Rezension über:

Rainer Leng (Hg.): Das Benediktinerkloster St. Stephan in Würzburg (= Historische Studien der Universität Würzburg; Bd. 4), Rahden / Westf.: Verlag Marie Leidorf GmbH 2006, 178 S., ISBN 978-3-89646-836-9, EUR 46,80
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Rezension von:
Wolfgang Weiß
Institut für Historische Theologie, Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Weiß: Rezension von: Rainer Leng (Hg.): Das Benediktinerkloster St. Stephan in Würzburg, Rahden / Westf.: Verlag Marie Leidorf GmbH 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/11386.html


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Rainer Leng (Hg.): Das Benediktinerkloster St. Stephan in Würzburg

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Hauptseminare an Historischen Instituten deutscher Universitäten besitzen nicht unbedingt den Ruf von Forschungsschmieden, sondern bilden nicht selten, der Not gehorchend, wenig kreative Massenveranstaltungen. Umso dankbarer muss man sein, wenn es Ausnahmen gibt und sogar ein eigener Sammelband als Ergebnis zustande kommt. Anzuzeigender Band bildet die Frucht eines kleinen, aber umso konstruktiveren Seminars am Lehrstuhl für fränkische Landesgeschichte zur Geschichte des früheren Würzburger Benediktinerklosters St. Stephan im Wintersemester 2004 unter Leitung des Herausgebers Rainer Leng.

Die Seminarteilnehmer konzipierten - von der "Faszination der Quellen" (7) berührt - zuerst eine Ausstellung, die von Mai bis August 2004 in der Eingangshalle der Regierung von Unterfranken zu sehen war. Die Wahl dieses Ortes bot sich an, da die Regierung seit 1850 in den Gebäuden dieses Klosters untergebracht worden war und nach der Zerstörung vom 16. März 1945 am gleichen Platz ein neues Domizil erhielt. Während der Ausstellung wurde dann auch angeregt, die Ergebnisse in einer Veröffentlichung niederzulegen. Dass dies tatsächlich erfolgt ist, kann nur begrüßt werden. Jüngere Forschungen - mit Ausnahme des Beitrages Elmar Hochholzers, der sich vornehmlich mit der Situation St. Stephans in der Zeit Bischof Julius Echters (reg. 1573-1617) auseinandersetzt, sowie der 1990 erschienenen Studie von Monika Ofer zur mittelalterlichen Herrschafts-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte - fehlen. Dass die Verantwortlichen sich nicht von der philiströsen Angst, den Arbeiten der Studierenden würde die letzte inhaltliche Perfektion und begriffliche Sicherheit fehlen, was natürlich bei Erstlingsarbeiten nie ganz zu vermeiden ist, leiten ließen und das Projekt zu einem glücklichen und auch respektablen Abschluss führten, darf dankbar hervorgehoben werden und ebenso als Ansporn für ähnliche Vorhaben gelten. Daher will auch der Rezensent nicht durch kleinliche Hinweise und Verbesserungsvorschläge hervortreten.

Der Band beginnt mit einer deutschen und englischen Zusammenfassung der Ergebnisse (9-20). Darauf folgt ein vom Herausgeber verfasster Überblick (21-39) über die Geschichte dieser geistlichen Korporation, die vermutlich im Jahr 1014 als Kanonikerstift in der Sandervorstadt außerhalb des damaligen Mauerrings Würzburgs gegründet und 1075 von Bischof Adalbero (reg. 1045-1090) in ein Benediktinerkloster umgewandelt wurde. Bis zur Säkularisation 1803 prägte die Abtei das geistliche und geistige Leben der fränkischen Bischofsstadt nachhaltig. Die Ausführungen zeigen, dass sich die Entwicklung im durchaus charakteristischen Rahmen bewegte. Eine erste Blütezeit endete im frühen 13. Jahrhundert; nach einer längeren Krisenzeit begann im 15. Jahrhundert wieder eine Phase des Aufschwungs, der sich besonders in den intensivierten Bildungsbemühungen der Mönche äußerte. Im 16. Jahrhundert führten Reformation, Bauernkrieg und die unsichere politische Situation des Hochstifts Würzburg zu einem neuerlichen Niedergang. Die katastrophale wirtschaftliche Lage zwang Julius Echter den Münsterschwarzacher Abt Johannes Burckhard von 1590 bis 1598 als Administrator einzusetzen. Bis zum Tod Julius Echters hatte sich die Abtei aber wirtschaftlich konsolidiert, auch die monastische Disziplin war wiederhergestellt. Der Dreißigjährige Krieg brachte nur einen vorübergehenden Rückschlag. Bis zur Säkularisation erlebte das Kloster eine neue Blütephase: Es entwickelte sich zu einem fränkischen Wissenschaftszentrum mit einer der größten Bibliotheken der Region. Eng war die Zusammenarbeit mit der benachbarten Julius-Universität. Abschließend wird die Aufhebung 1803 beleuchtet. Die Kirche wurde ab dem 1. Januar 1804 der neuen protestantischen Gemeinde Würzburgs zugewiesen. Auch der evangelische Pfarrer und die evangelische Schule wurden in den Baulichkeiten des ehemaligen Klosters untergebracht. Wie schon erwähnt, war daneben die Regierung von Unterfranken Hauptnutzer.

Im Detail werden dann von Florian Geißler die "Gründung des Klosters St. Stephan - Vorgeschichte als Stift, Patrone und frühe Schenkungen" (41-56) und von Markus Frankl "Das geistige Leben im Kloster: Benediktsregel, Klosterreform und Pfarrorganisation" (57-79), allerdings beschränkt auf das Mittelalter, vorgestellt. Rainer Leng nimmt dann "Das Kloster als Wirtschaftsbetrieb" (81-101) von der Gründungszeit bis zur Säkularisation in den Blick. St. Stephan war demnach als ein Kloster für 30 Konventualen angelegt, wobei die Zahl besonders im Spätmittelalter nicht unerheblich unterschritten wurde. Erst im 18. Jahrhundert näherte man sich wieder der anfänglichen Richtgröße. Leng weist auch nach, dass dem Kloster in der Frühzeit eine große Zahl adeliger Mönche angehörte, wobei es aber nie ein Adelsprobat gab. Schon im Spätmittelalter überwogen die Bürgerlichen und in der Neuzeit stellten adelige Mitglieder eine Ausnahmeerscheinung dar. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Ausführungen von Annemarie Heuler über "Die Bibliothek von St. Stephan" (103-124), deren Reste sich heute in der Würzburger Universitätsbibliothek befinden und deren ursprünglicher Bestand sich durch einen zweibändigen Bibliothekskatalog aus dem Jahr 1797 rekonstruieren lässt. Sie weist vor allem auf die bedeutende Buchbinderei von St. Stephan im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert hin und gibt auch einen Überblick über "Gelehrte und Wissenschaft im Kloster St. Stephan" ab der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Kloster brachte so bekannte Gelehrte wie den Kantianer Maternus Reuss (1751-1798) und den Historiker Ignatius Gropp (1695-1758) hervor. Der Beitrag von Christoph Ries über "Das Kloster im Spiegel von Urkunden, Siegeln und Wappen" (125-142) sowie "Ein baugeschichtlicher Überblick über die Klosterkirche und die Klostergebäude von St. Stephan" (143-162) von Katharina Weber - mit einem Faltblatt, das den eindrucksvollen, im Würzburger Diözesanarchiv befindlichen Klosterplan aus dem Jahr 1719 zeigt - runden den Band ab. Neben dem obligatorischen Quellen- und Literaturverzeichnis (169-177) ist noch auf das Verzeichnis der Äbte (163f.) und den "Überblick über die wichtigsten Archivalien zur Geschichte des Klosters St. Stephan" (165-168) mit einer Einführung zur Quellenlage hinzuweisen.

Der Wert des Bandes ergibt sich aus der quellenorientierten Arbeitsweise. Damit konnten unter Berücksichtigung der bisherigen Literatur neue Erkenntnisse zur Geschichte des Klosters St. Stephan in Würzburg gewonnen werden. Dass damit die Erforschung dieses mainfränkischen Benediktinerklosters keineswegs zum Abschluss gekommen sein kann, braucht an sich nicht näher erwähnt zu werden. Besonders die Situation im 17. und 18. Jahrhundert bedarf noch einer weiteren Erschließung. Gleichzeitig wäre es sehr hilfreich, wenn für andere fränkische Klöster ähnliche Veröffentlichungen vorliegen würden. Zu weiteren historischen Seminaren, die in dieser Art Forschungsarbeit leisten, kann nur nachdrücklich ermutigt werden.

Wolfgang Weiß