Rezension über:

Doron Avraham: In der Krise der Moderne. Der preußische Konservativismus im Zeitalter gesellschaftlicher Veränderungen 1848-1876. Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke (= Schriftenreihe des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv; Bd. 27), Göttingen: Wallstein 2008, 443 S., ISBN 978-3-8353-0277-8, EUR 38,00
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Rezension von:
Claudia Kemper
Historisches Seminar, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Kemper: Rezension von: Doron Avraham: In der Krise der Moderne. Der preußische Konservativismus im Zeitalter gesellschaftlicher Veränderungen 1848-1876. Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke, Göttingen: Wallstein 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/14548.html


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Doron Avraham: In der Krise der Moderne

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Es ist ein Glück, dass die Ideengeschichte wieder Fahrt aufgenommen hat. Die neuere historische Konservatismusforschung kann hiervon profitieren und, angereichert mit Erfahrungen der Diskursgeschichte, gewinnbringende Perspektiverweiterungen bisheriger Grundlagen vornehmen.

Doron Avrahams Dissertation baut auf der bewährten These auf, die den Konservatismus synchron als Theoriegebäude und Zeiterscheinung erklärt. Er operationalisiert dieses Erklärungsmuster für seine Untersuchung des preußischen Konservatismus und durchleuchtet konservative Werte und Ideale sowie gleichzeitig die historischen Träger und Herausforderungen. Der Aspekt der Anpassungsfähigkeit konservativer Denkstrukturen an moderne Herausforderungen bildet den Ausgangspunkt von Avarahms dichter Beschreibung. Gemäß Kurt Lenks Feststellung, dass konservatives Denken "immer dort, wo die Bedrohung besonders schmerzlich empfunden wurde" auch besonders aussagekräftig war, unterzieht Avraham das preußisch-konservative Denken nach der zwar gescheiterten, aber nicht wirkungslosen Revolution von 1848 einer detaillierten Analyse. [1] Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Staats- und Gesellschaftskonzepte preußischer Konservative, die als Gegenmittel zu den Auswirkungen gesellschaftlicher und ökonomischer Umbrüche - aus ihrer Sicht eine akute Krise - entwickelt wurden.

Avraham stellt zunächst das konservative Wertetableau eines organischen Gesellschaftsbildes (Kapitel 1) und die Argumentation für dessen immanenter Ungleichheit (Kapitel 2) vor. Anschließend untersucht er - zunehmend mit dem zeithistorischen Kontext verbunden - konservative Reaktionen auf den wachsenden Kapitalismus (Kapitel 3) und die soziale Frage (Kapitel 4), sowie Ambitionen für zukünftige Politik. Das preußisch-konservative Interesse an der Nationalstaatsbewegung spiegelt die Diskussion um Gesellschaft und kollektive Identität (Kapitel 5) sowie der Umgang mit Minderheiten (Kapitel 6).

Avraham zieht überwiegend die Schriften bekannter, einflussreicher preußischer Persönlichkeiten heran, die durch programmatische Schriften schon vor 1848 - wie auch politischen Einsatz danach - Einfluss übten auf die theoretisch-konzeptionelle und politisch-strategische Entwicklung des Konservatismus bis zu Beginn des Deutschen Reiches und seiner Transformation in eine weiterhin heterogene, aber parlamentarisch organisierte Einheit.

Friedrich Julius Stahl als besonders einflussreicher und eigenwilliger Konservativer, nimmt eine zentrale Stellung in Avrahams Untersuchung ein. Aber auch Adam Müller, Carl Ernst Jarcke, Carl Rodbertus-Jagetzow, Carl Ludwig von Haller, Joseph Maria von Radowitz, Heinrich Leo, Hermann Wagener oder Victor Aimé Huber werden als Referenzgrößen durchaus unterschiedlicher Interpretationen des konservativen Wertekanons herangezogen. Ihre gemeinsame Grundlage ergab sich aus ihrer gesellschaftlichen Stellung: sie waren Juristen, Staatsrechtler und Historiker, oftmals Konvertiten, meist Mitherausgeber einer Zeitschrift oder im preußischen Staatsdienst tätig und hatten alle die verschiedenen Umbruchsphasen des preußischen Staates seit Beginn des 19. Jahrhunderts miterlebt. Eine Erweiterung dieses Kreises um süddeutsche Einflüsse von Neu-Konservativen wie Josef Görres oder Franz von Baader könnte helfen den dynamischen Wandel im Denken, etwa in Bezug zur sozialen Frage, zu unterstreichen.

Da sich die Konservativen nach 1848 in einer ambivalenten Situation befanden reagierten sie mit einer doppelseitigen Strategie. Einerseits hatten sie, durch die Abwehr der demokratisch-freiheitlichen Forderungen an Macht gewonnen und konnten ihre politischen Beharrungstendenzen erfolgreich umsetzen, andererseits mussten sie sich mit den konkreten Folgen von technischem Fortschritt, Industrialisierung, Aufweichung gesellschaftlicher Grenzen, Verstädterung und Ökonomisierung in allen Gesellschafts- und Politikbereichen auseinandersetzen. Deshalb forderten sie, wo immer möglich, christliche Bezüge, ständische Traditionen und ein tradiertes Gesellschaftsmodell ein und formulierten gleichzeitig Lösungsvorschläge für die Folgen der Modernisierung. Besonders die konservativen Reaktionen auf die Situation der Arbeiter und Landbevölkerung lassen erkennen, inwieweit konservatives Denken fortschrittlich sein konnte um traditionelle Gesellschaftskonzepte nicht aufgeben zu müssen.

Avraham stellt die konservative Betonung bestehender Beziehungs- und Herrschaftsverhältnisse deduktiv vor und verweist zugleich auf die möglichen Zugänge innerhalb dieses Denkens, um "bestimmte moderne Prozesse dem organischen Ganzen einzufügen und anzugleichen" (65). So verblieben die konservativen, christlichen Gleichheitsprinzipien im Abstrakten, denn - so ihre Begründung - letztlich seien organische Beziehungsgeflechte immer vom Prinzip der Ungleichheit bestimmt und erhielten erst so ihre Symmetrie. Zur Erhaltung dieser Symmetrie und beflügelt durch die Wahrung eigener Interessen, setzten sich zahlreiche Schriften konservativer Denker mit der "sozialen Frage" auseinander. Zudem lag die Motivation, sich durchaus progressiv mit dem wachsenden Kapitalismus auseinander zu setzen, in den sich verändernden Verhältnissen des eigenen Standes, der landbesitzenden Aristokratie. Die Schriften zeugen von den Bemühungen, das aristokratische Ideal auch innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu legitimieren und gleichzeitig "das Prinzip des öffentlichen Engagements und der Sorge um das Wohl der Allgemeinheit" herauszustellen, um das Adels-Ideal nicht zu einem reinen Symbol absinken zu lassen (197). Ähnlich war die konservative Auseinandersetzung mit der nationalen Frage aus einer Abwehrreaktion heraus motiviert, um den Verlust gesellschaftlicher Ordnung aufzufangen oder wiederherzustellen. Auf diese Weise können Avrahams ideengeschichtliche Tiefenbohrungen helfen, die preußisch-konservative Politik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts differenzierter verorten zu können.

Die Revolution von 1848 markierte einen Wendepunkt in der konservativen Strategie: von nun an musste man sich mit den Folgen der Modernisierung auseinandersetzen und praktische Alternativen zum liberalen Fortschrittsmodel entwerfen. Konkret formulierte Panajotis Kondylis, dass die Konservativen von nun an gezwungen waren "Parteipolitik und Massenpropaganda zu betreiben." [2] Deshalb kann der Untersuchungszeitraum 1848 bis 1876 zweifellos als die "fruchtbarste Phase eines tiefgreifenden ideologischen Diskurses" im konservativen Lager angesehen werden (405). Anders als in der Phase der Restauration in den 1820er und 1830er Jahren gab es kein Gefühl der Sicherheit mehr, und die konservative Konfrontation mit der Moderne führte zu deutlicheren Diskussionen und Disputen in intellektuellen Foren und auf parlamentarischer Ebene. Den als "Krise der Moderne" wahrgenommenen gesellschaftlichen Zerfallserscheinungen wurde, mit zunehmender Perspektive auf die Öffentlichkeit, mit dem Versuch begegnet, einen gesellschaftlichen Rahmen zu schaffen, "der nach traditionellen Werten in einem neuen ökonomischen und sozialen Arrangement funktionieren sollte" (412).

In seinem Übersichtwerk zum Konservatismus hat Axel Schildt angemerkt, dass für das 19. Jahrhundert die "freiwillig beschrittenen und erzwungenen Wege der Anpassung des Konservatismus an die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse [...] noch nicht restlos aufgehellt" [3] sind. Mit Doron Avrahams Arbeit sind die Leerstellen erheblich reduziert worden. Seine detaillierte, gut strukturierte und lesbare Arbeit, bietet zahlreiche ideengeschichtliche Vertiefungen der politischen Geschichte des preußischen Konservatismus. Wenngleich an manchen Stellen eine stringentere politikgeschichtliche Einbettung der konservativen Schriften und ihrer Autoren sicherlich nützlich gewesen wäre, bietet die Arbeit einen sorgfältigen Überblick zu Denkmustern, Strategien und inneren Auseinandersetzungen konservativer und ultrakonservativer Politiker in Folge des gesellschaftlichen Umbruchs nach 1848.


Anmerkungen:

[1] Kurt Lenk: Deutscher Konservatismus, Frankfurt am Main / New York 1989, 23.

[2] Panajotis Kodylis: Konservatismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart 1986, 404.

[3] Axel Schildt: Konservatismus in Deutschland. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1998, 17.

Claudia Kemper