Rezension über:

Angelika Diedrich: Religion und Politik in deutschen Fürstenspiegeln von 1767 - 1799. "Das Geschäft mit dem Himmel" (= Spektrum Politikwissenschaft; Bd. 36), Würzburg: Ergon 2007, 309 S., ISBN 978-3-89913-545-9, EUR 38,00
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Rezension von:
Susan Richter
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Susan Richter: Rezension von: Angelika Diedrich: Religion und Politik in deutschen Fürstenspiegeln von 1767 - 1799. "Das Geschäft mit dem Himmel", Würzburg: Ergon 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/13087.html


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Angelika Diedrich: Religion und Politik in deutschen Fürstenspiegeln von 1767 - 1799.

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Der vorliegende Band entstand als Dissertation an der Universität Augsburg im Fachbereich Politikwissenschaft. Die Arbeit wurde von Hans Otto Mühleisen betreut, dem gemeinsam mit Theo Stammen das Verdienst gebührt, in den letzten Jahren die Bedeutung der Textgattung "Fürstenspiegel" als pädagogischer und herrschaftsethischer Gebrauchsliteratur für die politische Kultur der Frühen Neuzeit erarbeitet zu haben. Die Autorin ergänzt die bisherigen Ergebnisse um eine Studie zur Rolle von Religion und Politik in Fürstenspiegeln im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts anhand von zehn, in der Forschung bisher wenig beachteten Fürstenspiegeln.

Die Arbeit beginnt mit einer äußerst knappen Einleitung, in der die Verfasserin u. a. von der Hypothese ausgeht, dass sich Fürstenspiegel als "populärwissenschaftliche Informationsquellen" (14) eignen, um anhand des darin vermittelten Religionsbegriffs den zeitgenössischen Wertewandel in der Politik zu analysieren. Der Einleitung folgt ein "Exkurs" (25-29) zur Rolle der Religion im politikwissenschaftlichen Diskurs, ausgehend von der modernen Differenzierung von Politik und Religion, die ihre Konsequenz in der Trennung von Staat und Kirche findet. Die säkularisierungstheoretischen Entwürfe verneint Angelika Diedrich und geht von dem aktuell steigenden Interesse an Religion und ihrer Bedeutung für das Funktionieren von Gesellschaft und politischem Regime auf nationaler und internationaler Ebene aus. Sie leitet daraus neben der Aktualität ihres Themas das Ziel ab, die "Wurzeln vor und zu Beginn der Säkularisierung" (29) ins Zentrum ihrer Analyse zu stellen. Dieser "Exkurs" überzeugt jedoch als Hinführung zur Thematik nicht. Es fehlt ein einleitender Überblick zum zeitgenössischen Verständnis von Konfession und Religion im Alten Reich des späten 18. Jahrhunderts aus staatstheoretischer Sicht.

Zu erörtern gewesen wären z.B. Themen wie der Wandel der Bedeutung von Religion bzw. Konfession als politische und ethische Leitkategorie für die Regierung von Gemeinwesen und für das konfessionsspezifische Verständnis von Herrschaft; oder aber die scharfe Kritik der Aufklärer und fürstlichen Reformer wie etwa die Josephs II. an leeren Zeremonien und Traditionen des Aberglaubens sowie die Unterwerfung der Religion unter den Nützlichkeits-Gedanken.[1] Gerade die rationale und damit säkularisierte Auffassung vom Nutzen der Religion zur Förderung irdischer Wohlfahrt war es aber, die dem Glauben eine neue Funktion zuerkannte. Die Religion verblieb damit weiterhin im Mittelpunkt des herrscherlichen Interesses, und der Fürst wurde von der Spiegelliteratur noch immer in die Pflicht genommen, sie zu schützen und zu bewahren.

Dem Leser wird dieser historische Kontext jedoch ebenso vorenthalten wie derjenige, der begründen könnte, warum die vorliegende Arbeit die "Analyse einer Krise[nzeit]" (13) darstellt. Natürlich markiert die Französische Revolution für die Territorien des Alten Reiches einen politischen und gesellschaftlichen Wendepunkt, mit dem sich die intellektuellen Eliten schriftlich auseinander setzten. Doch die Zeit vor 1789 ist vor allem durch die Rezeption verschiedener Strömungen der Aufklärung geprägt, die vielfältige Neubewertungen von Religion transportierten und somit eher Umbruchssituationen als Krisen darstellten. Eben diese Zusammenfassung und eine treffendere Wahl der Termini mit einer kurzen ereignis- und ideengeschichtlichen Begründung im Sinne der Gefährdung der alten Ordnung hätten die folgende inhaltliche Auseinandersetzung mit den einzelnen Fürstenspiegeln klarer erscheinen lassen.

Basierend auf der altbekannten und sinnvollen Methode der Mühleisen/Stammen-Schule, erfolgt danach vor dem Hintergrund der rekonstruierten biographischen Situation der Verfasser der Fürstenspiegel in Kapitel III eine kurze Analyse ihres jeweiligen Werkes. Diedrichs Ergebnis deckt sich dabei mit den bisherigen Erkenntnissen der Fürstenspiegelforschung: protestantische Fürstenspiegelautoren dominieren auch im späten 18. Jahrhundert immer noch wie in der gesamten Frühen Neuzeit. Die Autorin übersieht jedoch diese sich über mehrere Jahrhunderte fortsetzende Kontinuität und so unterbleibt auch die Suche nach den möglichen Gründen dafür, die u.a. im Verständnis der protestantischen Theologen und Juristen als Säulen der Obrigkeit und im 18. Jahrhundert im Gedanken des Staatsdienstes verankert sind. Daraus ergibt sich auch eine Kontinuität für die Berufe der Fürstenspiegelautoren. Noch immer widmeten sich in der Mehrzahl Juristen und Theologen der Aufgabe der Erziehung und politischen Bildung der gesellschaftlichen Eliten in den Fürsten- und Adelshäusern. Die Auswertung der biographischen Indikatoren erfolgt ausschließlich aus dem eigenen Quellenfundus, ohne Berücksichtigung von Ergebnissen der Fachliteratur oder einer Einordnung in einen größeren zeitlichen Kontext.

Im Anschluss daran setzt sich Diedrich mit dem Religionsverständnis der Fürstenspiegel auseinander. Die Einzeluntersuchungen werden im folgenden Kapitel (IV) zusammengeführt und erfahren unter den Aspekten der Schreibintention, der anvisierten Adressatenkreise, dem persönlichen Religionsverständnis oder der Perzeption von Religion in der Gesellschaft eine Auswertung. Diese wird durch zahlreiche Schautafeln und Diagramme ergänzt, die auf Übersichtlichkeit zielen, jedoch die Ergebnisse nicht unbedingt aussagekräftiger erscheinen lassen. So finden sich im Kreuzdiagramm "Einstellung [der Fürstenspiegelautoren und ihrer Werke] zu Religion und Kirche" (269) die Einordnungen von neutral, über positiv bis hin zur völligen Ablehnung. Dies klingt alles sehr pauschal.

In der Tat findet sich in den zehn untersuchten Fürstenspiegeln die große Bandbreite von religiösen Auffassungen vom Pantheismus (Schlosser) bis zum Votum für die notwendige Beibehaltung der klerikalen Obrigkeitsfunktion im Sinne des landesherrlichen Kirchenregiments (Krutthofer). Mit diesem Ergebnis zeigt Angelika Diedrich, dass die Gattung der Fürstenspiegel auch im 18. Jahrhundert praxisorientiert und flexibel auf die zeitgenössischen Entwicklungen reagierte. Auch wenn die Religion ihren Rang als vordergründiges Orientierungssystem für politische Eliten und Untertanen verloren hatte, blieb sie aber noch immer ein gängiger Topos der Zeit (298).

Diedrich verweist in der Zusammenfassung ihrer Arbeit auf die größere Kritikbereitschaft der protestantischen Fürstenspiegelautoren und begründet diese Tatsache damit, dass die Autorität der Obrigkeit für diese Autoren keine Priorität gehabt habe (299). Diese Erklärung erscheint weder schlüssig noch genügt sie, verstand sich doch gerade die frühneuzeitliche protestantische Geistlichkeit und insbesondere diejenigen Theologen, die als Fürstenspiegelautoren auftraten, schon im 16. und 17. Jahrhundert gemäß dem Wort des Propheten Ezechiel - "Ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel" [2] - gegenüber der fürstlichen Obrigkeit als Wächter, Mahner und Kritiker. Gerade in der geäußerten Kritik und Erinnerung sahen sie gemeinsam mit den Juristen die Möglichkeit, als verantwortungsvolle Stütze und Helfer der Obrigkeit zu fungieren. Diese Tradition setzte sich bis ins späte 18. Jahrhundert fort, auch wenn sich die kritischen Inhalte änderten. Diedrichs Arbeit hätte in diesem wie in vielen anderen Punkten deshalb stärker an die bisherigen Erkenntnisse der Fürstenspiegelforschung anknüpfen und mit ihren Ergebnissen verbunden werden können. Ihre interessante Thematik in sprachlich durchaus gewandter Bearbeitung bietet damit leider zur deutschen und internationalen Forschung wenige Anschlüsse.


Anmerkungen:

[1] Zur Gesamtthematik vgl. Armin Kohnle / Susan Richter: Bericht über das im Rahmen des 11. Internationalen Kongresses für Lutherforschung im Juli 2007 in Canoas/Brasilien gemeinsam abgehaltene Seminar zum Thema: Christentum als Herrschertugend. Lutherische Ethik in Fürstenspiegeln der frühen Neuzeit / The Character of the Christian Ruler: Lutheran Ethics in Early Modern Fürstenspiegel, demnächst in: Lutherjahrbuch 75 (2008).

[2] Zitiert nach Thomas Rorarius: Fürstenspiegel / Christliche und notwendige vermanung / An alle Evangelische Chur und Fürsten / Stedt und Stende der Augspurgischen Confesion, Schmalkalden 1566. Einleitung/Widmung; o.S.

Susan Richter