Rezension über:

Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich", München: Oldenbourg 2006, 767 S., ISBN 978-3-486-57989-5, EUR 49,80
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Rezension von:
Susanne Zimmermann
Institut für Geschichte der Medizin/Klinikum, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Zimmermann: Rezension von: Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich", München: Oldenbourg 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/12487.html


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Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich"

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In einer umfangreichen Einleitung beschreibt der Historiker Ralf Forsbach die Problemstellung, vor allem aber den aktuellen Forschungsstand. Erstere ist von besonderer Bedeutung, um die Ergebnisse der lokal angesiedelten Studie historisch entsprechend einordnen zu können. Die ausführliche Besprechung des aktuellen Forschungsstandes, vor allem zur Geschichte der Medizin und insbesondere zu jener der deutschen Medizinischen Fakultäten ermöglicht auch eine Einordnung dieser Studie Forsbachs in den entsprechenden Kontext. Obwohl im letzten Dezennium vermehrt wichtige Arbeiten zur Medizin und über Medizinischen Fakultäten im Nationalsozialismus vorgelegt worden sind, muss der Feststellung, "[...] in einigen Werken zur Medizin und Universitätsgeschichte werden die Medizinischen Fakultäten im "Dritten Reich" behandelt, meist aber nur vergleichsweise oberflächlich [...]" (42) bedingungslos zugestimmt werden. Besonders bemerkenswert, um nicht zu sagen erstaunlich ist, dass eine deutsche Medizinische Fakultät, eben die von Forsbach untersuchte Bonner Medizinische Fakultät, die Untersuchungen zu ihrer Geschichte während der NS-Zeit selbst initiierte und unterstützt hatte. Dies ist eher eine positive Ausnahme.

Forsbach beginnt seine anspruchsvolle Studie über die Medizinische Fakultät Bonn mit dem Kapitel "Die Institute und Kliniken". Entsprechend der von ihm beschriebenen Methode werden die einzelnen Akteure in ihrer Symbiose mit den von ihnen geleiteten Einrichtungen vorgestellt. Quellenmäßig belegbare Handlungs- und Verhaltensweisen werden dargestellt. In einem ersten Unterpunkt wird jedoch zuvor auf "Das Ausgreifen der NS-Ideologie" eingegangen, wie beispielsweise auf die NSDAP-Mitgliedschaft von Fakultätsangehörigen und auf die anfänglich relativ zurückhaltende Haltung der Bonner Studentenschaft gegenüber dem Nationalsozialismus. Diesem schließt sich dann die Darstellung der einzelnen medizinisch-theoretischen Institute an. Es beginnt mit dem Anatomischen Institut und endet mit dem Institut für gerichtliche und soziale Medizin. Die entsprechenden Institutsvorstände werden ebenso wie auch ausgewählte Assistenten vorgestellt. Deren wichtigsten, quellenmäßig belegbaren Verhaltensmuster hinsichtlich verwaltungsrelevanter Entscheidungen und politischen Haltungen werden ebenso wie auch institutsinterne oder fakultätsbezogene Querelen, oft bis in das kleinste Detail, analysiert. Fachspezifisch werden die während der NS-Zeit stattgefundenen Berufungen, wie beispielsweise die der Nachfolger des Pharmakologen Hermann Fühners und des Gerichtsmediziners Friedrich Pietrusky untersucht und entsprechende Konstellationen und Interessenwahrnehmungen aufgezeigt.

Dieser Darstellung schließt sich die der Kliniken an, beginnend mit der Medizinischen Klinik, die seit 1932, wie Forsbach schreibt, von dem überzeugten Katholiken Paul Martini geleitet wurde. Es folgen die Medizinische Poliklinik, die Kinderklinik, die Klinik und Poliklinik für physisch und Nerven-Kranke, die Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten, die Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten, die Chirurgische Klinik und Poliklinik, die Augenklinik und Poliklinik, die Klinik und Poliklinik für Ohren-, Hals- und Nasenkranke und die Zahnklinik. Den Abschluss bildet das Medizinhistorische Institut. Forsbach gelingt damit ein eindrucksvoller Überblick über die Persönlichkeiten, die die Bonner Medizinische Fakultät, aber auch die Universität prägten.

Im anschließenden Kapitel "Die Politik der 'Säuberung', Denunziation und Entlassungen aus 'rassischen und politischen Gründe'" werden die Opfer dieser NS-Maßnahmen vorgestellt. Dabei nimmt das Schicksal des prominentesten Verfolgten, das des Nestors der Schulzahnpflege, Prof. Alfred Kantorowicz, den zu recht umfangreichsten Platz ein. Ausführlich wird der politisch motivierte Entzug von Doktorgraden beleuchtet und Betroffene genannt. Beim Lesen dieser Ausführungen entsteht zwangsläufig die Frage bezüglich der Rehabilitation nach 1945. Aussagen dazu finden sich in einem späteren Kapitel.

Bevor die Probleme der Lehre, insbesondere die auf dem Gebiet der Rassenhygiene und die Forschung im zu untersuchenden Zeitraum beschrieben werden, wird in einem vergleichsweise kurzen Kapitel die "Verwaltung der Kliniken und Institute" thematisiert. Vieles was unter diesem Kapitel einzuordnen wäre, findet man bereits in der Darstellung der einzelnen Institute und Kliniken.

Einen umfangreichen Platz nimmt "Der Missbrauch[es] der Medizin" ein. Unter den Überschriften "Psychiatrie und 'Euthanasie'" und "Zwangssterilisation" ("Tatort Frauenklinik" und "Tatort Chirurgische Klinik") wird die Beteiligung Bonner Mediziner an der Vernichtung sogenannten "lebensunwerten Lebens" dargestellt. Die Beteiligung von Kurt Polisch und von Friedrich Panse als T4 -Gutachter wird thematisiert, und die entsprechenden Verbindungen zur Rheinischen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt aufgezeigt. So werden beispielsweise die Opfer der Mordaktion T4 mit "Bonner Hintergrund" namentlich aufgelistet und somit dem Vergessen entrissen.

Weiterhin wird einem bislang meist verdrängtem Kapitel, die Versorgung Anatomischer Institute mit Leichen Hingerichteter, durch Forsbach der nötige Stellenwert eingeräumt. Es ist jedoch kein Bonner Spezifikum, dass durch die Anatomie keine Leichen von Häftlingen aus Konzentrationslagern übernommen worden sind. Auch für die Jenaer Anatomie lassen sich beispielsweise nur zwei Leichen von Häftlingen aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Buchenwald nachweisen. Bedauerlicherweise sind jedoch in diesem Kontext keine Aussagen zu finden, ob heute noch in der Bonner Anatomischen Sammlung Präparate integriert sind, die von diesen Hingerichteten gewonnen wurden.

Im achten Kapitel "Der Krieg" werden die sich immer mehr zuspitzenden Probleme hinsichtlich des medizinischen Personals, der medizinische Unterversorgung, der Forschungseinschränkungen bis hin zu den Folgen der Bombardierungen thematisiert. Aussagen zu "Gesetzesbruch, Opposition und Widerstand" schließen sich an.

Forsbachs Darstellung endet jedoch nicht mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 9. März 1945 in der Stadt Bonn. Im zehnten Kapitel "Die Erneuerung nach Diktatur und Krieg" werden die Schwierigkeiten eines "Neuanfanges" und die der "Entnazifizierung" an Hand von mehreren Beispielen, darunter die der ehemaligen T4- Gutachter Kurt Polisch und Friedrich Panse, dargestellt. Ebenso werden von Forsbach "Rehabilitierung und Entschädigung" thematisiert, wobei die Geschehnisse um Alfred Kantorowicz wiederum an prominenter Stelle stehen.

Im 11. Kapitel "Die Fakultät als Ort von Konflikten und Interessebündelungen" mit seinen Unterpunkten "Fakultät und Universität", "Fakultät und Stadt" und "Fakultät und Reich" werden ebenso wie im "Schlusskapitel" sowohl entsprechende Verbindungen und "Netzwerke" als auch so manches bislang nicht Erwähntes beschrieben, wie beispielsweise, dass Bonner Fakultätsangehörige nicht nur die Zwangssterilisationen durchführten, sondern als Beisitzer an Erbgesundheitsobergerichten einen weiteren Beitrag zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" leisteten.

Die von Forsbach vorgelegte Monographie, verbunden mit einem Blick auf heutige medizin-ethische und historische Diskussionen, ist hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer detaillierten Komplexität, Quellenvielfalt und einer vorsichtig zurückhaltenden Beurteilung der agierenden Persönlichkeiten ein verdienstvolles Unikat in der medizinhistorischen, sozial- und disziplingeschichtlichen Forschung. Sie ist als Maßstab weiterer Forschungen anzusehen.

Susanne Zimmermann