Rezension über:

Caroline Vout: Power and Eroticism in Imperial Rome, Cambridge: Cambridge University Press 2007, xiv + 285 S., ISBN 978-0-521-86739-9, GBP 50,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Christian Seebacher
Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christian Seebacher: Rezension von: Caroline Vout: Power and Eroticism in Imperial Rome, Cambridge: Cambridge University Press 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/13002.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Caroline Vout: Power and Eroticism in Imperial Rome

Textgröße: A A A

Die Verfasserin setzt sich in der auf ihrer Dissertation basierenden Monographie mit dem Verhältnis zwischen Macht/Herrschaft und Sexualität im Prinzipat auseinander. Mit diesem Vorhaben packt Vout ein wichtiges, noch weitgehend unerforschtes Thema der Altertumswissenschaft an: die zeitgenössische Darstellung kaiserlicher Sexualität, die in unterschiedlichen Feldern als Element der Herrschaftsrepräsentation, der Konstruktion eines Nahverhältnisses zum Herrscher oder der expliziten Herrscherkritik zum Einsatz gebracht wurde. Dies zeigt sie anhand von vier Fallstudien, die zur Diskussion unterschiedlicher Quellengattungen dienen. Sie stehen in Zusammenhang mit der Sexualität verschiedener römischer Kaiser, so dass sich die Untersuchung zeitlich vom Prinzipat Neros bis zu jenem des Lucius Verus erstreckt.

Vor diese Fallstudien setzt Vout den methodischen Teil ihrer Untersuchung ("1. The erotics of imperium"). Sie definiert Sexualität als "a way to talk about imperium" (5), da spezifische Evidenzen, besonders jene materieller Kategorien, auf die Körperlichkeit des Princeps rekurrierten. Die Autorin kündigt an, ihre Beobachtungen auf affektuale, stimulierende Wirkung dieser Evidenzen auf den Rezipienten, die sie als "erotics of empire" bezeichnet, zu fokussieren. Dies bedeute Identifikationsangebote, die das antike Publikum auf unterschiedlichste Weise in die Nähe kaiserlicher Macht rücke.

Die erste Fallstudie ("2. Romancing the stone: the story of Hadrian and Antinous") befasst sich mit den zahlreichen materiellen Darstellungen des hadrianschen 'Lieblings' Antinoos, die im gesamten Imperium Romanum nach dessen Tod errichtet worden waren. Auf der Basis eines großen Corpus von Statuen exemplifiziert Vout einige Thesen zu Antinoos als Teil der "erotics of empire":

1) Die Präsentation von Antinoos im gesamten Imperium Romanum habe eine römische Dominanz zum Ausdruck gebracht wie sie auch in sexueller Hinsicht der Princeps über den passiven, griechisch-ägyptischen Antinoos besessen habe.

2) Die attraktive Erscheinung der Antinoos-Bilder habe jedoch gleichzeitig affirmative Bindungen geweckt, die dem Betrachter Hadrian und dessen Herrschaft näher gebracht hätten.

3) Die (wohl nicht formal vollzogene) Vergöttlichung des Antinoos stehe in Zusammenhang mit den Aufstellungskontexten seiner materiellen Repräsentationen, aber auch mit im visuellen Programm hervorgehobenen Entsprechungen zu mythologischen Figuren; dabei spricht Vout von religiösem Synkretismus.

Mit ihrer folgenden Fallstudie ("3. Compromising traditions: the case of Nero and Sporus") geht Vout nach den vornehmlich positiven, materiellen "erotics of empire" zu einer literarischen und antimonarchischen Diskursivierung über: der Darstellung der Heirat Neros mit dem auf seine Veranlassung kastrierten Jüngling Sporus bei Sueton und Cassius Dio. Nach längeren Ausführungen über antike Knabenliebe und ihre Darstellung in griechischer sowie ihre Verurteilung in römischer Literatur wird Sporus' Diskursivierung als männliche Entsprechung zum literarischen Bild von Neros sittlich verdorbener Gattin Poppaea erörtert. Die Schilderung der Heirat schließlich entlarve, so Vout, Nero als Tyrannen. Diese Folgerung entwickelt sie aus einem Vermerk Suetons, der Sporus mit Sigillaria in Verbindung bringt. Da diese während der Saturnalien verkauft worden seien, handele es sich - entsprechend zum Charakter des Fests - um eine Kritik an der Inversion normierten Handelns des Princeps.

In der dritten Fallstudie ("4. A match made in heaven: Earinus and the emperor") werden jene Werke von Martial und Statius besprochen, die sich mit der Beziehung Domitians zu dem Eunuchen Earinus befassen. Dabei wird die Rolle der beiden Dichter als Poeten in Kaisernähe ebenso berücksichtigt wie kritische Untertöne gegen den Princeps in ihren Werken. Den beiden Poeten sei es, so Vout, durch Rekurs auf hellenistische, aber auch Catull'sche Dichtung gelungen, Domitian einerseits als 'Dominus et Deus', andererseits als unrömischen Herrscher zu präsentieren.

Nach den Beispielen zur Männerliebe geht die letzte Fallstudie ("5. Mistress as metaphor: a dialogue with Panthea") zu der Beziehung des Lucius Verus zu Panthea, seiner Geliebten aus Smyrna in Lukians "Kyropaideia", über. Panthea bleibt mehr als alle anderen Figuren literarisches Konstrukt, das Vout zum einen in Analogie zu der traditionellen bildlichen Darstellung unterworfener Provinzen als Verweis auf imperiale Eingliederung und Domestizierung, zum anderen als Domestizierung des Eroberers deutet, wie mythologische Verweise bei Lukian demonstrierten. Folglich habe diese literarische Nutzung der "erotics of empire" die provinzialen Leser in Kaisernähe gerückt und römische Macht/Herrschaft in ihren Horizont übersetzt.

Die Untersuchung schließt mit einem kurzen Kapitel ("6. And so to bed..."), in dem Vout vornehmlich ihre Ergebnisse zu dem Pressespiegel der Beziehung von Prince Charles und Camilla Parker-Bowles in Bezug setzt.

Schon dieser Abschluss verdeutlicht zwei der vielfältigen Probleme der Studie: Hier wie in mehreren weiteren Fällen gelingt es der Autorin nicht, ihren Befund in seiner historischen Besonderheit zu erfassen. Weder dürfen die strukturellen und die auf dem sozialen Selbstverständnis der Bürger fußenden Funktionsmechanismen einer parlamentarischen Monarchie mit den Verhältnissen im Imperium Romanum gleichgesetzt werden, noch erfüllen die moderne Klatschpresse und die antike Dichtung ähnliche Aufgaben. Daneben gerät auch die abschließende Zusammenbindung der Fallstudien oberflächlich und wenig prägnant.

Deutlich gravierender sind jedoch die formalen Mängel der Untersuchung. So verzichtet Vout auf eine klare Definition des Feldes Erotik/Sexualität, woran auch ein knapper Verweis auf Foucaults "Histoire de la sexualité" nichts ändert, da dieser als unvollkommenes Instrumentarium verworfen wird. [1] Entsprechend kann Erotik zwar als Diskursivierung der römischen Herrschaft verstanden werden, doch wäre deutlicher zu verorten, in welchem kommunikativen Kontext dies geschieht und welche unterschiedlichen Produzenten und Rezipienten mit divergierenden Zielsetzungen daran beteiligt waren. [2] Dass Vout stattdessen "psycho-sexual responses" (8) auf die "erotics of empire" ergründen möchte, scheint weder historisch durchführbar noch im weiteren Verlauf ernsthaft vorgenommen. Zur Oberflächlichkeit der Ergebnisse trägt bei, dass der soziale Status der Rezipienten in keinem Fall eruiert wird - Vout spricht lediglich von "readers" bzw. "viewers".

Mindestens ebenso gravierend ist, dass die Autorin das Feld "power" nicht definiert. Es bleibt unklar, ob sie damit "Herrschaft" oder schlicht "Macht" meint, womit sie versäumt die Parameter des Begriffs in den spezifischen Kommunikationssituationen zu verankern.

Selbst Kapitel 2 als ausführlichster und gelungenster Teil der Studie bleibt mangelhaft. Dabei ist weniger problematisch, dass Vout den korrekt postulierten religiösen Synkretismus, der in zahlreichen Antinoos-Bildern zum Ausdruck kommt, auf die Verschmelzung von Osiris und Antinoos beschränkt und definitorisch deutlich an der Oberfläche des Komplexes bleibt. Wesentlich heikler ist die Erweiterung des Corpus der Antinoos-Darstellungen auf ungesicherte Evidenzen. [3] Hier verwirft Vout die gebräuchliche Lockenzählung und fordert, über kleinste Details zeitgleiche Jünglingsdarstellungen mit Antinoos zu identifizieren. Diese dubiose Vorgehensweise führt Vout zu der zweifelhaften Folgerung, alle Jünglingsstatuen hadrianscher und post-hadrianscher Zeit seien auf Einfluss der Antinoos-Bildnisse zurückzuführen, statt vom gegenteiligen Fall einer zeitgenössischen Konvention bei der Erstellung letzterer auszugehen.

Dennoch bleibt schließlich positiv zu vermerken, dass Vout auf ein wichtiges Thema, die Diskursivierung des Machtverhältnisses zwischen Zentrum und Peripherie, verweist. Doch dessen Erforschung steht weiterhin aus.


Anmerkungen:

[1] Michel Foucault: Histoire de la sexualité, Paris 1982-84. Zu Anwendbarkeit und Modifizierung des Foucault'schen Instrumentariums hätte sich die Studie von Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer: Im Zeichen des Phallus. Die Ordnung des Geschlechtslebens im antiken Rom, Frankfurt/New York 1995; angeboten, die Vout leider nicht rezipiert. Besonders der Forschungsüberblick (9-15) und die Folgerung zu aktiven und reaktiven Rollen im individuellen, familialen und öffentlichen Raum in ihrer "weniger geschlechtsspezifische[n] als herrschaftsbezogene[n] Kontur" wären dienlich gewesen.

[2] Handlungs- und kommunikationsorientierte Arbeiten zur römischen Kaiserzeit haben Egon Flaig: Den Kaiser herausfordern. Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt/New York 1992; und Dirk Barghop: Forum der Angst. Eine historisch-anthropologische Studie zu Verhaltensmustern von Senatoren im Römischen Kaiserreich, Frankfurt/New York 1994; verfasst. Wesentlich gravierender ist aber, dass Vout nicht auf das Kommunikationsmodell in Fergus Millar: The Emperor in the Roman World, Ithaca 1977; Bezug nimmt, es erscheint gar nicht erst im Literaturverzeichnis.

[3] Für weitere synkretistische Verschmelzungen und akzeptierte Bildnistypen siehe Hugo Meyer: Antinoos. Die archäologischen Denkmäler unter Einbeziehung des numismatischen und epigraphischen Materials sowie die literarischen Nachrichten. Ein Beitrag zur Kunst- und Kulturgeschichte der hadrianisch-frühantoninischen Zeit, München 1991; besonders Kat. I 43 und 63f.

Christian Seebacher