Rezension über:

Markus Küpker: Weber, Hausierer, Hollandgänger. Demografischer und wirtschaftlicher Wandel im ländlichen Raum: Das Tecklenburger Land 1750-1870 (= Studien zur historischen Sozialwissenschaft; Bd. 32), Frankfurt/M.: Campus 2008, 484 S., 26 Ill., ISBN 978-3-593-38495-5, EUR 48,00
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Rezension von:
Wilko Schröter
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Wilko Schröter: Rezension von: Markus Küpker: Weber, Hausierer, Hollandgänger. Demografischer und wirtschaftlicher Wandel im ländlichen Raum: Das Tecklenburger Land 1750-1870, Frankfurt/M.: Campus 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/05/13288.html


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Markus Küpker: Weber, Hausierer, Hollandgänger

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Diese Studie versucht, den demographischen und wirtschaftlichen Wandel des Altkreises Tecklenburg im Nordwesten der Provinz Westfalen an der holländischen Grenze von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu erklären und auf Interdependenzen zu untersuchen. Wie in diesem Zeitraum in West- und Zentraleuropa üblich, war auch Tecklenburg durch ein starkes Bevölkerungswachstum gekennzeichnet (zwischen 1750 und 1840: 77,3%). Zugleich befand sich die europäische Ökonomie im Übergang von der Agrar- zur modernen Industriewirtschaft. Diese Transformation verlief nicht unproblematisch und war durch Subsistenzkrisen breiter Bevölkerungsschichten und starke Migrationsbewegungen in die Städte oder nach Amerika gekennzeichnet. Die verfügbaren ökonomischen Ressourcen und die Bevölkerungszahl waren also scheinbar aus dem Gleichgewicht gekommen.

Tecklenburg weist aus ökonomischer Sicht für den betrachteten Zeitraum neben der Landwirtschaft auch nichtagrarische Erwerbsarten und eine Einbindung in überregionale und internationale Marktgefüge auf (16). Insbesondere spielen dabei die protoindustrielle Leinenproduktion, die Packenträgerei ("Töddenhandel") und der saisonale Hollandgang in den landwirtschaftlich arbeitsarmen Zeiten zwischen Aussaat und Ernte eine entscheidende Rolle. Im Verlauf des Untersuchungszeitraums zeigt sich ein Niedergang dieser drei zusätzlichen Erwerbsquellen und ein Reagrarisierungs- und Modernisierungsprozess (20).

Aus demographischer Sicht stehen der vortransitorische Zustand mit hohen Mortalitäts- und Fertilitätsraten und die einsetzende erste Phase demographischer Transition mit fallender Sterblichkeit und dadurch ausgelöster Bevölkerungsexpansion im Fokus (42). Als Primärquellen werden zur Ermittlung der demographischen Entwicklung Bevölkerungszählungen, Material zur erlaubten und unerlaubten Amerikaauswanderung und Kirchenbücher genutzt, diese allerdings nur als monatliche Auszählungen von Taufen, Heiraten und Begräbnissen, ohne eine Familienrekonstruktion vorzunehmen.

Zur wirtschaftlichen Längsschnittentwicklung wurden Reihen (textil-)gewerblicher Produktionsmengen sowie gewerblicher und landwirtschaftlicher Preise erhoben, als Querschnittsdaten zur landwirtschaftlichen Produktion wurden die Reinerträge, Bodennutzung und Besitzgrößen aller Tecklenburger Gemeinden in den 1830er und 1860er Jahren erfasst. Zusätzlich wurden als Indikatoren der landwirtschaftlichen Entwicklung die Viehbestände aus den preußischen Statistischen Tabellen des 19. Jahrhunderts erhoben (48).

Die Auswertung beginnt mit einer ausführlichen Analyse der protoindustriellen Entwicklung des Tecklenburger Leinengewerbes (Kapitel 3). Die Abhängigkeit der Preisentwicklung von externen Märkten im 18. Jahrhundert wird mittels linearer Regressionsmodelle geprüft. Es zeigt sich dabei ein deutlich positiver Einfluss der untersuchten Leinenpreise im östlich von Tecklenburg gelegenen Minden sowie ein schwächerer, aber ebenfalls positiver Einfluss der Amsterdamer Vorjahrespreise des Rohstoffes Hanf auf die Leinenpreise in Tecklenburg (142).

Kapitel 4 beschäftigt sich ausführlich mit dem Wanderhandel, Hollandgang und Steinkohlenbergbau. Insbesondere wird das Verhältnis zwischen Hollandgang und Wanderhandel, den beiden Formen des Nebenerwerbs im Untersuchungsgebiet, betrachtet. In Kapitel 5 wird detailliert auf die Entwicklung der Landwirtschaft mit dem bereits oben angesprochenen Reagrarisierungsprozess eingegangen. Kapitel 6 widmet sich der mittelfristigen Bevölkerungsentwicklung; der Verlauf der Mortalitäts- und Fertilitätsentwicklung wird in Hinsicht auf das Konzept der demographischen Transition in den Blick genommen. Dabei wird deutlich, dass das Bevölkerungswachstum für europäische Gegebenheiten normal verläuft. Auffällig ist allenfalls die starke Bevölkerungsexpansion bereits am Beginn des Untersuchungszeitraums. Bei der Untersuchung der relativ hohen Geburtenüberschüsse zeigen sich sowohl auf der Kreis- als auch auf der Kirchspielebene keine eindeutigen Trends und damit auch keine Anzeichen des Überganges in eine demographische Transition. Migrationsbewegungen lassen sich nur schwer erheben und scheinen für die Bevölkerungsentwicklung bis etwa 1830 auch nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben.

Das siebte Kapitel versucht nun, eine kurzfristige Analyse der demo-ökonomischen Zusammenhänge vorzunehmen und sie auf homöostatische Tendenzen zu prüfen. Zur Analyse des Heiratsverhaltens wird auf das Heiratsmodell von Mendels zurückgegriffen, der von einem positiven Einfluss der Terms of Trade (Verhältnis der Protoindustriegüterpreise zu Subsistenzgüterpreisen) auf die Heiratszahl und damit auch auf die Fertilität in Zeiten expandierender protoindustrieller Kultur ausgeht. Dieser Ansatz erbringt zunächst keinerlei Ergebnisse, da der Determinationskoeffizient praktisch in allen Fällen den Wert 0 annimmt (339). Markus Küpker erweitert nun das Modell um die Sterblichkeit der Gesamtbevölkerung (ohne Säuglinge) im aktuellen und im Vorjahr. Er erläutert diesen Schritt in der Logik des Stellenprinzips, wonach die Heirat und damit der Erwerb einer Stelle gewöhnlich im Erbgang erfolgte (341). Alle Variablen mit einer Ausnahme liefern keinen signifikanten Einfluss auf die Zahl der Gesamt- oder der Erst-Ehen. Bei der Betrachtung der Erst-Ehen zeigt sich ein starker negativer Einfluss durch die Sterbefälle des Vorjahres (ohne Säuglinge). Dies führt Markus Küpker zur folgenden Schlussfolgerung: "Unter der Voraussetzung der Gültigkeit von Stellenmechanismen hätte dieser Effekt positiv sein müssen." (346) Dieses Modell misst allerdings nur anhand aggregierter Zeitreihen den Einfluss von Sterbefällen (ohne Säuglinge) des Vorjahres auf die Erstehen des darauf folgenden Jahres. So können beispielsweise Epidemien oder kriegerische Ereignisse einen Bevölkerungsverlust auslösen, der sich im nachfolgenden Jahr in einer geringeren Zahl an Erst-Ehepartnern niederschlug.

Die Stärken dieser Arbeit liegen eindeutig im Bereich der ausführlichen und sorgfältigen Deskription von Protoindustrie, Töddenhandel, Hollandgang, Steinkohlebergbau, Landwirtschaft und Bevölkerungsentwicklung auf lokaler Ebene. Damit wird wieder eine Lücke in der Forschungslandschaft der Historischen Demographie und Wirtschaftsgeschichte im deutschsprachigen Raum geschlossen. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass es sich bei den verwendeten Daten um aggregierte Werte mit Kirchspielen als kleinster Einheit handelt. Schließende statistische Untersuchungen beispielsweise zur Analyse der protoindustriellen Entwicklung von Haushalten oder zur Überprüfung der Existenz eines Stellenprinzips auf der Familienebene benötigen Ereignisdaten und die entsprechende Analyse. Einfache lineare Regressionsmodelle mit aggregierten Daten können dies nicht leisten und führen zumeist zu verwirrenden und widersprüchlichen Ergebnissen.

Wilko Schröter