Rezension über:

Scott M. Eddie: Landownership in Eastern Germany before the Great War. A Quantitative Analysis, Oxford: Oxford University Press 2008, xxiv + 278 S., ISBN 978-0-19-820166-3, GBP 65,00
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Rezension von:
Hartwin Spenkuch
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Hartwin Spenkuch: Rezension von: Scott M. Eddie: Landownership in Eastern Germany before the Great War. A Quantitative Analysis, Oxford: Oxford University Press 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/14439.html


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Scott M. Eddie: Landownership in Eastern Germany before the Great War

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Der Widerspruch von angeblicher Junkerherrschaft in Preußen einerseits und der Charakterisierung dieser Gruppe als u.a. wegen der Agrarkrise wirtschaftlich niedergehend habe ihn vor vielen Jahren auf das nun in Buchform behandelte Thema gebracht, schreibt Scott Eddie im Vorwort (VI). Mit seiner Studie trete er in die Fußstapfen von Johannes Conrads "Agrarstatistischen Untersuchungen" (1888-98); seine Befunde seien mit der Interpretation von Klaus Hess' Buch "Junker und bürgerliche Großgrundbesitzer im Kaiserreich" (1990) konsistent (13). Damit verspricht der kanadische Wirtschaftshistoriker im Ruhestand dem Leser nicht zuviel.

Von der Einleitung bis zu den Schlussbemerkungen müht sich Eddie in zehn Kapiteln und anhand von rund 160 Tabellen bzw. Graphiken mit der Datenbasis. Er hat Zehntausende von Daten aus den zeitgenössischen Handbüchern des Großgrundbesitzers, die in mehreren unvollständigen Reihen erschienen sind, von Hilfskräften zu den Stichjahren der Landwirtschaftszählungen 1882, 1895 und 1907 aufnehmen lassen. Er gruppiert sie nach plausiblen Gesichtspunkten, stellt die provinziale Verteilung dar, betrachtet die fünfzig größten Landbesitzer, die adelig-junkerlichen sowie die bürgerlichen Besitzer, untersucht das landwirtschaftliche Nebengewerbe und die Landnutzung nach Acker, Wiesen und Wald. Eddie arbeitet methodisch ungemein sorgfältig, sauber und statistisch avanciert. Er stellt seine Leitfragen explizit am Beginn eines Kapitels und versucht an dessen Ende (oft zu) vorsichtig formulierte Antworten darauf.

Eddie hebt begründet hervor, dass landwirtschaftliche Besitz-Statistik und Besitzer-Zahlen zwei verschiedene Dinge sind; er legt dar, dass die Güter über 100 Hektar zusammen 106.000 qkm der 227.000 qkm der sieben ostelbischen Provinzen bzw. der 348.500 qkm Preußens ausmachten (54 f.) und dass im Jahre 1882 rd. 3620 Adelige ca. 50.000 qkm und rd. 7020 bürgerliche Besitzer ca. 31.350 qkm besaßen (79 f.). Diese Flächen gingen bis 1907 auf 47.440 bzw. 28.090 qkm zurück (88 f.), was belegt, dass Adelige prozentual nicht mehr Besitz verloren als Bürgerliche, und Ostelbien gutteils auch Bauernland war. Die enormen Besitz- und Reichtumsunterschiede zwischen Hoch- und Kleinadel werden zu Recht betont, wenngleich es sich hierbei um eine communis opinio der Forschung handelt. Von einer stetigen, tiefen Krise des Großgrundbesitzes ist nach allen Daten Eddies im Kaiserreich nicht zu reden; die stärksten Landverluste erlitt der Großgrundbesitz bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Dies konstatierten aber schon Klaus Hess und René Schiller sowie andere Forscher. Einzelne Ergebnisse sind neu, etwa der enorme Umfang des Staatsbesitzes von rund 25.000 qkm. Eine erhellende kleine Fallstudie (158-163) zeigt den Besitzwechsel in der Provinz Preußen differenziert auf.

Bei anderen Fragen bleiben Zweifel. So dürfte Eddie die Bedeutung der "substantial industrial interests" (209), des angeblichen "dense network of industrial establishments" (240) im Großgrundbesitz mit diesen Formulierungen überschätzen. Denn in der von Eddie ausweislich des Literaturverzeichnisses zu wenig rezipierten neueren Forschung sind Brennereien, Ziegeleien, Meiereien usw. längst als übliche landwirtschaftliche Nebengewerbe erkannt. Dies bedeutet aber nicht, dass (adlige) Großgrundbesitzer moderne Industrielle waren, wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht gerade weiterführend erscheint die Frage, wie sich Besitzer mit Offiziersrang von bloßen Zivilisten unterschieden (111ff.). Denn wenn in den späteren Güter-Adressbüchern häufiger Offiziersränge angegeben wurden, dann hat das primär mit der wilhelminischen Militärverehrung und Heeresvergrößerung zu tun, was Eddie auch selbst als "nagging suspicion" (115) anführt. Hier trägt der agrarstatistische Ansatz nicht weit genug. Irritierend wirken u.a. die Verballhornung der Familie Wylich und Lottum in "Wyttich und Lochum" (101, 278) und die Nichtidentifizierung des großgrundbesitzenden Landwirtschaftsministers Rudolf Friedenthal (195). Solche Unsicherheiten entstehen, weil weder biographische Lexika noch Gothaische Adelslexika noch gerade für Prominente vorliegende Biographien, etwa über die mehrfach erwähnten Stolberg-Wernigeroder Fürsten, benutzt werden. In biographischen wie auch bei diversen sachlichen Fragen endet Eddie immer wieder mit Mutmaßungen, wo Literatur-Recherche mehr Klarheit bringen könnte.

Vom Standpunkt des politischen Sozialhistorikers fällt die Lektüre des Bandes insgesamt eher unbefriedigend aus. Denn trotz der anerkennenswert arbeitsintensiv durchgeführten und per se legitimen Konzentration auf die quantitative Analyse bleibt als größtes Manko des Bandes bestehen, dass die analysierte Quellenbasis wie der Blickwinkel auf Güter-, Hektar- und statische Grundsteuer-Zahlen beschränkt werden. Betriebswirtschaft und Agrarkonjunkturen, Zollhöhen und weltwirtschaftliche Verflechtung sowie insbesondere die politische Sphäre bleiben unbeachtet. Dreiklassenwahlrecht und die Stellung des Adels in der preußischen Monarchie, die politisch-sozialen Bedrohungen und die Reaktionen des Großgrundbesitzes im Zeitalter der Massenmobilisierung, obendrein kulturelle Faktoren wie Weltanschauung oder Familienstrategien in Aristokratie und bürgerlichem Gutsbesitz, dies alles kommt kaum vor. Mithin bleiben all jene Faktoren, die das von Eddie eingangs formulierte Spannungsverhältnis zwischen politischer Macht des (adeligen) Großgrundbesitzes und wirtschaftlicher Grundlage ziemlich plausibel erklären können, unbeachtet. Die numerische Betrachtung der Besitzer-Statistik, selbst "in perhaps excruciating detail" (236), kann das nicht leisten. Mit noch so ausgefeilter Regressionsstatistik ist ex post die Frage, ob bei der Grundsteuer-Einschätzung der 1860er Jahre bürgerliche gegenüber adeligen Besitzern benachteiligt oder ob in Westprovinzen zu unberechtigt höheren Steuersätzen als in Ostprovinzen veranlagt wurden, nicht zu beantworten, wie Eddie selbst erkennt (249 mit Anm. 9).

Der mit anerkennenswerter Bescheidenheit (17) als Maßstäbe setzend gelobte Band René Schillers "Vom Rittergut zum Großgrundbesitz" (Berlin 2003) wird weder in seiner analytischen Tiefe noch seiner Breite erreicht. Immerhin liefert Eddie die erste englischsprachige Untersuchung der ostelbischen Grundbesitzverteilung in Buchlänge und legt damit eine Datengrundlage für interessierte Forscher, die sich jedoch nicht auf eine quantitative Analyse beschränken sollten, um komplexe wirtschafts- und sozialhistorische Fragestellungen umfassend angehen zu können.

Hartwin Spenkuch