Rezension über:

Ludolf Pelizaeus: Dynamik der Macht. Städtischer Widerstand und Konfliktbewältigung im Reich Karls V. (= Geschichte in der Epoche Karls V.; Bd. 9), Münster: Aschendorff 2007, XVIII + 455 S., ISBN 978-3-402-13990-5, EUR 59,00
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Rezension von:
Esther-Beate Körber
Bremen / Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Esther-Beate Körber: Rezension von: Ludolf Pelizaeus: Dynamik der Macht. Städtischer Widerstand und Konfliktbewältigung im Reich Karls V., Münster: Aschendorff 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/12/14334.html


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Ludolf Pelizaeus: Dynamik der Macht

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Das anzuzeigende Buch baut auf gründlichen Archiv- und sonstigen Quellenstudien auf, sowohl zu spanischen als auch zu vorderösterreichischen Verhältnissen. Ziel ist ein historischer Vergleich, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der "Dynamik der Macht" der beiden historischen Räume in der krisenhaften Zeit der ersten Regierungsjahre Karls V. klären soll. Städte werden als Vergleichsobjekte gewählt, da gerade ihre inneren Machtstrukturen beim Blick auf die Revolten (Communidades und Germanies in Spanien, Bauernkrieg in Vorderösterreich) von der bisherigen Forschung kaum untersucht worden sind.

Am Anfang der Darstellung steht ein Kapitel zur Definition der Begriffe "Konflikt", "Aufstand", "Revolution" und "Widerstand", auf das aber im Verlauf der Darstellung kaum mehr zurückgegriffen wird. Stattdessen wird der Verlauf der Konflikte in den einzelnen Städten ausführlich dargestellt, wobei die Darstellung der Vorgeschichte für Spanien bis zu den Thronfolgekämpfen von 1476 zurückreicht, gelegentlich noch weiter.

Die detailreiche, quellengestützte Darstellung liefert dabei erhellende Ergebnisse. So wird deutlich, wie wenig die Communidades in Spanien eine Revolte "der Städte" darstellten bzw. wie sehr ältere Konflikte der jeweils führenden Familien die Position der einzelnen Stadt, ihr politisches Verhalten und oft auch ihr Schicksal nach der Niederschlagung des Aufstandes bestimmten. Auch für das Verhalten der vorderösterreichischen Städte im Bauernkrieg waren die Stellung der Stadtobrigkeit und ältere Konflikte mitbestimmend, wobei die reformatorischen Lehren für zusätzliche Dynamik sorgen konnten.

Klar wird auch, dass in Spanien wie in Vorderösterreich die politisch Handelnden sich zu ihrem Handeln durch die Abwesenheit des Herrschers (Spanien) bzw. die unklare Nachfolgeregelung (Vorderösterreich) legitimiert sahen, da sie von einer Situation des Interregnums ausgingen. Für beide Gebiete kann nachgewiesen werden, dass die führenden Kreise der Städte, selbst wenn sie den Konflikt mit der Regierung riskierten, doch in der Stadt selbst durchgehend das Heft in der Hand behielten und den Bürgern allenfalls pro forma ein Mitspracherecht einräumten. Sozialrevolutionäre Tendenzen suchten die Stadtobrigkeiten im Interesse der Erhaltung ihrer eigenen Macht zu entschärfen oder zu marginalisieren.

Das letzte und längste Kapitel der Darstellung untersucht im direkten Vergleich "Hintergründe und Motivationen" der Konflikte. Als solche Motive und Ursachen werden benannt: wirtschaftliche Spannungen, vor allem Streit um Steuerbefreiungen; Belastungen durch Kriege und Hungerkrisen, Konflikte mit Regierungsvertretern sowie die Konfliktverschärfung durch religiös-reformerische Ideen, worunter reformatorische Strömungen in Vorderösterreich ebenso fallen wie der Nachdruck von Predigten Savonarolas und sozialkritische franziskanische Predigten in Spanien.

Die Lektüre dieses Kapitels hinterlässt am ehesten den Eindruck, dass der historische Vergleich an seine Grenze kommt: Vergleichbar oder auch nur ähnlich erscheinen die Verhältnisse in Vorderösterreich und Spanien nur auf einer recht abstrakten Ebene, gerade die Darlegung der Einzelheiten macht deutlich, dass die Konflikte in jeder Stadt anders gelagert waren und sich daher in der akuten Konfliktsituation auch spezifisch anders ausprägten. Die begrifflich benannten Konfliktlagen wiederum dürften noch für andere europäische Herrschaftsverbände der Zeit spezifisch sein, nicht nur für die "monarchia composita" Karls V. Das mindert aber nicht die Qualität dieser detailreichen und sorgfältig gearbeiteten Darstellung. Einige stehengebliebene "Satzruinen" aus früheren Fassungen sollte die nächste Auflage tilgen.

Esther-Beate Körber