Rezension über:

Peter Wende: Das britische Empire. Geschichte eines Weltreichs, München: C.H.Beck 2008, 367 S., 15 Karten, ISBN 978-3-406-57073-5, EUR 24,90
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Rezension von:
Peter Alter
Fachbereich 1, Universität Duisburg-Essen
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Peter Alter: Rezension von: Peter Wende: Das britische Empire. Geschichte eines Weltreichs, München: C.H.Beck 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/14097.html


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Peter Wende: Das britische Empire

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Lord Curzon, einer der Granden der Konservativen Partei Großbritanniens, residierte von 1898 bis 1905 als Vizekönig von Indien in Kalkutta, das damals noch Sitz der britischen Kolonialverwaltung für das "Juwel in der Krone" war. Wie viele seiner Landsleute blickte er voller Stolz und Selbstbewusstsein auf das Weltreich, das den ganzen Erdball umspannte und um das es von den anderen europäischen Kolonialmächten beneidet wurde, allen voran vom Deutschen Reich. Die Weltgeschichte kenne nichts Großartigeres, meinte Lord Curzon mit Blick auf die Länder, über denen der Union Jack wehte - ein Viertel der Landfläche der Erde. Eine britische Zeitschrift beschrieb das Empire für ihre Leser 1901 anschaulicher und poetischer: London herrsche über "einen Kontinent, hundert Halbinseln, fünfhundert Vorgebirge, tausend Seen, zweitausend Flüsse, zehntausend Inseln." Die Zahlen mochten mit der Realität nicht so genau übereinstimmen, aber sie ließen erahnen, um welche Dimensionen es beim größten Reich der Neuzeit ging. Verwaltet wurde das vielgestaltige Empire, das überhaupt erst nach dem Ersten Weltkrieg seine größte territoriale Ausdehnung erlebte, von ein paar Dutzend Beamten im Londoner Kolonial- und Indienministerium.

Zu diesem Zeitpunkt, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, schaute die kleine Insel am Rande Europas, die auch über die stärkste Hochseeflotte der Welt verfügte, schon auf eine dreihundertjährige Geschichte ihres Empire. Entstanden war das erste oder "ältere" Empire seit dem späten 16. Jahrhundert in Rivalität mit den damaligen großen See- und Kolonialmächten Spanien und Portugal, eher zufällig und häufig als Folge privater Initiative oder des eigenmächtigen Handelns schatzsuchender Freibeuter wie Sir Francis Drake oder Sir John Hawkins.

Die abenteuerliche Entstehungsgeschichte des ersten Empire der Briten beschreibt der Frankfurter Historiker Peter Wende mit großer Klarheit und Sachkenntnis. Er hebt dabei nachdrücklich die Bedeutung des Handels hervor, die Rolle von Entdeckern und der Regierung in London, die organisatorischen Probleme und schließlich auch die äußerst schwierigen Kommunikationsverhältnisse in einer Zeit ohne Flugzeuge und Telefon. Mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776 brach das Herzstück des "älteren" Empire weg; seine Restbestände, vor allem die westindischen Inseln, Teile von Kanada und ein paar verstreute Stützpunkte auf allen Kontinenten wurden Bestandteile des "jüngeren" Empire, dessen Zentrum seit dem frühen 19. Jahrhundert das riesige Britisch-Indien wurde. Mit seiner Entwicklung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs beschäftigt sich Wende im zweiten Teil seines Buches. Im dritten Teil geht es schließlich um das "Ende und Erbe", mit anderen Worten: um die Transformation des vom Mutterland beherrschten Empire in das Commonwealth of Nations, eine Gemeinschaft von derzeit 53 unabhängigen Staaten. Dass historische Reiche leise von der historischen Bühne abtreten, ist selten. In der Regel implodieren sie oder verzehren sich und andere in finalen Orgien der Gewalt.

Einen vergleichbaren Überblick, der zugleich eine Deutung und Bewertung dieser einzigartigen politischen Schöpfung einer europäischen Macht ist, hat im deutschen Sprachraum noch kein anderer Historiker gewagt. Wende hat die gewaltige Aufgabe souverän und mit einer überzeugenden Setzung der Schwerpunkte gelöst. Seine Darstellung ist vor allem eine politische Geschichte des Weltreichs, in dem die sprichwörtliche Sonne nicht unterging, sowie eine überaus anschauliche Schilderung seines Erwerbs, seiner geradezu unaufhaltsam anmutenden Expansion, seiner virtuosen Verwaltung, seiner Helden und Märtyrer und schließlich seiner Auflösung in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber daneben vernachlässigt er auch nicht die wirtschaftlichen Grundlagen dieses Reiches, die ökonomischen Vorteile, die es vermeintlich und tatsächlich dem Mutterland brachte, die kulturellen Wechselbeziehungen und die Rückwirkungen, die die Existenz des Empire auf die Mentalität und Gewohnheiten der Menschen in Großbritannien und in den ehemals abhängigen Gebieten hatte. Wende verweist zu Recht auf Schriftsteller und Dichter wie Samuel Taylor Coleridge, Rudyard Kipling oder E. M. Forster, die von der Erfahrung des Empire geprägt waren und auf die Autoren in den Mitgliedsländern des Commonwealth, die heute ihre Werke in Englisch verfassen und ganz selbstverständlich in jeder englischen Literaturgeschichte aufgeführt werden.

Wenn heute in Großbritannien noch immer gern Tee getrunken wird und in Pakistan, in Neuseeland oder auf Jamaika Cricket gespielt wird, so hat auch dies etwas mit dem vergangenen Empire zu tun. Und bisher hat noch keine Regierung in London daran gedacht, die Verleihung des "Order of the British Empire" für besondere Verdienste um das Gemeinwohl einzustellen. Kurz: Jeder auch noch so oberflächliche Besucher Großbritanniens, Südafrikas, Indiens, Kanadas, Australiens oder Hongkongs wird heute auf Schritt und Tritt auf Spuren stoßen, die an das untergegangene Weltreich der Briten erinnern. Ein Denkmal für Königin Viktoria wird er nicht nur vor dem Buckingham-Palast in London finden, sondern auch in Melbourne, in Kalkutta und in Toronto. Und jeder, der genauer hinschaut, wird noch viel mehr entdecken. Wende weist zum Beispiel darauf hin, dass in vielen ehemals abhängigen Gebieten in Übersee das Justizwesen, der Stil der politischen Auseinandersetzung, das Pressewesen und wissenschaftliche Institutionen von der einstigen Kolonialmacht tief geprägt wurden. Umgekehrt sind die Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien in Afrika, der Karibik oder dem indischen Subkontinent aus dem Straßenbild britischer Städte nicht mehr wegzudenken. Während noch im 19. Jahrhundert das Empire vielfach als Ventil für den sozialen Druck im Mutterland angesehen wurde und es dies wahrscheinlich auch tatsächlich war, ist Großbritannien heute für viele Menschen aus dem ehemaligen Empire zum Ziel ihrer sozialen, wirtschaftlichen und vielfach auch politischen Hoffnungen geworden.

Wende scheut sich nicht, in der Rückschau die Größe des Empire und seine welthistorische Bedeutung gebührend zu würdigen. Die dunklen Flecken in dessen Geschichte verschweigt er nicht. Sein faszinierendes Buch bietet eine faire Bilanz und streift auch die Nostalgie, mit der manchmal an das Empire erinnert wird. Heute, im 21. Jahrhundert, wird gelegentlich ein Foto abgedruckt, das 1921 bei einem Besuch des Prinzen von Wales, des späteren Königs Eduard VIII., in dem Protektorat Aden am südwestlichen Zipfel der arabischen Halbinsel aufgenommen wurde. Die jubelnden Menschen am Straßenrand zeigen ein Spruchband. Darauf ist zu lesen: "Tell Daddy we are happy under British rule". So einfach war und ist die Geschichte des Empire natürlich nicht. Aber wenn sie so differenziert, reflektiert und kenntnisreich dargeboten wird wie bei Wende, wird sie zur ebenso spannenden wie lehrreichen Lektüre.

Peter Alter