Rezension über:

Günter Oesterle (Hg.): Erinnerung, Gedächtnis, Wissen. Studien zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung (= Formen der Erinnerung; Bd. 26), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 685 S., 34 Abb., ISBN 978-3-525-35585-5, EUR 98,00
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Rezension von:
Stefan Troebst
Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Troebst: Rezension von: Günter Oesterle (Hg.): Erinnerung, Gedächtnis, Wissen. Studien zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/8830.html


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Günter Oesterle (Hg.): Erinnerung, Gedächtnis, Wissen

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Der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Giessener Sonderforschungsbereich "Erinnerungskulturen" hat bislang eine beeindruckende Zahl an Monographien und thematischen Sammelbänden sowie eine konzise Einführung in das Forschungsfeld hervorgebracht. [1] Der anzuzeigende umfangreiche Band versammelt nun 25 kürzere Beiträge von 32 Autoren aus 11 Disziplinen, geordnet nach den Rubriken "Theoretische Dispositionen", "Wissensordnungen", "Intermedialität" sowie "Zeit und Identität". Diesen vier Teilen sind jeweils (namentlich nicht gezeichnete) knappe Einleitungen vorausgeschickt, die auf die (Gesamt-)Einleitung des Herausgebers Günter Österle Bezug nehmen. Ein deutlicher inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Literaturwissenschaft, aber auch Kunstgeschichte, Philosophie und Geschichtswissenschaft sind gut vertreten.

Ausgehend von Jan Assmanns viel zitierter Prognose von 1992, "daß sich um den Begriff der Erinnerung ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften aufbaut, das die verschiedenen kulturellen Phänomene und Felder Kunst und Literatur, Politik und Gesellschaft, Religion und Recht in neuen Zusammenhängen sehen läßt" [2], haben es sich die Beiträger gemäß Klappentext zum Ziel gesetzt, "gemeinsam die Grundzüge einer kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung [...]" zu entwickeln. Ob sie dieses Ziel erreicht haben oder nicht, wird erst der Gebrauch dieses gewichtigen Bandes erweisen. Im Folgenden sollen exemplarisch zwei Beiträge von Historikern beleuchtet werden, die sich der Frage widmen, welche Wirkungen die Geschichtspolitik staatlicher wie nicht-staatlicher Akteure auf die Formung der Erinnerungskultur einer Nationalgesellschaft haben. Sie belegen zugleich das Erklärungspotential der Geschichtswissenschaft bei der Frage nach Entstehung, Struktur und Entwicklungstendenzen von Erinnerungskulturen nationaler wie transnationaler Art.

Der Giessener Historiker Friedrich Lenger leuchtet in seinem Beitrag "Geschichte und Erinnerung im Zeichen der Nation. Einige Beobachtungen zur jüngsten Entwicklung" den großen Überlappungsbereich von vergleichender Nationalismusforschung und interdisziplinärer Erinnerungskulturstudien aus (521-535). Nach einer kritischen Neubewertung der Großunternehmungen von Pierre Nora sowie von Etienne François und Hagen Schulze wagt er sich an eine vorläufige Periodisierung europäischer und globaler Erinnerungskulturen, wobei er Wegmarken der kulturwissenschaftlichen Forschung zu diesem Gegenstand zugleich als Indikatoren für Zäsuren in deren Entwicklung wertet. Mit Blick auf die genannten drei Autoren stellt sich ihm die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert als erinnerungskultureller Einschnitt dar, wie er überdies das "lange" 19. Jahrhundert als "erinnerungskulturellen Block" wertet. Innerhalb des "kurzen" 20. Jahrhunderts fasst er den Ersten Weltkrieg und in Gestalt des Holocausts implizit auch den Zweiten als Erinnerungsscheiden auf; desgleichen bezüglich Westeuropas, der USA und Australien auch den postmodernen Patriotismus der Endphase des Kalten Krieges. Den ultimativen Pluralisierungsschub der Erinnerungen sieht er im dramatischen Jahrzehnt nach 1989 angelegt - noch immer allerdings "im Zeichen der Nation". Bei aller Skizzenhaftigkeit stellt Lengers Aufsatz den ersten reflektierten Versuch einer Periodisierung der internationalen erinnerungskulturellen Entwicklung vom 19. bis zum 21. Jahrhundert dar. Für die künftige Forschungsdiskussion ist er wegweisend.

Gleichfalls ein Grundproblem der Erinnerungskulturforschung geht die Historikerin Claudia Althaus an, die mittlerweile vom Giessener SFB in einen Münchner Wissenschaftsverlag gewechselt ist. In ihrer Studie "Geschichte, Erinnerung und Person. Zum Wechselverhältnis von Erinnerungsresiduen und Offizialkultur" greift sie die Frage nach der Kongruenz und vor allem nach dem Auseinanderklaffen sozialer und individueller Erinnerung auf (589-609). Zwischen "Offizialgedächtnis" und persönlichen Erinnerungen sieht sie ein Spannungsverhältnis, ja eine Rivalität, welche die Forschung ihr zufolge bislang unzureichend thematisiert hat - zumindest vor dem Erscheinen des Bestsellers "Opa war kein Nazi" (Frankfurt/M. 2002), das offenkundig in die Zeit nach der Fertigstellung ihres Aufsatzes fiel. Dabei hält sie die Halbwachssche Hierarchisierung von dominierendem sozialen Gedächtnis und untergeordneter persönlicher Erinnerung für voreilig, da unhinterfragt. Entsprechend lautet ihre Leitfrage "Prägt die öffentliche Erinnerung das individuelle Gedächtnis in weiten Teilen, wie bislang angenommen, oder lässt sich auch zeigen, dass sogar institutionell verneinte individuelle Erinnerungen das öffentliche Gedenken und Erinnern mitgeformt haben?" (590 f.), der sie anhand von Kriegen in ihrer Koselleckschen Funktion als "Erinnerungsschleusen" nachgeht. Am Beispiel der Erinnerung von Frauen im Nationalsozialismus einerseits sowie der Erinnerungen von männlichen Tätern an ihre Taten in derselben Diktatur andererseits gelangt sie zu dem Ergebnis, dass es auch und gerade in einer "demokratischen Gedenkkultur" individuelle "Erinnerungsresiduen", "Erinnerungsresistenzen", ja "Gegen-Gedächtnisse" gibt, die in - partiell subversiver - Interaktion mit den geschichtspolitischen Normen der Offizialkultur ein paralleles Eigenleben führen. "Eine vermeintlich memoriale Notwendigkeit, diese beiden Erinnerungen zur Deckung zu bringen, ist wohl eher ein wissenschaftliches Konstrukt als die Wirklichkeit der Erinnernden" (608).

Nicht alle Beiträge des Bandes sind auf der Höhe der Zeit. So lag der Redaktionsschluss des umfangreichen Aufsatzes von Hartmut Bergenthum "Geschichtswissenschaft und Erinnerungskulturen. Bemerkungen zur neueren Theoriedebatte" (121-162) bereits im November 2001. Das ist insofern bedauerlich, als es sich hierbei um eine außerordentlich akribische und kritische Rekonstruktion eines weiter anhaltenden Diskussionsprozesses mit innovativen "Perspektiven einer erinnerungskulturell erweiterten Geschichtswissenschaft" handelt (154).

Der Giessener Sammelband zieht eine beeindruckende Zwischenbilanz der weiterhin im Auftrieb befindlichen kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Mit seiner Orientierung auf Theorie und Methode balanciert er den aktuelleren Forschungstrend zur Empirie gut aus. Dass man ohne Wolle nicht stricken kann, ist zweifelsohne zutreffend, aber ebenso richtig ist, dass man ein Strickmuster und eine Vorstellung von Form und Größe des Endprodukts haben muss.


Anmerkungen:

[1] Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2005.

[2] Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, 11.

Stefan Troebst