Rezension über:

Petra Janke: Ein heilbringender Schatz. Reliquienverehrung am Halberstädter Dom im Mittelalter. Geschichte, Kult und Kunst, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2006, 323 S., 16 Farb-, 89 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06639-7, EUR 39,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Kristin Marek
Kunstgeschichtliches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Gerhard Lutz
Empfohlene Zitierweise:
Kristin Marek: Rezension von: Petra Janke: Ein heilbringender Schatz. Reliquienverehrung am Halberstädter Dom im Mittelalter. Geschichte, Kult und Kunst, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/12/12170.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Petra Janke: Ein heilbringender Schatz

Textgröße: A A A

Der erst kürzlich, im Frühjahr 2008, nach umfangreichen Renovierungsarbeiten und Umbauten neu eröffnete Domschatz von Halberstadt ließe sich mit vielerlei Superlativen beschreiben. Mit um die 650 Exponaten ist er die größte kirchliche Schatzkammer Deutschlands, deren Bestand neben wertvollen Elfenbeinen, liturgischen Gewändern und Geräten, Bildteppichen, Tafelgemälden, Altarretabeln und anderen Pretiosen auch eine umfangreiche und vielfältige Sammlung an Reliquiaren umfasst. Deren älteste Stücke datieren vermutlich in das 9. Jahrhundert und sind, abgesehen von ihrer ästhetischen, bildlichen, theologischen oder materiellen Qualität, allein schon auf Grund ihres Alters von größter Bedeutung. Petra Janke, die mit dem Domschatz seit langem vertraut ist, hat sich dieser Reliquiensammlung angenommen, sie historisch aufgearbeitet und einen ausführlichen, kommentierten Bestandskatalog erstellt. Entsprechend gliedert sich das Buch in zwei Hauptteile von etwa gleichem Umfang: die bistums-, stadt- und baugeschichtlich kontextualisierende Darstellung der Reliquienverehrung am Halberstädter Dom, der einleitend eine allgemeine Einführung in die Reliquienverehrung vorangestellt ist, und der chronologisch geordnete Katalog des heutigen Bestandes. Verzeichnisse der in Halberstadt verehrten Heiligen und ihrer Reliquien finden sich im Anhang. Nun lässt sich die Geschichte dieser einmaligen Sammlung nachvollziehen; dies ist für die Reliquienforschung aus verschiedenen Gründen eine Bereicherung.

Der Halberstädter Domschatz ist nicht allein ein besonderes Kleinod, sondern in seinem kontinuierlichen Bestand seit dem Mittelalter einmaliger Beleg und Quelle für die Erforschung der Geschichte von Reliquiensammlungen. Er dokumentiert - und dies ohne nennenswerte Brüche - die Reliquienverehrung an einem Ort, der einmal zu den wirtschaftlichen und religiösen Zentren des sächsischen Raumes zählte. Überliefert sind älteste Artefakte, die kunst- und kulturhistorisch von größtem Interesse sind, zeugen die vielen aus fernen Ländern importierten Stücke doch von interkulturellen Beziehungen, Faszinationen, Aneignungen und schließlich Bild- und Kultwanderungen, wie sie in der Vergangenheit bestanden. So zieren nicht selten ausschließlich islamische Ornamente zu Reliquiaren umfunktionierte Behältnisse, wie etwa ein kleines Truhenreliquiar (wohl 1. Hälfte 13. Jahrhundert) oder ein heute leeres Holzmosaikkästchen mit den typisch großen Beschlägen, ohne dass man sie um christliche Motive oder Symbolik ergänzte. Das einleitende, informative Kapitel zur Halberstädter Geschichte der Reliquienverehrung ist neben dem lokalem auch von allgemeinem Interesse für die Reliquienforschung, weil hier auf Grund der sehr guten Quellenlage nicht nur die Entwicklung des heutigen Bestandes nachgezeichnet wird, sondern weil man an Hand dieser detailgenauen Rekonstruktion auch fallspezifische Auskunft über ökonomische, politische oder etwa individuelle Beweggründe und Stifter erhält, die für die Zusammensetzung der Reliquiensammlung maßgeblich waren. So sind etwa Weihehandlungen und größere Reliquienimporte überliefert, werden Altäre mit bestimmten Reliquien und Reliquiaren in Verbindung gebracht und Neuordnungen und -zusammenstellungen von Reliquien rekonstruierbar, wenngleich die schriftlichen Quellen - so die erhellende Erkenntnis - nicht immer mit dem Bestand in Einklang zu bringen sind. Besonders aufschlussreich ist, dass der Reliquienschatz nicht als homogenes Ganzes behandelt wird - Reliquienforschung nicht von Architekturgeschichte abgekoppelt ist -, sondern vor dem Hintergrund und durchaus als Resultat und Folge konkreter bau- und liturgiegeschichtlicher Entscheidungen und Entwicklungen. Architektur und liturgische Nutzung bedingten einander und sind damit auch für den Bestand und die Nutzung von Reliquien zentrale Faktoren. Umgekehrt zeigt die Autorin, wie die Architektur auf die stetig ansteigende Zahl an Reliquien verschiedenster Heiliger reagierte (bis hin zum Um- oder Neubau), die als Medien des Heils und zudem als politische Statussymbole an zentralen Stellen des Kirchenraums geradezu angehäuft wurden. Dass das Patrozinium eines Altares und dessen Reliquien oftmals nicht identisch waren, ist mittelalterlicher Pragmatik geschuldet; schließlich wusste man sich vom Angebot des Marktes abhängig, welches nicht zwangsläufig mit den lokal verehrten Heiligen übereinstimmte. Andererseits können sich Partikel desselben Heiligen über mehrere Behältnisse verteilt finden, wie beispielsweise die Reliquien der Hl. Elisabeth von Thüringen, die 1235 erstanden wurden und die man unter anderem in einem Straußeneipokal, Tuchreliquiar oder zarten Bergkristallreliquiar (die beiden letzteren wohl 13. Jahrhundert) barg. Beeindruckend ist auch die Vielfalt der Reliquiarformen, die sich in Halberstadt finden. Sie reichen vom kleinen Reliquienanhänger über Diptychonreliquiar, Bursenreliquiar, Kapselreliquiar, Reliquienfläschchen, Reliquientafel, Armreliquiar, Reliquienbecher, Reliquienpokal, unterschiedlichsten Kästchen bis zum Reliquienkreuz. Dies alles wird sehr profund dargestellt.

Jankes Buch ist genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen. Der sorgfältig recherchierte und bearbeitete Katalog, der die Technik, Provenienz, Ikonographie, Datierung und Bedeutung der Exponate - im kenntnisreichen und erhellenden Vergleich mit anderen Stücken - beschreibt, erarbeitet und klar darstellt, fundiert jede künftige wissenschaftliche Beschäftigung, aber auch jeden Besuch des Halberstädter Domschatzes. Problematisch allerdings ist, wenn solche Ergebnisse von Bekenntnissen begleitet werden, die davon zeugen, dass persönliches Glaubenspostulat gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis und Methodik vorrangig behandelt wird. Wenn gegenüber einer "ganzheitliche[n] Lebenssicht" die Einschränkungen und die Blindheit "eines aufgeklärt-rationalen Weltverständisses" kritisiert wird, auf Grund dessen "das Bewusstsein der Erhabenheit wie der gnädigen Zuneigung Gottes" als "entscheidende Dimension" der Reliquienverehrung verschlossen bleibt (24), stellt sich umgekehrt die Frage, ob bei einer solchen Perspektive nicht wesentliche kultische und machtpolitische Aspekte verstellt beleiben müssen. Zu kurz kommen theoretische Ansätze, wie sie die Sammlungsgegenstände nahe legen, etwa Reflektionen zur Bildökonomie und -logik, zur Inter- und Transmedialität oder zur hochaktuellen Frage von Bildkulturtransfers; denn schließlich besteht der Reiz dieser Sammlung ja gerade darin, dass sich - wie etwa in dem mit verschiedensten Edelsteinen und Perlen, wohl romanischen Emailplättchen, antiken Steinschnitten, einem byzantinischen oder islamischen Löwenkopf und karolingischem Siegelstempel reich dekorierten Tafelreliquiar - geradezu palimpsestartig verschiedene historische Schichten, Bildkulturen und Rezeptionen überlagern. Diesen Schatz gilt es noch zu heben.

Kristin Marek