Rezension über:

Johannes Heil: "Gottesfeinde" - "Menschenfeinde". Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (= Antisemitismus. Geschichte und Strukturen; Bd. 3), Essen: Klartext 2006, 672 S., ISBN 978-3-89861-406-1, EUR 44,90
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Rezension von:
Heinz Schreckenberg
Institutum Judaicum Delitzschianum, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Heinz Schreckenberg: Rezension von: Johannes Heil: "Gottesfeinde" - "Menschenfeinde". Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert), Essen: Klartext 2006, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 2 [15.02.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/02/13438.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Jüdische Geschichte in der Frühen Neuzeit" in Ausgabe 9 (2009), Nr. 2

Johannes Heil: "Gottesfeinde" - "Menschenfeinde"

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Der Autor dieser Habilitationsschrift, der jetzt an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg lehrt, ist bereits durch einige Arbeiten zur christlichen Judenfeindschaft - zum Teil in Verbindung mit Rainer Kampling - gut ausgewiesen. Die sechs Kapitel seiner Studie gehen von der Feststellung aus, dass die Vorstellung von der jüdischen Weltverschwörung zwar das Leitmotiv der modernen Judenfeindschaft ist, aber weit ältere Wurzeln hat. Mithin untersucht Heil konsequent einschlägige und verwandte Denkschemata innerhalb der christlichen europäischen Kultur des 13. bis 16. Jahrhunderts, liefert also einen beachtlichen Beitrag zur historischen Vorurteilsforschung. Jedenfalls ist die Langzeitstereotype "jüdische Weltverschwörung" bisher noch nie so umfassend untersucht worden.

Antijüdische Verschwörungsvorstellungen finden sich etwa bei dem Chronisten Matthaeus Parisiensis (um 1250), in den Pestjahren 1348-1350 (285-295), sowie in der Reformationszeit, in der Luther den Juden "Hoffnung auf Herrschaft über die Welt" unterstellt (186, 301). Antijüdische Imaginationen, die sich zu regelrechten Verschwörungsphantasien auswachsen können, erscheinen unter anderem im Zusammenhang mit Beschuldigungen betreffend Ritualmorden an christlichen Knaben, Hostienfreveln und Bildfreveln. Vorletzte bemerkenswerte Station dieser Entwicklung ist im 19. Jahrhundert das angeblich alle hundert Jahre stattfindende weltverschwörerische Treffen von Vertretern der 12 Stämme Israels auf dem Judenfriedhof zu Prag (12). Eine Art Endstufe markieren die "Protokolle der Weisen von Zion", eine Fiktion vom Ende des 19. Jahrhunderts. Solche desakralisierten und säkularisierten Entwürfe lassen schließlich kaum noch ihre Herkunft aus mittelalterlichen Endzeitvorstellungen erkennen, in denen noch der Antichrist eine Rolle spielte. Was bleibt, ist die unterstellte "Aspiration auf Weltbeherrschung" (526).

Die dem Werk beigegebenen Abbildungen (549-558) stützen die Argumentationen des Autors und illustrieren auf ihre Weise das Mutieren vormoderner religiös grundierter Judenfeindschaft zum profanen Antisemitismus der Neuzeit: die Juden als konspirative Gruppe! Hier, in der Erörterung themarelevanter Kontinuitäten und Diskontinuitäten liegen die besonderen Stärken des Buches. Auch operiert keiner von Heils Vorgängern auf einer ähnlich breiten Quellenbasis. So kann der Autor die christlichen Wurzeln der Verschwörungsvorstellungen fast chirurgisch bloßlegen: Die Juden galten vielen Christen als fremd, unheimlich und Angst machend, was noch in der Neuzeit immer wieder verleumderische Legenden generierte.

Zweifel befällt den Leser bei Heils Prinzip, Quellen "in angepasster deutscher Sprache" wiederzugeben (10). Beispielsweise versteht er das lateinische "fraus" an entscheidender Stelle als "Verschwörung" (9), wo es doch wohl um eine listige Täuschung (Betrug, Beschwindeln) geht. Ähnlich ist etwa "spurcitia" (99) nicht "Fruchtlosigkeit", sondern eher Ekel erregender Unflat; "perfidissimi" sind weniger "Höchstverderbte" (162) als verstockte Ungläubige und "imprecationes vel maledictiones" (172) meint wohl nicht vage "Invektiven", sondern konkrete antichristliche Verfluchungen und Verschwörungen. Das Paraphrasieren hat also seine Gefahren. Auch den Gefahren von Generalisierungen entgeht der Autor, wie es scheint, nicht immer; etwa die Vorstellung von jüdischer Verschwörung als "mittelalterliche Selbstverständlichkeit" und von der jüdischen Religion als "per se feindlicher Kult" (21, 185): kann das so pauschal gelten? Der Autor betont ja an anderen Stellen zu Recht, dass in den Quellen "manche Nachricht von 'jüdischer Gefahr' absichtlich übertrieben war" (179, 33, 48, 50, 60, 145 ähnliche Relativierungen), und etliche Quellen, ordnet man sie in den Gesamtzusammenhang der Riesenfülle überlieferter Texte ein, sind doch recht marginal und peripher.

Heils "entscheidende Frage hinsichtlich der Konstituierung der Judenfeindschaft in der Moderne", nämlich: "Warum verlief der Wahrnehmungsprozess hier anders als im Falle von Tataren, Häretikern, Hexen oder selbst Jesuiten?" (541) lässt sich vielleicht so beantworten: Für die überwiegend völkisch und rassistisch orientierten Antisemiten des 19. und 20. Jahrhunderts waren die fundamentalen christlich-jüdischen Gegensätze (Trinität, Inkarnation) fast bedeutungslos. Auch hatte das christliche Ausmalen von Feindlegenden wohl meist innerchristliche Ziele: Entlarvung der Gegner als "innerchristliche Bewusstseinsstärkung"" (225), Bekämpfung von Identitätskrisen in den eigenen Reihen angesichts einer irritierend vitalen Weiterexistenz des post Christum oft totgesagten Judentums.

Dank Heils Arbeit versteht man jetzt viel besser die Entstehung und Funktion bestimmter judenfeindlicher Denkschemata. Ungeachtet einiger möglicher Einwände und kritischer Fragen ist seine Studie ein grundlegender Beitrag zur Geschichte der christlichen Wahrnehmung des Judentums und zur Antisemitismus-Forschung überhaupt.

Heinz Schreckenberg