Rezension über:

Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376-568 (= Cambridge Medieval Textbooks), Cambridge: Cambridge University Press 2007, xvi + 591 S., ISBN 978-0-521-43543-7, GBP 21,99
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Rezension von:
Sebastian Brather
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Brather: Rezension von: Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376-568, Cambridge: Cambridge University Press 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 2 [15.02.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/02/14063.html


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Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376-568

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Der Titel des gesamten Buchs entspricht zugleich jenem des mittleren von drei Teilen, der sieben Kapitel umfasst. Der erste Teil beschäftigt sich in fünf Abschnitten mit Römern und Barbaren in der vorangehenden Kaiserzeit, während der dritte mit drei Kapiteln sich mit beiden Gruppen in der 'poströmischen' Welt des 6. Jahrhunderts befasst.

Zunächst skizziert Halsall in einem ersten Teil wesentliche Forschungsansätze zur Rolle der Barbaren und zur Transformation der römischen Welt, bevor die eigenen Ziele genannt werden: die schriftlichen und archäologischen Quellen zeitlich und geographisch in ihren Kontext zu setzen und sie zugleich aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus zu verstehen. Es schließen sich Überlegungen zu Ethnizität und Identität an, bevor die Situation des weströmischen Reichs und seiner sozial und wirtschaftlich verschiedenen Regionen (Britannien, Gallien, Spanien, Italien, Nordafrika) beschrieben wird. Mit Gender, Kirche und Armee werden weitere strukturelle Aspekte genannt, um die komplexen Verhältnisse erfassen zu können. Danach folgt ein Überblick über Gesellschaften jenseits der Reichsgrenzen: Scotti und Picti, Germanen, Goten und Mauren. Das Verhältnis zwischen Rom und den Barbaren vor 376 war durch das Imperium bestimmt: Die Barbaren stellten keine Bedrohung dar, wobei sich der zunehmende Druck auf die Grenzen statt durch 'Völkerwanderungen' durch die beiderseitigen symbiotischen Beziehungen ergab.

Der zweite Teil besteht zu zwei Dritteln aus einer chronologischen Übersicht der Entwicklungen zwischen 376 bis 550, ohne sie als eine kohärente Abfolge zu beschreiben, sondern als Situationen, in denen Menschen aufgrund ihrer Kenntnisse und ihrer Ziele handelten. Den Auftakt bildet die 'gotische Krise' 376 bis 382, die mit der Schlacht bei Adrianopel endete, ohne dass sich der vielzitierte Foedus in den Quellen finden lässt - statt dessen wurden zahlreiche deditiones vollzogen, und Goten siedelten innerhalb des Imperiums. Als 'Krise des Imperiums' werden die folgenden drei Jahrzehnte bis 410 charakterisiert, während denen Alarich und Stilicho eine wichtige Rolle in Italien spielten sowie die nordwestliche Peripherie - Britannien und Nordgallien - in ein politisches Vakuum geriet. Bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts 'triumphierten' die Generäle in einer politisch ereignisreichen Zeit, als sich verschiedene Barbarengruppen (Sachsen, Franken, Sueben, Burgunden, Alanen) auf Reichsgebiet begaben und Königreiche der Goten und Vandalen entstanden. In den 25 Jahren bis 480 löste sich das Westreich gewissermaßen auf, indem die Handelnden sich jeweils um eine bessere Position bemühten, als ob sie noch in den imperialen Strukturen des 4. Jahrhunderts lebten. "Das römische Reich wurde nicht ermordet noch starb es eines natürlichen Todes; es beging versehentlich Selbstmord" (283). Bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts entwickelten sich dort Königreiche: der Ostgoten in Italien, der Vandalen in Afrika, der Westgoten in Gallien und Hispanien, der Burgunden und der Franken unter dem Merowinger Chlodwig, während die Verhältnisse in Britannien im Dunkeln bleiben.

Diesem ereignisgeschichtlichen Überblick folgt eine Strukturanalyse im letzten Drittel des zweiten Teils. Im 'langen 5. Jahrhundert' suchten Aristokraten in den Provinzgesellschaften nach 'Überlebensstrategien', die je nach Situation unterschiedlich ausfielen: Man orientierte sich an den hergebrachten römischen Machtstrukturen (ohne wissen zu können, dass das Imperium sich nie wieder erholen würde), oder man setzte auf die Barbaren, die im 5. Jahrhundert militärisch erheblich an Gewicht gewonnen hatten. Um zu verstehen, welche Prozesse sich innerhalb des Imperiums abspielten, wirft Halsall einen intensiven Blick in die Regionen 'jenseits der alten Grenzen': westlich der Irischen See und nördlich des Hadrianwalls, in Skandinavien, Sachsen und bei den Nordseeanrainern sowie Thüringern und Langobarden im Elbegebiet, Franken und Alemannen entlang des Rheins sowie in Bayern und schließlich Nordafrika. Die Veränderungen waren dort besonders augenfällig und tiefgreifend, wo die Beziehungen zu Rom besonders intensiv gewesen waren (im Rheinland und in Nordafrika), während sich mit zunehmender Entfernung und Intensität der Kontakte die Auswirkungen in Grenzen hielten.

Im dritten Teil geht es um die Strukturbedingungen einer 'post-imperialen' Welt von Römern und Barbaren im 6. Jahrhundert. Wanderungen oder Bevölkerungsbewegungen wurden durch die Beziehungen zwischen Imperium und Barbarenwelt bestimmt. Zunächst untersucht Halsall die 'Mechanismen der Ansiedlung' und wendet sich der heiß diskutierten Frage bezüglich der hospitalitas zu, die kaum global zu beantworten ist. Der Archäologie fällt es nicht leicht, Gräber und Siedlungen Einheimischer und Zugewanderter auseinanderzuhalten, weil deren Identitäten sich rasch wandelten. Obwohl Westeuropa zwischen dem späten 4. und frühen 6. Jahrhundert vor allem in seinen politischen und institutionellen Strukturen römisch geprägt blieb, wurden politische, ethnische und Gender-Identitäten neu 'ausgehandelt'. Auch wenn es dazu meist mehr als eine Generation brauchte, blieben die Veränderungen dramatisch und oft traumatisch. Im 6. Jahrhundert gingen in weiteren entscheidenden Ereignissen die alten Strukturen des Westreichs unter. Die frühen barbarischen Königreiche scheiterten politisch oder infolge einer militärischen Niederlage, ebenso Justinians Rückeroberung des Westens. Die im 4. Jahrhundert noch absolute Kontrolle des Imperiums war verschwunden, und nichts hielt das Westreich mehr zusammen. Den Zeitgenossen boten sich unterschiedliche Handlungsoptionen, und ihre Wahl bestimmte den Gang der Geschichte.

Halsalls Buch beeindruckt. Es bietet eine stringente, weiträumig vergleichende Gesamtsicht des westlichen Mittelmeerraums (und von den Mauren im Süden bis zu den Picti im Norden) vom 4. bis 6. Jahrhundert, die schriftliche und archäologische Quellen gleichermaßen kompetent einbezieht. Die zahlreichen Interpretationsprobleme werden dabei nüchtern und abwägend erörtert und gelegentlich originelle Lösungen vorgeschlagen (etwa wenn Honorius' Brief von 410 zu Brittia nicht mit Britannien, sondern mit Bruttium in Italien verbunden wird; 217). Der Blick auf beide Seiten des Limes vermag deutlich zu machen, wie sehr nicht nur beide Seiten - Römer und Barbaren - voneinander abhingen, sondern wie sehr dieses Verhältnis die weiteren Entwicklungen bestimmte. Halsall zeigt, dass die strukturellen Veränderungen seit dem 3. Jahrhundert zum 'Fall Roms' führten und deshalb die im 4. Jahrhundert noch vertrauten politischen Strategien 200 Jahre später nicht mehr erfolgreich sein konnten. Zwei Hauptthesen des Buchs stehen gut begründet im Widerspruch zu manchen Lehrbuchauffassungen und werden Diskussionen herausfordern: 1. Die 'große Politik' war im 5./6. Jahrhundert mittelbar abhängig von Entscheidungen vieler Einzelner, so dass nur eine 'totale' Perspektive die Entwicklungen begreiflich macht. 2. Die Wanderungen stellten eine Folge des 'Falls Roms' dar - und waren nicht dessen Ursache. In beiden Fällen vermag die neue, plausible Alternativen bietende Sicht vieles besser zu erklären. Entscheidend ist der Ansatz, die jeweils aktuelle zeitgenössische Situation und ihre Bedingungen in den Mittelpunkt zu rücken statt weit zurückreichende kulturelle 'Traditionen' für Entscheidungen und Entwicklungen verantwortlich zu machen. Für den deutschen Leser ist es eine Erholung, einmal nicht von wandernden 'Völkern' (Völkerwanderungszeit), sondern von Menschen unterwegs (migration period) zu hören und die Entwicklungen aus einer primär geographischen Perspektive geschildert zu bekommen.

Sebastian Brather