ein ausführliches Orts- und Personenregister. Doch kommen wir zum Inhalt. Hier folgt Boshof der gediegenen Handbuchgliederung klassischer Prägung und spricht alle Punkte an, die man von einer Vorlesung zum 12. Jahrhundert erwarten dürfte. Sieben Großkapitel behandeln zunächst 1. "Das europäische 'Staatensystem' im 12. Jahrhundert" (11-69) und 2. die Kreuzzüge (70-102), sodann 3. "Königliche Herrschaft und fürstliche Gewalt" (103-139), 4. "Papsttum - Neue Orden - Häretische Strömungen" (140-173), 5. folgt ein eher soziokulturell orientierter Abschnitt über "Höfisch-ritterliche Gesellschaft und höfische Kultur - Die Stellung der Frau" (174-211), sodann 6. "Die Juden im Europa des 12. Jahrhunderts" (212-228) und schließlich 7. "Die Schulen und die Renaissance der Wissenschaften" (229-267).

Der "nichtzünftige" Leser wird insbesondere von den Kapiteln 1, 2, 4 und 7 profitieren. Sie geben einen profunden Einblick in die jeweilige Thematik. Manche mögen das Fehlen der sogenannten Peripherie (Ost- und Nordeuropa, byzantinischer Raum, oder auch islamischer Raum) monieren, doch hätte eine Berücksichtigung dieser "Randlagen" wohl auch den gegebenen Rahmen des Buches gesprengt. Ebenso mag Kapitel 3 in seiner Konzeption seine Berechtigung haben, dennoch erstaunt aus "verfassungsgeschichtlicher" Perspektive das Fehlen der Thematisierung der "fürstlichen Gewalt" als eigenständigem Akteur ("Laienadel", Bischöfe), sie erscheint vor allem als begrenzende oder ermöglichende Struktur der königlichen Herrschaft. Auch könnte man einen Abschnitt über Landesausbau und Wirtschaftsformen oder die Ministerialität und ihre Äquivalente suchen. Kapitel 5 schwankt in seinem Ansatz etwas unentschieden zwischen Hofstudie, Literaturgeschichte und Gender Study. Es sei erlaubt, einige Kritikpunkte anzuführen: Manche Abschnittsüberschriften sind irreführend: so behandelt die Sektion "Vagantenlyrik und Geschichtsschreibung im Dienste der Herrscher" (186-189) praktisch nur die Geschichtsschreibung. Der Abschnitt zum Rittertum (180-184) fällt etwas knapp aus; im Zusammenhang mit "Adelsethik und Dienstgedanke" (183-184) könnten manche auch Aussagen zu den Themenkomplexen "symbolische Kommunikation" und "Ehre" erwarten.

Diese Anmerkungen sind jedoch nur im Sinne einer Abgleichung der Ausführungen Boshofs mit dem themenbezogenen Erwartungshorizont des Rezensenten zu verstehen. Auch andere Schwerpunktsetzungen haben durchaus ihre Berechtigung. Keineswegs wird der Wert des Buches im Sinne der genannten Anforderungen an einführende Literatur geschmälert: Wer einen soliden und fundierten Weg in das 12. Jahrhundert sucht, ist mit dem Buch von Egon Boshof gut bedient.

Stefan Burkhardt